Wenn Costas Bakouris auf das in ausländischen Medien transportierte Bild einer griechischen Schmiergeld-Gesellschaft angesprochen wird, wird der 73-Jährige schnell unruhig. Trägt wirklich jeder Grieche einen fakelaki (zu Deutsch: kleiner Umschlag) mit sich, um ihn im Bedarfsfall – mit Geld gefüllt – an notwendiger Stelle unter dem Tisch durchzureichen? Bakouris schüttelt ärgerlich den Kopf: "Das ist einfach Unsinn."

Bakouris muss es wissen: Er leitet in Griechenland die nationale Sektion von Transparency International (TI). Die nichtstaatliche Organisation kämpft weltweit gegen Bestechung und Bestechlichkeit. In Griechenland ermittelt TI Jahr für Jahr, wie groß das Ausmaß der Korruption ist – und es liegt in Wirklichkeit deutlich unter dem, was in der aktuellen Hellas-Krise regelmäßig in Medien ("Schmiergeld gehört in Griechenland einfach dazu") suggeriert wird. "Der Umfang liegt bei etwas über 13 Prozent, also in etwa jedem siebten Privathaushalt", erläutert Bakouris im Gespräch mit ZEIT ONLINE. "Es ist somit eine klare Minderheit. Der größte Teil der Griechen hat mit fakelaki nichts zu tun."

Dennoch ist mehr als 13 Prozent eine signifikante Zahl. TI taxiert die von den griechischen Haushalten gezahlten Bestechungsgelder für 2009 auf insgesamt 787 Millionen Euro. Korruption fängt in Griechenland schon beim Arztbesuch oder bei der Ausstellung eines Fahrzeugscheins an. Solche Dienstleistungen werden oft erst nach Bezahlung eines Trinkgeldes erbracht.

Zur Bestechung gesellt sich in Griechenland ein weiteres Übel: die hohe Schattenwirtschaft. Ein großer Teil der in dem Land erwirtschafteten Leistung wird gar nicht ausgewiesen, viele rechnen sich vor dem Fiskus arm. "Die Schattenwirtschaft in Griechenland macht 25 Prozent des offiziellen Bruttoinlandsprodukts aus", benennt Friedrich Schneider von der Universität Linz die Dimension. In keinem anderen Euroland ist die Rate derart hoch. Zum Vergleich: In Deutschland liegt sie bei knapp 15 Prozent, in Frankreich oder Österreich sogar noch niedriger.

Die ausufernde Schwarzarbeit hat für den griechischen Staat zwei negative Folgen: Zum einen wäre das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ohne sie höher, folglich die Defizitquote, gemessen am BIP, deutlich geringer. Nach offizieller Berechnung lag sie 2009 bei 13,6 Prozent. Zum anderen entgehen dem Staat durch die Schwarzarbeit jährlich Steuereinnahmen in zweistelliger Milliardenhöhe. Könnte der Staat über diese Summen verfügen, müssten EU und IWF womöglich gar keine Finanzhilfen leisten.

Die Probleme sind in Griechenland seit Jahren bekannt, doch es mangelt am Willen, dagegen konsequent vorzugehen. "Frühere Regierungen waren nicht sehr motiviert, das Problem anzupacken", sagt Bakouris. Den Behörden würden außerdem die richtigen Instrumente fehlen, um Steuerhinterziehung festzustellen und zu ahnden. Unter dem seit Oktober 2009 regierenden sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Giorgios Papandreou soll sich das jetzt ändern. Er legt einen Schwerpunkt seiner Reformarbeit auf den Kampf gegen Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit.

 

Kurzfristige Erfolge sind aber kaum zu erwarten. Schattenwirtschafts-Experte Schneider geht davon aus, dass es mindestens zwei Legislaturperioden dauern wird, bis Athen signifikante Ergebnisse vorweisen kann. Doch die Regierung muss angesichts der exorbitanten Verschuldung zügig die Haushaltslage verbessern. Deshalb wurde jüngst eine weitere Anhebung der Mehrwertsteuer auf 23 Prozent beschlossen. Ein zweischneidiges Schwert, findet der TI-Griechenland-Chef Bakouris: "Für diejenigen, die ungern Steuern zahlen, ist die Erhöhung erst recht ein Anreiz, nun die Steuer zu umgehen. Die Ehrlichen werden dagegen bestraft."

Bakouris hält deshalb andere Schritte auf lange Sicht für Erfolg versprechender: Die Gesetze müssten konsequenter angewandt und klarer formuliert werden, um Steuerhinterziehung zu unterbinden und besser bestrafen zu können. "Wichtig wäre eine effektivere Steuerverwaltung", sagt der TI-Experte. Viele bürokratische Abläufe müssten zudem über das Internet organisiert werden. "Dann hätte der Bürger keinen direkten Kontakt mit einem Beamten, der von ihnen eine 'Zusatzgebühr' verlangt."

Dem stimmt Fabian Zuleeg vom European Policy Centre (EPC) zu. "Griechenland muss in Personal investieren, damit der Staat Steuersünder überhaupt verfolgen kann", sagt der Ökonom des Brüsseler Thinktanks. "Aber für solche Investitionen hat der griechische Staat in seiner derzeitigen desolaten Lage gar kein Geld." Damit droht sich Athen aber auf lange Sicht Chancen zu verbauen, seine Einnahmensituation nachhaltig zu verbessern.

Doch warum ist die Schattenwirtschaft in Griechenland überhaupt so groß? Fachmann Friedrich Schneider nennt sie die "Steuerrebellion des kleinen Mannes": Viele Bürger hätten kein Vertrauen in den Staat und in dessen Rolle, verantwortungsvoll mit Geld umzugehen. Dieses Problem sieht auch Bakouris: "In der griechischen Gesellschaft herrscht traditionell wenig Vertrauen zwischen den Regierungen und den Bürgern."

Mangelndes Vertrauen beschreibt das Verhältnis der Griechen zu ihrem Staat indes nur zum Teil. Viele Griechen betrachten den Staat als Dienstleister, als Arbeitgeber. Das führt zu einem ausgeprägten Klientelwesen: "Als Wahlkreiskandidat betrachte ich den Wähler als Kunden, dem ich – dafür, dass er mich wählt – etwas Gutes tue, also zum Beispiel, dass ich ihm einen Job in der Verwaltung besorge", erläutert Bakouris. Die Folge: ein aufgeblähter Staatsapparat, der Unsummen verschlingt. So existieren in Griechenland Hunderte staatlich berufene Kommissionen, bei denen unklar ist, wozu sie überhaupt bestehen – außer, um Tausenden Jobs zu beschaffen. Doch die Regierung hat jetzt angekündigt, diese Gremien auf den Prüfstand zu stellen und aufzulösen.

Der griechische TI-Chef ist optimistisch und setzt auf einen Katalysatoreffekt der Schuldenkrise: "Der Großteil der Bevölkerung hat erkannt, dass sie auch eine Folge der Korruption ist und man dieses Problem lösen muss, wenn man die Krise überwinden will. Ist es mühsam? Ja. Ist es möglich? Ja." Immerhin, ein Appell der Regierung hat offenbar bereits gefruchtet: Das Sammeln von Kaufbelegen scheint in Griechenland neuer Volkssport zu werden.