Der alte Schutzmantel um den Unglücksreaktor Tschernobyl wurde vor zwei Jahren stabilisiert. Nun soll eine gigantische Stahlhalle über die Ruine geschoben werden © Daniel Berehulak/Getty Images

Es war der Super-GAU, der größte anzunehmende Unfall. Vor 24 Jahren, mitten in der Nacht um 1:23 Uhr am 26. April 1986, explodierte der Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl . Rund einhundert Mal mehr Radioaktivität als bei den Atombombenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki wurde freigesetzt, ganz Europa wurde verstrahlt. Noch heute leiden Tausende Menschen an den Spätfolgen.

Das Reaktorgelände ist seitdem eine Großbaustelle. Noch im gleichen Jahr, kurz nach der Explosion, errichteten Hunderttausend Arbeiter unter Einsatz ihres Lebens eine provisorische Schutzhülle, Verzweifelt schütteten sie Sand und Blei auf den brennenden Reaktor, um den Einsturz des zerborstenen Reaktorblocks zu verhindern.

Die Sicherung der Ruine ist seitdem die größte Herausforderung, denn niemand kann abschätzen, was bei einem Einbruch passiert. Witterung und Dauerbestrahlung haben die Betonwände mürbe gemacht. Die Fachleute des Reaktors warnen vor einem Einbruch und fürchten vor allem, dass Wasser in die Ruine eindringt. Denn im Inneren des Meilers hat sich ein gefährliches Gemisch aus Asche und Lava angesammelt, das hochradioaktiv verstrahlt ist. Käme es in Kontakt mit Wasser, hätte das kaum kontrollierbare Folgen, das Grundwasser könnte radioaktiv belastet werden.

Seit Jahren gibt es Pläne für eine gigantische Schutzhülle, die über den Unglücksreaktor geschoben werden soll. Doch die Planungen für den stählernen Sarkophag ziehen sich hin, so komplex ist das Bauvorhaben. Es soll nicht weniger als das größte, bewegliche Gebäude der Welt werden – zudem noch auf radioaktiv verseuchtem Areal errichtet. Statt im Jahr 2007 wird die neue Schutzhülle nun wohl erst 2013 fertiggestellt. Und die Kosten werden sich bis dahin wohl verdoppelt haben.

Vor zwei Jahren konnten Ingenieure den brüchigen, einsturzgefährdeten Sarkophag stabilisieren. Die Westwand hatte sich bis dahin um etwa 50 Zentimeter geneigt und drohte zu kollabieren. Nun wird sie von riesigen Metalltürmen zusammengehalten. Auch das Dach wurde abgedichtet, damit weniger Regenwasser eintritt.

Lutz Küchler ist Tschernobyl-Experte der deutschen Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit in Köln. Die Institution unterstützt die ukrainischen Atomaufsichtsbehörden. Diese kommen allerdings nur langsam voran. Zurzeit würden die Arbeiter die Fundamente für die Stahlkonstruktion vorbereiten, erzählt Küchler, der regelmäßig die Baustelle besucht. Die Stahlhalle soll etwas entfernt vom zerstörten Reaktor 4 montiert und später auf Schienen über den Block geschoben werden. Ein weltweit einmaliges Unterfangen.

"Die neue Schutzhülle ist eine enorme, technische Herausforderung, weil die Arbeit daran unter den besonderen Bedingungen der Tschernobyl-Zone stattfindet und immer auch mit einer Strahlendosis verbunden ist", sagt Küchler. "Das verlangt hohe Sicherheitsanforderungen an das Personal."