Euro-Krise EU-Kommission will Haushalte vorab sehen

Angesichts der Schuldenkrise will die EU künftig härter durchgreifen und bei der Budgetplanung der Mitgliedsländer mitreden. Kanzlerin Merkel ist nicht abgeneigt.

"Die Fiskalpolitik muss vorab koordiniert werden": Olli Rehn, EU-Kommissar für Wirtschaft und Währung

"Die Fiskalpolitik muss vorab koordiniert werden": Olli Rehn, EU-Kommissar für Wirtschaft und Währung

Schon ab 2011 sollen nach dem Willen der EU-Kommission die Regierungen der Mitgliedstaaten ihre Budget-Entwürfe in Brüssel vorlegen, bevor die nationalen Parlamente darüber abstimmen. Sieht die Kommission Risiken für die Euro-Zone, könnte sie einschreiten. Allerdings wolle Brüssel lediglich Empfehlungen abgeben, nicht aber am nationalen Haushaltsrecht rütteln, sagte Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Das ist einer von mehreren Vorschlägen, die die Kommission vorgelegt hat, um künftig Finanzsünden der EU-Mitglieder zu verhindern und zugleich die Wirtschaftspolitik innerhalb des Bündnisses abzustimmen. Auch die Partnerländer sollen die nationalen Haushalte vorab einsehen dürfen.

"Die Fiskalpolitik muss vorab koordiniert werden, damit die nationalen Haushalte die Stabilität der anderen Mitgliedstaaten nicht in Gefahr bringen", sagte EU-Währungskommissar Olli Rehn in Brüssel.

Anzeige

Ob die Kommission mit diesem Vorschlag bei den Mitgliedstaaten durchkommt, ist allerdings offen. Frankreich befürchtete den Beteuerungen Barrosos zum Trotz, dass nationale Kompetenzen nach Brüssel verlagert werden sollen. "Das Parlament und nicht die EU-Kommission entscheidet über den Haushalt eines Landes", sagte Regierungssprecher Luc Chatel. Frankreich unterstütze aber die Idee einer besseren Koordination in Budget- und Fiskalfragen. Es sei nötig, gemeinsame Ziele zu setzen.

Die Bundesregierung reagierte gespalten auf den Vorschlag. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte in Berlin, das Haushaltsrecht sei eine Angelegenheit der nationalen Parlamente und gehöre zum "Kernbestand der Souveränität". Kanzlerin Angela Merkel sah in den Überlegungen der EU-Kommission dagegen keine Entmachtung der nationalen Parlamente. "Das muss man ja nicht gleich so interpretieren", sagte Merkel in Berlin. Dass die EU-Kommission rechtzeitig Stellung nehme und warne, dass ein Haushalt nicht die Stabilitäts- und Wachstumskriterien erfülle, "das, glaube ich, ist nicht schlecht", sagte die Kanzlerin. Sie verwies darauf, dass Budgetpläne bereits heute nicht geheim seien und sich die Kommission bereits ein Urteil bilden könne.

Währungskommissar Rehn plant überdies weitere Maßnahmen, um künftige finanzpolitische Verwerfungen zu verhindern. Für den Fall, dass ein Mitgliedsstaat die Schuldenlimits überschreitet, hat er künftig automatische Strafen vorgesehen – und zwar ohne mehrheitliche Zustimmung der Euro-Finanzminister. Als Sanktion könnte Brüssel beispielsweise Finanzhilfen aus dem EU-Kohäsionsfonds für strukturschwache Regionen einfrieren. Derzeit laufen gegen 20 von 27 EU-Mitgliedsstaaten Verfahren wegen übermäßiger Haushaltsdefizite.

ZEIT-ONLINE-Debatte

In der schwersten Krise des Euro seit Gründung der Währungsunion zeigen die Euro-Staaten Geschlossenheit: Mit 750 Milliarden Euro stemmt sich die Eurozone gegen die Spekulanten. Aber wird das Paket ausreichen, um die Krise zu beenden? Was muss zusätzlich unternommen werden, um den Euro zu retten? Debattieren Sie mit uns.

Für den schlimmsten Fall, einen drohenden Staatsbankrott, will die Kommission besser vorsorgen: Hoch verschuldete Länder sollen mit einem dauerhaften Kreditprogramm vor dem Staatsbankrott gerettet werden. Dieser Mechanismus würde über das am Wochenende beschlossene 750-Milliarden-Euro schwere Rettungsprogramm für den Euro hinausgehen, das auf drei Jahre befristet ist.

Zudem sieht sein Entwurf vor, dass die EU-Staats- und Regierungschefs jeweils zu Jahresbeginn Leitlinien zur Wirtschaftspolitik vorgeben. Diese sollen dann die Grundlage für die nationalen Stabilitäts- und Reformprogramme sein. Merkel kündigte an, die Vorschläge würden umfassend diskutiert. Zugleich regte sie an, die Maßnahmen noch zu verschärfen. "Ich glaube, dass sie noch nicht ausreichen, aber dass sie ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung sind", sagte die Kanzlerin. Ein stärkerer Überwachungsmechanismus für den Stabilitäts- und Wachstumspakt sei nötig. Wenn aber ein scharfer Pakt angestrebt werden solle, müssten Vertragsänderungen einbezogen werden.

Derweil hat das krisengeschüttelte Griechenland die erste Finanzspritze zur Rettung seiner Staatsfinanzen erhalten. Wie der staatliche griechische Rundfunk berichtete, hat der Internationale Währungsfonds (IWF) 5,5 Milliarden Euro nach Athen überwiesen. Die griechische Regierung erwartet in den kommenden Tagen auch die ersten bilateralen Kredite anderer Euroland-Partner in Höhe von etwa 14,5 Milliarden Euro. Bis zum 19. Mai braucht sie zur Deckung von Verpflichtungen etwa neun Milliarden Euro. Die Gewerkschaften haben bis dahin weitere Proteste gegen das Sparprogramm der Regierung angekündigt.

 
Leser-Kommentare
  1. Ich lese gerade in einer unabhängigen Zeitung, daß
    Karl Albrecht Schachtschneider,
    Wilhelm Nölling,
    Joachim Starbatty,
    Wilhelm Hankel
    Klage gegen die Griechenland-Hilfe eingereicht haben.
    Diese Information gehört zum Gesamtbild.

    • joG
    • 12.05.2010 um 17:10 Uhr

    ...sehen, ob die EU diese Souveränität den Ländern nehmen kann. Das ist eine zentrale Substanz parlamentarischer Selbstbestimmung. Fällt sie, so ist unvorstellbar, dass man ernsthaft noch behaupten könnte, dass das GG noch eine wesentliche Bedeutung hat. Dazu dürfte also eine 2/3 Mehrheit nicht genügen und man müsste nach dem GG das Volk befragen.

    Leider ist mW nach dem Lissabonner Vertrag lediglich eine qualifizierte Mehrheit notwendig. Sicher bin ich mir da allerdings nicht. Vielleicht ist hier ein Jurist, der das sagen kann.

    • etiam
    • 12.05.2010 um 17:34 Uhr

    und was passiert, wenn sie den Haushalt gesehen haben? Sie sagen böses, böses Griechenland (wahlweise jedes andere Land) du sollst dich bessern.
    Wir hatten auch bisher die Defizitgrenze, es war auch bisher der EU bekannt, dass sie nicht eingehalten wurde - nur getan wurde nichts.
    Es fehlt nicht an Kontrolle, es fehlt an Sanktionen!
    Wie wäre es wenn für jeden Euro der jenseits der Defizitgrenze aufgenommen wird eine Strafzahlung von 50 cent in einen Währungsfond fällig wäre.
    Dann würde endlich mal gespart und nicht nur davon geredet (siehe FDP!)

  2. Da die Kommissare der Union (27 an der Zahl) fast im "Würfelverfahren" und nicht nach Qualifikation ausgesucht werden, wird also irgendwann ein Rumäne oder Bulgare oder Tscheche unseren Staatshaushalt "begutachten". Tolle Perspektiven sind das. Nein Danke.

  3. Denn unsere Regierung, wie auch andere in der EU, scheinen offenbar dazu nicht mehr in der Lage zu sein! Staatlicher Schuldenstand im Verhältnis zum nominalen BIP 2009 (Quelle Wikipedia "Staatsverschuldung"):

    Italien 115,6 %
    Griechenland 115,1 %
    Belgien 96,7 %
    Frankreich 77,6 %
    Portugal 76,8 %
    Deutschland 73,2 %
    Malta 69,1 %
    Österreich 66,5 %
    Irland 64,0 %
    Niederlande 60,9 %
    Zypern 56,2 %
    Spanien 53,2 %

    Offenbar geht es auch anders:

    Finnland 44,0 %
    Slowenien 35,9 %
    Slowakei 35,7 %
    Luxemburg 14,5 %

    Die Nicht-Euro Staaten:

    Ungarn 78,3 %
    Vereinigtes Königreich 68,1 %
    Polen 51,0 %
    Schweden 42,3 %
    Dänemark 41,6 %
    Lettland 36,1 %
    Tschechische Republik 35,4 %
    Litauen 29,3 %
    Rumänien 23,7 %
    Bulgarien 14,8 %
    Estland 7,2 %

  4. Ist die ganze Krise vielleicht doch nicht so schlimm? Machen die Medien einen zu grpßen Hype?

    Einfache Lösung:
    Künftig können Hersteller mit 3-D-Plakaten werben, die sich durch eine bislang unerreichte Raumwirkung auszeichnen. Eine spezielle Brille muss der Betrachter nicht aufsetzen. Moderne Belichtungsverfahren erzeugen die 3-D-Bilder, die bis zu fünf Meter groß sein können.
    http://www.fremdbeziehung...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service