WirtschaftsreformenGriechenland braucht einen "Herkules-Plan"

Das Land muss seine Wirtschaft neu erfinden – sonst verpufft die Kredithilfe aus Europa. von Jorgo Chatzimarkakis

Der Bahnhof in Athen: Griechenland muss seine Wirtschaft reformieren - und endlich seine Chancen nutzen

Der Bahnhof in Athen: Griechenland muss seine Wirtschaft reformieren - und endlich seine Chancen nutzen  |  © Aris Messinis/AFP/Getty Images

Auch wenn es um Kredite geht, fragen sich Europas Steuerzahler angesichts der Griechenland-Krise voller Sorge: Bekommen wir das Geld wieder oder fließt es in ein gigantisches Fass ohne Boden? Ich schlage vor, dass wir die Taschenlampe in dieses Fass halten, um besser zu sehen, wie der Boden beschaffen ist. Und um zu verstehen, woran es mangelt und was vorhanden ist.

Politisch bedeutet das erstens, die Mängel sichtbar zu machen und, wo es geht, zu beseitigen. Versinnbildlicht wird dies durch die endlich systematische Auswertung von Satellitenbildern, die aufdecken, wer bei seiner Steuererklärung gelogen und den Swimmingpool hinterm Haus verschwiegen hat.

Zweitens: Damit die 110 Milliarden Euro an Krediten der Euroländer und des Internationalen Währungsfonds, deren erste Tranche jüngst überwiesen wurde, zu gegebener Zeit tatsächlich wieder zurückfließen, muss die griechische Wirtschaft funktionieren und kräftig wachsen.

Jorgo Chatzimarkakis

Der FDP-Politiker mit deutschem und griechischen Pass ist Abgeordneter im Europäischen Parlament. Er entwirft einen Rettungsplan für Griechenland – und will die Menschen dort bei ihrem Stolz packen.

Dafür aber braucht Griechenland einen nationalen Aktionsplan, ähnlich dem legendären Marshallplan, der vor rund 60 Jahren besonders Deutschland den wirtschaftlichen Neubeginn ermöglichte. Angesichts der Größe der Herausforderung kann man getrost von einem "Herkules-Plan" sprechen – nach dem mythischen Helden, der zwölf schier unmögliche Aufgaben meistern musste, um seinen Frondienst zu beenden. Im Jahr 2010 sind die Aufgaben für die Griechen unter der Führung von Premierminister Papandreou ebenfalls gewaltig: Sie müssen ihre Wirtschaft vom Kopf auf die Füße stellen.

Vordergründig geht es darum, die Steuerhinterziehung, die Korruption und die Schattenwirtschaft zu bekämpfen. Aber wie sieht es hinter diesen Megathemen bei der konkreten Gestaltung der Wirtschaft aus? Besonders hier sehe ich interessante Chancen:

Binnennachfrage: Trotz des Sparpakets muss die Nachfrage im Inland gestärkt werden – und besonders die nach griechischen Produkten. 70 Prozent der Wirtschaft hängen vom privaten Konsum ab. Deshalb sollte die Regierung eine EU-konforme "made in Greece"-Initiative starten. Hinzu kommt: Der Einzelhandel ist dominiert von deutschen Ketten. So hat zwar Lidl viele Waren billiger und damit erschwinglicher gemacht. Leider stammen die Produkte aber kaum aus Griechenland – die Erzeuger im Land kommen nicht zum Zug. Deshalb sollten künftig Projekte, wie bei Tengelmann in Rumänien, an eine 50-Prozent-Klausel für inländische Waren im Angebot geknüpft werden.

Erneuerbare Energien: Griechenland hat das modernste Photovoltaikgesetz der Welt. Leider wird es bisher nicht angewandt, weil Dei, der Monopolist am Strommarkt, das bisher verhindern konnte. Dabei weist das Land die meisten Sonnentage Europas auf. Die Infrastruktur für Sonnenenergie sollte ausgebaut werden, um sie auch exportieren zu können. Das wäre auch für deutsche Unternehmen ein Investitionsgeschäft. 

Mittelstandsbank: Wer in Griechenland investieren will, klagt oft über Finanzierungsprobleme. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich deutsche Geschäftsbanken kaum zu einem Engagement bewegen lassen. Der klassische Unternehmenskredit ist aber auch für einheimische Banken unattraktiv, solange sie durch den Kauf von Staatsanleihen eine hohe Verzinsung erzielen können. Griechenland braucht deshalb eine Mittelstandsbank.

Seetransport: Griechenland hat die größte Handelsflotte Europas und nach Japan die zweitgrößte der Welt. Damit könnte Griechenland ein Tor nach Europa bilden, insbesondere für den Balkan und Mitteleuropa. Thessaloniki könnte durch ship and rail zum Drehkreuz werden. Doch dafür muss die Infrastruktur ausgebaut werden. EU-Fördergelder hierfür gäbe es, doch teilweise ist die griechische Verwaltung nicht in der Lage, die komplexen formalen Voraussetzungen für den Abruf der Gelder zu erfüllen.

Informationstechnologie: Die griechische IT-Industrie ist bedeutend, etwa im Bereich eHealth. Griechische Informatiker gehören nach Einschätzung des Economist zu den besten 20 Personalpotenzialen im IT-Bereich weltweit. Dieses Potenzial sollte angesichts der fortschreitenden Digitalisierung der Wirtschaft dringend weiter gefördert werden.

Steuern: In Griechenland versickern rund 30 Milliarden Euro pro Jahr in der Schattenwirtschaft. Die Geschichten griechischer Ärzte, die Villa, Jacht und Porsche haben, jedoch nur ein geringes Einkommen angeben, waren in den deutschen Medienen masse zu lesen. Mangelnde Steuerehrlichkeit bzw. fehlender Glauben an den Staat sind von jeher ein griechisches Problem. Die Griechen müssen Vertrauen in staatliche Strukturen gewinnen. Dafür ist es elementar, dass die Lasten gerecht verteilt werden – und dies in der Gesellschaft auch so wahrgenommen wird. Um das Steueraufkommen zu erhöhen und zu festigen, könnte das slowakische Rezept der Flat Tax helfen. Es ist der beste Weg, um Steuerflüchtlinge zu bekehren und somit stabile und zuverlässige Staatseinnahmen zu gewährleisten.

Anzeige
Leserkommentare
  1. Im Falle Griechenlands nicht "Herakles-Plan" heißen?
    :)

    • alkyl
    • 27. Mai 2010 13:37 Uhr

    So eine lange Liste, und alles im Konjunktiv. Da wird schnell klar, was Joe Ackermann meinte. Die Hydra sieht dagegen wie ein süßes Kuscheltierchen aus.

    • isualK
    • 27. Mai 2010 13:38 Uhr

    Wäre es nicht das Beste für Griechenland, wenn Leute, wie Herr Chatzimarkakis zurück gehen würden und dem Land helfen, als sehr schlau im Europaparlament zu reden und in Deutschland Artikel zu verbreiten?

    Aber da sollen erst mal mit europäischem Geld verfallenen Dörfer schön hergerichtet werden, damit sich Menschen wie der saubere Herr Chatzimarkakis die Füße nich schmutzig machen.

    Und dann müssen die Griechen nicht Vertrauen in staatliche Strukturen bekommen, sondern sie müssen von einer funktionierenden Verwaltung dazu gezwungen werden, ihrer Leistungsfähigkeit entsprechend, Steuern zu bezahlen.

    Aber das ist für einen FDP-Politiker unvorstellbar!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    gezwungen werden- das ist die lösung!

    ach nein...das nur das geschwafel eines ahnungslosen , obrigkeitshörigen und duckmäuserischen deutschen michels.

    die geschichte ( auch die jüngere ) hat gezeigt das griechen sich nicht "zwingen" lassen. wenn druck & zwang wachsen fängt der grieche erst an dem auszuweichen ( verschleiern , täuschen , tarnen ) und wenn das nicht mehr möglich ist begehrt er dagegen auf im vollen bewußtsein das er der souverän des landes ist der sich nichts gefallen lassen muß. nein Hr.Chatzimarkakis hat schon recht man muß den griechen schon bei seiner ehre packen und am ehesten ist das zu erreichen wenn er sieht das gerechtigkeit und gleiches recht für alle herrscht und auch alle zur verantwortung gezogen werden ( was im momment nicht der fall ist )

  2. gezwungen werden- das ist die lösung!

    ach nein...das nur das geschwafel eines ahnungslosen , obrigkeitshörigen und duckmäuserischen deutschen michels.

    die geschichte ( auch die jüngere ) hat gezeigt das griechen sich nicht "zwingen" lassen. wenn druck & zwang wachsen fängt der grieche erst an dem auszuweichen ( verschleiern , täuschen , tarnen ) und wenn das nicht mehr möglich ist begehrt er dagegen auf im vollen bewußtsein das er der souverän des landes ist der sich nichts gefallen lassen muß. nein Hr.Chatzimarkakis hat schon recht man muß den griechen schon bei seiner ehre packen und am ehesten ist das zu erreichen wenn er sieht das gerechtigkeit und gleiches recht für alle herrscht und auch alle zur verantwortung gezogen werden ( was im momment nicht der fall ist )

    Antwort auf "Zurück gehen"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • isualK
    • 27. Mai 2010 14:41 Uhr

    wirklich so sind, wie Sie das beschreiben, dann haben sie nicht, aber auch gar nichts im Eoro-Raum und der EU zu suchen. Wenn sie sich jetzt von Resteuropa retten lassen und die Schulden bezahlen lassen und dann auch noch dagegen aufbegehren, dass sie selbst auch sparen müssen, dann ist das absoöuter Sprengstoff für Europa.

    Was werden Sie denn machen, wenn für die Bildung Ihrer Kinder kein Geld mehr da ist, weil auch Deutschland an allen Ecken und Enden sparen muss, weil die Griechen ihre Schulden nicht zurückzahlen? Sagen sie dann immer noch: die sind halt so?

    Ich kenne kein Land in dem die Bürger freiwillig, gerne und ohne Zwang ihre Steuern zahlen.

    • isualK
    • 27. Mai 2010 14:41 Uhr

    wirklich so sind, wie Sie das beschreiben, dann haben sie nicht, aber auch gar nichts im Eoro-Raum und der EU zu suchen. Wenn sie sich jetzt von Resteuropa retten lassen und die Schulden bezahlen lassen und dann auch noch dagegen aufbegehren, dass sie selbst auch sparen müssen, dann ist das absoöuter Sprengstoff für Europa.

    Was werden Sie denn machen, wenn für die Bildung Ihrer Kinder kein Geld mehr da ist, weil auch Deutschland an allen Ecken und Enden sparen muss, weil die Griechen ihre Schulden nicht zurückzahlen? Sagen sie dann immer noch: die sind halt so?

    Ich kenne kein Land in dem die Bürger freiwillig, gerne und ohne Zwang ihre Steuern zahlen.

    Antwort auf "genau ..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    muss ja auch keiner mögen , er muß sie nur akzeptieren und das geht am ehesten wenn er sieht das sie gerecht und bei wirklich allen erhoben werden.

    und deshalb ist auch das hauptproblem das im momment zu lösen ist ein gerechtigkeitsproblem , wie können sie von den einfachen arbeitnehmern und der vielzahl von angestellten im öffentlichen dienst ( von den 50% zeitverträge haben ) die gesetzestreu die meisten ihrer steuern zahlen ( und bevors kommt : 1000 tricks das finanzamt auszutricksen , immer ein bestseller in deutschland) verlangen zu sparen , auf gehalt zu verzichten und mehr steuern zu zahlen wenn es nicht alle trifft und die üblichen verdächtigen , die seit jahren bekannt und auch angezeigt sind , davon kommen?

    das bewußtsein das gespart werden muß und das es so nicht weitergeht ist bei fast allen griechen vorhanden , aber bevor keine gerechtigkeit herrscht wird keiner mit guten beispiel vorangehn- das ist aufgabe des staates und der politik in diesem momment , erst wenn es mit diesem schritt vertrauen erwirbt , werden die griechen ( sicher murrend aber immerhin) folgen .

    annsonnsten - der molotow cocktail liegt bereit , nur das streichholz fehlt

  3. muss ja auch keiner mögen , er muß sie nur akzeptieren und das geht am ehesten wenn er sieht das sie gerecht und bei wirklich allen erhoben werden.

    und deshalb ist auch das hauptproblem das im momment zu lösen ist ein gerechtigkeitsproblem , wie können sie von den einfachen arbeitnehmern und der vielzahl von angestellten im öffentlichen dienst ( von den 50% zeitverträge haben ) die gesetzestreu die meisten ihrer steuern zahlen ( und bevors kommt : 1000 tricks das finanzamt auszutricksen , immer ein bestseller in deutschland) verlangen zu sparen , auf gehalt zu verzichten und mehr steuern zu zahlen wenn es nicht alle trifft und die üblichen verdächtigen , die seit jahren bekannt und auch angezeigt sind , davon kommen?

    das bewußtsein das gespart werden muß und das es so nicht weitergeht ist bei fast allen griechen vorhanden , aber bevor keine gerechtigkeit herrscht wird keiner mit guten beispiel vorangehn- das ist aufgabe des staates und der politik in diesem momment , erst wenn es mit diesem schritt vertrauen erwirbt , werden die griechen ( sicher murrend aber immerhin) folgen .

    annsonnsten - der molotow cocktail liegt bereit , nur das streichholz fehlt

    Antwort auf "Wenn die Griechen ..."
  4. Na Herr Jorgo C. hat da schon Recht...

    die Frage ist ob erfolgversprechendes dabei herauskommt und ob die Umsetztung gelingt. Steuerbewustsein zu schaffen war schon immer schwer, Dinge wie "gesellschaftliche Verantwortung" werden nicht diskutiert, es gab keinen Bedarf...dieses Bewustsein wird erst jetzt geschaffen, nachdem der Handlungsbedarf offensichtlich wird.
    In Griechenland herrscht eine generelle Asymetrie der Einkommenverteilung, der Staat hat eine ueberalterte Struktur, Vetternwirtschaft und "Oelen" (zu dt.:schmieren ) ist "normal".
    Der Wirtschaft fehlt der zweite Sektor; die subventionierte Landwirtschaft ist nicht konkurenzfaehig und produziert einfach zu teuer.
    Um konkurenzfaehig zu sein muss man heute dem Kunden schon was bieten, die Konkurenz schlaeft nicht !
    Die Korruption zu beseitigen scheint fast unmoeglich, weil niemand sich zu verantworten hat.
    Die Gerichte haben teilw.Prozesszeiten von mehreren Jahren,
    niemand stoert sich an solchen Dingen, es ist ja "normal"
    Jahrelang ist der Grieche in diesem System " gefangen ",
    kann nicht mehr tun als zu warten bis die dazu Beauftragten
    der Politik etwas aendern....

    den werden sie das nicht, dann werden aus Tomaten:

    schnell molotow cocktails,

    "nur das streichholz fehlt"

    • secura
    • 31. Mai 2010 7:49 Uhr

    In diesem Beitrag wird - wie so häufig- das Thema "Griechenland und Rüstung" nicht erwähnt.

    Während die meisten EU-Staaten ein bis eineinhalb Prozent des Bruttosozialprodukts für Rüstung ausgeben, gaben die vorherigen griechischen Regierungen gut 4 % des griechischen Bruttosozialprodukts für Rüstung aus.

    Allein Deutschland hat seit 1998 Waffen im Wert von 45 Milliarden EURO an Griechenland verkauft. Die gesamte Griechenland-Hilfe belief sich auf 110 Milliarden EURO. Schon an diesen Zahlen erkennt man den Beitrag der Hochrüstung an den gegenwärtigen Problemen Griechenlands. Sicherlich ist die Hochrüstung nicht die einzige Ursache der griechischen Misere, aber eine wesentliche.

    Welchen Schluss sollte man aus den Fehlern der Vergangenheit ziehen? Es wäre sinnvoll,alle abgeschlossenen Rüstungsverträge auf den Prüfstand zu stellen und zumindest die noch nicht erfüllten rückabzuwickeln. Jede dabei gesparte Milliarde hilft Griechenland und der griechischen Regierung beim Überleben - und trägt mittelbar zum Erfolg des EURO bei.

    Hans-Peter Oswald

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Griechenland | Agrarprodukt | Lidl | Porsche | Strommarkt | Australien
Service