Wer einmal die riesige Werfthalle des gescheiterten Cargolifter-Projekts in Brandenburg gesehen hat, kann sich eine Vorstellung über die Ausmaße der Schutzhülle in Tschernobyl machen. Der Schutzbogen soll rund 110 Meter hoch und 260 Meter breit werden. Allein die Bogenwände sollen etwa zwölf Meter dick werden. Rund 100 Jahre soll die Stahlhülle halten. Ein Konsortium namens Novarka rund um die französischen Baukonzerne Vinci und Bouygues will ihn errichten.

Ist der Bogen einmal über den Reaktor geschoben und die Seitenwände abgedichtet, dann werden die Arbeiten im Inneren beginnen. "Zunächst sollen das Dach und weitere Teile des existierenden Sarkophags demontiert werden, um einen möglichen Einsturz zu verhindern. Danach sollen die kontaminierten Teile und der bei der Explosion im Inneren verteilte Kernbrennstoff langfristig fachgerecht entsorgt werden", sagt Küchler. Wohin die teilweise hochradioaktiven Komponenten allerdings gelangen, ist noch unklar. Ein Endlager für Atommüll ist auch in der Ukraine noch nicht in Sicht.

Doch nicht nur für Ingenieure ist die Schutzhülle eine Herausforderung. Gleiches gilt für die Finanziers. Seit 13 Jahren steht Vince Novak ihnen vor. Als Direktor für nukleare Sicherheit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) in London verantwortet er den Tschernobylfonds, in den Regierungen einzahlen.

Aus ihm werden mehr als 150 Projekte in Tschernobyl finanziert, vom Bau des Schutzbogens über den Aufbau von Messsystemen bis zu Abfallentsorgungsanlagen. Etwa 20 Länder beteiligen sich an der Finanzierung – den größten Anteil stemmen die USA und die Europäische Union . Sogar die Gewinne der EBRD aus Zins- und anderen Anlagengeschäften wandern zum Teil direkt in den Tschernobylfonds.

800 Millionen Euro hat Novak bislang von Regierungen erhalten, schriftlich zugesagt sind 820 Millionen. Novak ist Realist. "Wir kalkulieren inzwischen mit Kosten von mehr als einer Milliarden Euro", sagt er. "Die bisherige Summe wird sicherlich nicht reichen." Mancher Experte spricht sogar von 1,6 Milliarden Euro. Das wäre doppelt so viel wie ursprünglich gedacht.

"In den ersten Planungen hat man sicherlich noch nicht ausreichend die hohen Sicherheitsanforderungen an Arbeiter und Anwohner bedacht", sagt Novak. Tschernobyl ist eine Baustelle der Ungewissheit. Noch immer stehen etwa die Kosten für die Stahlhülle nicht abschließend fest, da weiterhin über das endgültige Design beraten wird.

Ob Novak das Geld zusammenbekommt? "Wir machen uns Sorgen, dass das Unglück von Tschernobyl in Vergessenheit gerät und die Zahlungsbereitschaft sinkt", sagt er. Früher erhielt er anlässlich des Jahrestages des Reaktorunglücks jede Menge Anrufe – inzwischen ist die Zahl deutlich zurückgegangen. Ein wenig Hoffnung schöpfte er vor zwei Wochen auf dem Atomgipfel in Washington . Dort sagte US-Präsident Barack Obama seinem ukrainischen Amtskollegen Viktor Janukowitsch eine weitere Finanzspritze für die Ruine zu.

Für Sebastian Pflugbeil, Präsident des atomkritischen Vereins Gesellschaft für Strahlenschutz ist dagegen schon jetzt klar, dass es sich bei dem Stahl-Sarkophag um ein überflüssiges Projekt handelt. Er ist ein vehementer Kritiker des Baus, seit er 2001 selbst das Innere der Ruine inspizierte. Seiner Meinung nach befindet sich weitaus weniger radioaktives Material in der Hülle als angenommen. Der größte Teil sei bei der Explosion nach draußen geschleudert worden.

"Bricht der Sarkophag zusammen, ist das sicherlich fatal, aber die Strahlung wird keine Folgen für Kiew oder Westeuropa haben", ist sich Pflugbeil sicher. "Trotzdem steckt man eine Milliarde Euro in die Stahlhülle und versorgt damit auch westliche Firmen. Für die gravierenden medizinischen Probleme der Bevölkerung gibt es aber keinen Euro von den reichen Staaten."