Euro-Krise Kontrolliert endlich die Hedgefonds

Die Politik lässt Hedgefonds unkontrolliert agieren. Für eine bessere Regulierung der Finanzmärkte fehlen Gesetzesinitiativen – und es fehlt an Mut.

Neue Finanzkrisen verhindern, die Spekulanten ausbremsen und die Finanzbranche an den Kosten beteiligen – folgt man den Aussagen von Europas Krisenmanagern im Amt, dann besteht über dieses Programm weitgehende Einigkeit. Auch zum Abschluss des jüngsten Krisengipfels versprachen die Regierungschefs der Euro-Zone einmal mehr, "schnellen Fortschritt bei der Regulierung der Finanzmärkte". Doch weitgehend unklar ist, wie die Ziele erreicht werden sollen.

So gibt es zum Beispiel nach wie vor kein Konzept für den Handel mit den sogenannten Credit Default Swaps (CDS). Mit diesen Verträgen können sich Finanzakteure gegen den Ausfall eines Anleiheschuldners absichern. Dabei zahlt ein Finanzinvestor einem anderen Akteur eine Versicherungsprämie und im Gegenzug verpflichtet sich der CDS-Verkäufer im Ernstfall dem Käufer des Kontrakts die gesamte versicherte Summe auszuzahlen. Anders als bei echten Versicherungen werden solche Kontrakte jedoch völlig unabhängig davon gehandelt, ob der Käufer die zugrunde liegende Anleihe besitzt oder nicht. So erzeugt der CDS-Handel eine besonders destruktive Wirkung: Anders als echte Gläubiger haben die CDS-Besitzer ein Interesse daran, dass der Schuldner zahlungsunfähig wird, oder dass zumindest dieser Eindruck entsteht. Denn dann steigen ihre Verträge im Wert. Indem sie viele CDS-Verträge kaufen und so den Preis nach oben treiben, können sie das Signal erzeugen, dass bei einem Schuldner das Risiko gestiegen ist. In der Folge verlangen dessen Kreditgeber höhere Zinsen und durch die höhere Zinslast tritt die vorher nur behauptete Schieflage tatsächlich ein.

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Genau diese Strategie unterstellen viele EU-Politiker den in London und New York geführten Hedgefonds, also unregulierten Anlagefirmen für Großanleger. Doch den Beweis dafür kann niemand führen. Denn der CDS-Markt ist völlig intransparent. Die Kontrakte werden ohne jede Meldepflicht am Telefon geschlossen. Im Kern des Geschäfts stehen fünf Großbanken, darunter auch die Deutsche Bank, die sich jedoch ihrerseits bei Dritten absichern. In der Folge gibt es lange Ketten von CDS-Verträgen über dieselbe Anleihesumme und keine Behörde weiß, welche Bank oder welcher Fonds letztlich die Risiken trägt.

ZEIT-ONLINE-Debatte

In der schwersten Krise des Euro seit Gründung der Währungsunion zeigen die Euro-Staaten Geschlossenheit: Mit 750 Milliarden Euro stemmt sich die Eurozone gegen die Spekulanten. Aber wird das Paket ausreichen, um die Krise zu beenden? Was muss zusätzlich unternommen werden, um den Euro zu retten? Debattieren Sie mit uns.

Die Lösung liegt auf der Hand: Müsste jeder CDS-Käufer die zugrunde liegende Anleihe zentral hinterlegen und würden alle Kontrakte über amtlich kontrollierte Börsen gehandelt, würde die potenziell destruktive Spekulation verhindert und die Verteilung der Risiken wäre überprüfbar. Darum forderte die US-Versicherungsaufsicht schon im Oktober 2008 das Verbot von "naked CDS". Doch den Wall-Street-Banken gelang es, ein entsprechendes Gesetz im US-Kongress abzuwenden. Die EU-Kommission hat bisher nicht einmal den Versuch unternommen und erst jetzt einen Gesetzentwurf angekündigt. Ob die Euro-Länder aber den Mut finden ohne die USA gegen den CDS-Handel vorzugehen, ist zweifelhaft.

Das gilt auch für eine weitere wichtige Maßnahme zur Befriedung der Finanzbranche: Die Begrenzung der Kredithebel. Eine zentrale Ursache der Krise war, dass die Großbanken mit hohen Summen von geliehenem Fremdkapital arbeiteten, um damit die Renditen auf ihr Eigenkapital zu vervielfachen. Das war zwar eigentlich nicht erlaubt. Aber die meisten Regierungen förderten durch laxe Aufsichtsregeln die Aushöhlung der Bankvorschriften über Gesellschaften, die außerhalb der Bilanz geführt wurden. Als dann der Wert der dort gebuchten Anlagen verfiel, vervielfachten diese Kredithebel aber auch die Verluste. Dabei verloren die schwächeren Banken so viel Eigenkapital, dass sie staatliche Stützung brauchten. Darum einigten sich die G-20-Staaten schon 2008 darauf, die Kredithebel für alle Finanzakteure zu begrenzen.

Aber das Vorhaben ist im Grundsatz bereits gescheitert. Zwar verhandeln die G-20-Aufsichtsbehörden derzeit über entsprechende Regeln für Banken. Aber die weltweit mehr als 5000 Hedgefonds, also Anlagegesellschaften für Vermögende und Großinvestoren, werden davon nicht erfasst. In den USA ist das bisher auch nicht vorgesehen, nicht zuletzt deshalb, weil Hedgefonds das zentrale Anlagevehikel für Amerikas Oberschicht sind und einen Großteil der Wahlkämpfe finanzieren. Die EU-Kommission dagegen hat immerhin den Versuch unternommen auch Fondsgesellschaften aller Art der Aufsicht zu unterstellen und vergangenen Herbst einen Gesetzesvorschlag eingebracht. Demnach sollte die Höhe der Kredithebel dann beschränkt werden, wenn die Aufseher das für nötig halten. Aber selbst diese schwache Regel fand im Rat der Finanzminister auf Betreiben der Briten keine Mehrheit. Die derzeit im EU-Parlament beratene Fassung sieht die Risikobegrenzung gar nicht mehr vor. Absehbar sei, meint ein leitender europäischer Aufsichtsbeamter, dass die Finanzwelt im großen Stil auf Hedgefonds ausweichen werde, sobald die neuen Bankenregeln greifen.

Erst recht ungewiss ist, ob es gelingt, die Finanzbranche an den Kosten der Krise zu beteiligen. Eine bloße Abgabe auf Bankengewinne, wie sie die Bundesregierung verfolgt, brächte nur wenig ein. Eine Umsatzsteuer auf Finanztransaktionen dagegen hätte den Vorteil, dass sie alle Akteure an den Finanzmärkten erfassen und allein in der EU mindestens 200 Milliarden Euro jährlich einbringen würde. Zugleich würde die Steuer die Spekulation bremsen. Umstritten ist jedoch, ob die Euro-Zone eine solche Steuer auch allein einführen könnte. Eine erste Klärung könnte die für kommenden Montag angesetzte Expertenanhörung im Finanzausschuss des Bundestages bringen.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 12.05.2010)

 
Leser-Kommentare
  1. Hier das Beispiel für einen international agierenden Hedge fund. Wie wollen Sie den kontrollieren?

    www.quand.de

    (Nach dem Anklicken bitte einen Moment abwarten.)

  2. das Problem sind nicht die Hedgefonds oder CDS, hier werden Nullsummenspiele gespielt, was der eine verdient, verliert ein anderer. Das Problem sind die Banken, welche ihr originäres Geschäft der Geldtransmission vom Sparer zum Investor ersetz haben durch ein provisionsbasiertes Geschäftsmodel, welches da heißt "originate and distibute". Finanzprodukte erfinden und verkaufen, erleichtert durch die Möglichkeit, Bilanzen durch Zweckgesellschaften zu bereinigen. Sehr schön beschrieben von Fürstenwerth in dem Buch "Geld arbeitet nicht". An diesem Geschäftsmodell der Finanzinstitute muss angesetzt werden, ein wenig Kosmetik bei Hedgefonds und CDS bringt gar nichts.

  3. Ja, das ist alles sehr kompliziert und fuer 99;5 % der Normalbuerger nicht mehr nachvollziehbar. Wohl auch die meisten Bankmitarbeiter verstehen viele dieser Finanzprodukte nicht mehr.
    Ich erinnere mich aber, dass auf dem letzten G 20 Gipfel beschlossen wurde, die Finanzmaerkte streng zu kontrollieren. Frau Merkel verkaufte das als einen ganz grossen Erfolg! Und was ist inwzischen geschehen? Anscheinend doch wohl garnichts! Sonst haetten wir doch nicht schon wieder eine Krise.
    Wofuer haben wir eigentlich die Politiker? Nur um uns mit Bla-Bla vollzulabern?
    Bitte endlich TATEN und SCHLUSS MIT DEM POLITIKER-GEQUATSCHE!!!

  4. Uuuuuuund es ist weg... http://www.youtube.com/wa...

    (hoffentlich bald das System) ;)

    Langsam frage ich mich was die Menschen noch so brauchen, um endlich aufzuwachen...

  5. ... wenn Du sie nicht benutzen willst."

    Das ist eine ganz einfache Regel, die jeder bei einer Kampfausbildung, aber auch in Deeskalationstrainings lernen sollte.

    Nun droht die EU den Spekulanten mit einer neuen 750 Mrd. Euro-Keule. Die Hüpferchen an der Börse zeigen zwei Reaktionen. Einmal, dass einige Marktteilnehmer dieses Signal ernst nehmen (Börsenindizes rauf). Aber auch, dass einige Marktteilnehmer es nicht ernst nehmen (Goldpreis auf Rekordniveau).

    Die deutsche Regierung hat, wie andere Länder, mit ihrem Banken-Rettungsschirm schon einmal ein nie dagewesenes Zeichen gesetzt. Ein zweites Zeichen mit historischer Dimension war das folgende Konjunkturpaket. Nun folgte der Euro-Schutzschirm.

    Nach drei auf Pump finanzierten Warnungen wartet die Bürger immer noch darauf, dass der Finanzindustrie gezeigt wird, dass sie ernst gemeint sind. Dort hat man aber wohl nur verstanden, dass da neue Staatshilfen sind, die man sich nur zu holen braucht. Beschützt von Regierungen, die drohen, aber nicht handfest zupacken.

    Wenn nicht endlich Gesetze und Regularien für Finanztransaktionen die Hilfspakete stützen, verpufft ihre Wirkung, ohne jegliche Verbesserung für Staaten, Wirtschaft und Bürger, aber mit Folgekosten, die die von der Finanzindustrie bereits verursachten Schäden weit übersteigen.

    Das Irrationale dabei: Gesetzgebung kostet wenig und man weiss, dass man ohne den Mut, seine legislative Macht zu nutzen, immer schwächer wird und weiter zahlt.

    Alles Gute
    Kai Hamann

  6. Warum an Mut, von wem?
    Diejenigen, die profitieren brauchen keinen Mut, und diejenigen die den Verlust tragen koennen sich den Mut nicht leisten - oder?
    Diese Denkweise wird natuerlich genaehrt. Der Verstand wird dadurch automatisch geblockt.
    Und das im aufgeklaerten 21. Jhd.
    Wo sind die Neurologen, die Soziologen, die Finanzmathematiker, die Logiker aller Sparten die dem Fussvolk den Weg ins gelobte Land des Bewusstseins weisen koennen?
    Wo sind die mutigen Maenner und Frauen des 21. Jhd.
    Sie, die Logiker, denken wohl auch in den Mut - Kategorien -oder?
    Ist eigentlich sehr bequem und hat etwas von Fruhwarnsignal an sich, man sitz ja nicht direkt am Abgrund. hat noch etwas Luft - macht Sinn - oder?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    das die vielfachen Zwänge des Lobbying -> Filz -> Klüngel -> Korruption -> Hinterzimmerpolitik -> Demokratieverachtung usw. so starke Verbindungen und Verzwickungen hervorruft das sich selbst die mit wiedererwachten Moralvorstellungen nicht daraus befreien können... Immerhin ist dort drinnen auch alles ziemlich dunkel, man sieht nicht merh klar und die Richtung findet man auch nicht so schnell. Dazu kommt noch Wahrnehmung für die die draussen geblieben sind stark eingeschränkt... Einkommende Rufe wie Politikverdruss schaffen es natürlich ebenfalls nicht durch diesen dicken Filzberg...

    das die vielfachen Zwänge des Lobbying -> Filz -> Klüngel -> Korruption -> Hinterzimmerpolitik -> Demokratieverachtung usw. so starke Verbindungen und Verzwickungen hervorruft das sich selbst die mit wiedererwachten Moralvorstellungen nicht daraus befreien können... Immerhin ist dort drinnen auch alles ziemlich dunkel, man sieht nicht merh klar und die Richtung findet man auch nicht so schnell. Dazu kommt noch Wahrnehmung für die die draussen geblieben sind stark eingeschränkt... Einkommende Rufe wie Politikverdruss schaffen es natürlich ebenfalls nicht durch diesen dicken Filzberg...

  7. Schreiben Sie mehr!

  8. eine komplette Neuorientierung des Bankensektors. Alles was über die klassischen Spareinlagen und Kreditvergabe geht gehört komplett Verboten.
    Banken gehören nicht mehr privaten Investoren (die sich nach wie vor in Steueroasen optimieren) sondern der Bevölkerung.
    Banken haben auch soziale Aufgaben zu erfüllen welche der Gesellschaft nützen. Immerhin sind es ihre Spareinlagen.
    Die Profite werden Grundsätzlich an die Kommunen, Länder und den Bund verteilt.
    Die Entscheidungsgremien sind Demokratisch aufgebaut.
    Ganz Grundsätzlich hat sich die "Wirtschaft" Demokratischen Strukturen -> Politik zu unterwerfen. Das ist immer noch viel besser als es heute der Fall ist wo sich Mio. von Menschen der Wirtschaft -> Politik unterwerfen müssen.
    Die Politik der Nationalbanken gehört ebenfalls unter Demokratische Verwaltung (ohne Lobbyisten bitte) da die Entscheidungen Mio. von Menschen betreffen.
    Alle die gerne mit Derivaten rumspielen möchten können das in den Steueroasen tun. Dort liegt das Geld nur so rum... noch....

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