Kommentar : In der Krise mehr Europa wagen!

Die EU spannt einen Rettungsschirm über die Euroländer. Ein richtiger und wichtiger Schritt. Es bleibt zu hoffen, dass er nicht zu spät kommt, kommentiert Marcus Gatzke.

Es ist eine existenzbedrohende Krise, die die Europäische Währungsunion durchlebt. Aber noch ist es hoffentlich nicht zu spät, den Rettungsanker auszuwerfen. In einer wohl einmaligen Aktion wird die EU ein 750 Milliarden Euro schweres Rettungspaket auf den Weg bringen, um schnell und wirksam anderen Ländern der Euro-Zone zu helfen.

Über die Mitglieder der Euro-Zone wird so ein Rettungsschirm gespannt. Endlich, mag man den Politikern zurufen. Endlich! Zu lange wurde gezögert, zu lange wurde zu national und zu wenig europäisch gedacht. Die einzige Alternative, das Ende der Währungsunion in ihrer jetzigen Form, hätte eine neue Bankenkrise und womöglich eine tiefe Rezession zur Folge.

Warum ist der Schirm notwendig? An den Finanzmärkten ist ein gutes Maß an Realismus verloren gegangen. Allein der Glaube daran, dass auch Spanien und Portugal ihr Schuldenproblem nicht in den Griff bekommen, führt dazu, dass sie es vielleicht wirklich nicht schaffen.

Anders formuliert: Die Banken haben Angst, ihr Geld zu verlieren und fordern höhere Zinsen, um das wachsende Risiko auszugleichen. Die höheren Zinsen machen es den Staaten schwerer, ihr Haushaltsproblem in den Griff zu bekommen. Die Folge: Die Angst am Markt nimmt weiter zu. Die ökonomische Theorie nennt das eine sich selbst erfüllende Finanzkrise, die Politik nennt es populistisch Spekulation . In jedem Fall eine Negativspirale, die durchbrochen werden muss.

Hier kommt der Rettungsschirm ins Spiel: Genauso wie Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrer Garantie für alle deutschen Einlagen in der Hochphase der Finanzkrise zur Entspannung der Lage beigetragen hat, könnte die Garantie der EU-Kommission die Negativspirale beenden.

Die Investoren wissen jetzt, im Notfall ist schnell und genügend Geld da, um einen Ausfall von Krediten zu verhindern. Der Markt wird beruhigt und Spekulationen gegen einzelne Euroländer werden deutlich unattraktiver.

Merkels Garantie musste nie eingelöst werden. Sie war – realistisch betrachtet – auch nicht bezahlbar. Mehr als eine Billionen Euro wären notwendig gewesen, um das Versprechen zu erfüllen. Trotzdem hat sie ihre Wirkung nicht verfehlt. Ebenso ist es wahrscheinlich, dass die Kommission gar nicht auf ihr neues Instrumentarium zurückgreifen muss.

Denn die Probleme in Portugal, Spanien und den anderen sogenannten Piigs-Staaten sind bei weitem nicht so gravierend wie in Griechenland. Beispiel Portugal: Die Schulden sind deutlich niedriger als in Athen und die Regierung in Lissabon hat bereits weitreichende Maßnahmen beschlossen. Wer mehr als 150.000 Euro verdient, muss mehr Steuern zahlen, und auf Börsengewinne soll künftig eine Steuer von 20 Prozent fällig werden. Weitere Sparanstrengungen werden folgen. So soll das Haushaltsdefizit bis 2013 auf unter drei Prozent gedrückt werden. Was Portugal braucht, ist Zeit und akzeptable Zinsen, um sich am Markt zu refinanzieren. Gleiches gilt für Spanien.

All das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Krise die entscheidenden Schwachpunkte der Währungsunion zu Tage gefördert hat. Dank der günstigen Zinsen der Europäischen Zentralbank haben einige Länder über ihre Verhältnisse gelebt und so einen künstlichen Boom im eigenen Land erzeugt.

Sollte die Währungsunion am Ende glücklich davonkommen, muss sie für die Zukunft krisenfest gemacht werden. Wenn die Euroländer sich nicht füreinander verantwortlich fühlen, ist die nächste Krise programmiert. Die Vorschläge, die derzeit diskutiert werden, gehen in die richtige Richtung: Eine stärker koordinierte Wirtschaftspolitik und schärfere Defizitregeln. Am Ende muss mehr Europa stehen und nicht weniger.

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Kommentare

33 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Wie sich Geschichte doch wiederholt

"Wollt Ihr den totalen Euro?"

Und wieder schreien alle Hurra, einschließlich des Zeit-Kommentators, der sich nicht entblödet, Ursache und Wirkung dieser Krise zu verwechseln und damit der Dolchstoß-Legende der Politik auf den Leim zu gehen.

Ursache für den Wertverfall des Euro ist nicht der böse Spekulant.

Ursache ist die Unfähigkeit der europäischen Politiker zu sparen und nur soviel auszugeben, wie man auch einnimmt.

Rettungsschirm

Lieber Silversurfer,

natürlich haben die EU-Staaten über ihre Verhältnisse gelebt, das schreibe ich auch ausdrücklich. Daraus müssen die entsprechenden Lehren gezogen werden.

Und wenn Sie den Text genau lesen, spreche ich nicht von Spekulanten, sondern die Politik. Wahr ist aber, dass sich in den vergangenen Wochen eine Negativspirale an den Märkten entwickelt hat. Dem muss etwas entgegengesetzt werden.

Schöne Grüße Marcus Gatzke

Wird nie in Anspruch genommen?

Man sollte sich mal die prognostizierte Entwicklung der Staatsschulden im Euroraum in den naechsten 30 Jahren genauer ansehen.
Es folgt eine regelrechte Explosion der Schulden, die sich fast exponential entwickeln werden.
Dem kann man entweder durch eine Inflation entgehen oder durch Reformen. Wer sich aber die Haushalte im Euroraum ansieht, wird schnell bemerken, dass die Neigung zu Sparen in allen Laendern des Euroraums sowohl historisch als auch aktuell praktisch nicht vorhanden ist.
Sollte die EZB also nicht ihre Prinzipien vollkommen aufgeben und nicht die ehrlichen Sparer per Inflation fuer die Begleichung der Schulden bluten lassen, was die Legitimitaet des Euroraums praktisch erledigen wuerde, fuehrt kein Weg daran vorbei, dass diese Garantien frueher oder spaeter in Anspruch genommen werden.

Die Inbalancen im Euroraum werden ja nicht verschwinden. Die Leute koennen sich auf eine schleichende Geldentwertung gefasst machen. Irgendwer muss ja fuer die Krise bezahlen - leider immer die Falschen.

Aus der Geschichte lernen ...

Lieber Silversurfer, ich finde es freundlich, dass der Autor des Artikels auf Ihren Kommentar antwortet und nicht den Anfang löscht. Eine Parallelisierung zwischen Goebbels‘ Rede im Berliner Sportpalast vom 18. Februar 1943 und dem Rettungsschirm für Europa ist falsch und demagogisch. Hier findet zur Zeit – zum Glück! – kein Krieg statt (wenn auch das Verhalten mancher verantwortungsloser Börsianer, die Währungen „angreifen“ das vermuten lassen), sondern hauptsächlich politisches Versagen. Die Grundidee der europäischen Vereinigung und auch der gemeinsamen Währung ist und bleibt die beste, die Europa zur Zeit haben kann. Das gilt auch für die Länder, die sich auf der sicheren Seite wähnen. Wenn sich aus der Geschichte eines lernen lässt, ist es die Überlegenheit des europäischen Friedens- integrations- und Sozialstaatsmodells gegenüber jahrhundertelanger Kleinstaaterei und Bürgerkriegen mit den Nachbarn. Der Euro ist das Gegenprojekt zur Goebbelsrede, was allerdings nicht bedeutet, dass es keine vernünftige, sparsame und steuergerechte Finanzpolitik mit Kontrollmechanismen geben müsste.

Schuld

Dieses Rettungspaket lädt zu neuen Spekulationen ein,an dem
auch wieder die Politik der EU Schuld sein wird!Sollte diese
gigantische Summe in Anspruch genommen werden,werden die
Notenpressen auf Hochdruck laufen und das bedeutet die ganz
grosse Inflation,darum auch die Absprache ´mit den USA.
Dieser Plan stammt ja von Sarkozy und seinen Mitstreitern,
Merkel hat nur abgenickt und im Gegensatz zum dummen Volk
fällt der Markt auf die Tricks der Politik nicht rein!Ein
kurzer Augenblick des Erfolg wird dieses Paket sein,denn
gegen Abwehrmassnahmen gibt es Angriffsmassnahmen,ausser der
Gegner liegt am Boden und wer wird wohl Erfahrung an den
Märkten haben,die Politik oder die Spekulanten?Die EZB kauft
alle wertlosen Anleihen der EU auf,der Euro wird da durch
nicht stärker!Dies ist mal wieder eine Zeitverzögerung und
Feuer bekämpft man nicht mit Benzin,das macht nur die Poli-
tik,dazu alles auf Pump!Die deutschen Experten haben schon
vor langer Zeit versagt,kein Politiker ein Finanzgenie,die
Politik hat dieses Chaos verursacht und wird auch jetzt
wieder nicht gegen die Banken vergehen,von denen sie die
KREDITE bekommen.