Gerardo Díaz Ferrán hat mehrere Unternehmen, darunter die spanische Airline Air Comet, vor die Wand gefahren. Aus der Firmenkasse seiner Reisegesellschaft Viajes Marsans entnahm er 238 Millionen Euro. Wohin das Geld geflossen ist, weiß niemand. Der deutschen Fondsgesellschaft Union Investment schuldet Marsans vier Millionen Euro Miete und seinen 3500 Mitarbeitern das Gehalt der vergangenen zwei Monate. In jedem anderen demokratischen Land stünde er unter Betrugsverdacht. Nicht jedoch in Spanien: Der 67-Jährige ist sogar Chef des spanischen Arbeitgeberverbandes CEOE. Wirtschaftsministerin Elena Salgado hält dem Unternehmer ebenfalls weiter die Stange.

Der Fall Díaz Ferrán ist beispielhaft für die aktuelle Situation des Landes. "Politik und Wirtschaft sind zerfressen von Korruption. Während des Booms und auch noch jetzt regiert Geldgier viele Unternehmen", sagt die deutsche Vizedekanin der Fakultät für Kommunikationswissenschaften der Madrider Universität Complutense, Ingrid Schulze-Schneider. Der Madrider Finanz- und Unternehmensberater Carlos Alaiz glaubt, dass die Krise viel tiefer geht als nur wirtschaftlich: "Viele Spanier haben das Vertrauen in ihr Land verloren. Wir sind orientierungslos."

Noch ist Spanien nicht Griechenland, aber die Probleme des Landes sind erheblich: Die Neuverschuldung des unter dem konservativen Premier José María Aznar im Jahr 2000 noch als Musterland gelobten Staates liegt derzeit bei rund zwölf Prozent des Bruttoinlandsproduktes und ist damit ähnlich hoch wie in Griechenland. Zuletzt wurde auch die Kreditwürdigkeit von der Ratingagentur Standard & Poor's herabgestuft. Die Wirtschaft liegt am Boden und die Arbeitslosigkeit ist auf über 20 Prozent gestiegen. "Aus der Rezession werden wir auch in diesem Jahr nicht rauskommen, weil die großen Parteien nicht an einem Strang ziehen", fürchtet Rafael Pampillón, Volkswirt an der Madrider IE Business School. Eine Ursache liegt für ihn in der Vetternwirtschaft: "In Spanien gibt es auch nach zehn Jahren Wirtschaftswachstum wenig Innovation, dafür viel Bestechung."

Andere sehen die Situation noch düsterer: "Es wird hier noch ein Blutbad geben", warnt Matthias Meindel, Immobilienmakler aus Ostdeutschland. Er hat gerade ein Unternehmen in Madrid gegründet, um die Aktiva aus Pleite-Bauträgern und Privathaushalten von rund 25,4 Milliarden Euro, die derzeit die spanischen Finanzinstitute belasten, wieder auf den Markt zu bringen und auch selber in einige Objekte zu investieren. Er glaubt, dass Spanien vor dem Ausverkauf steht: "Zu viele Menschen wollten mit dem Immobilienboom Geld machen, zu viele unnütze Jobs wurden geschaffen, viele davon für die rund vier Millionen Einwanderer, die seit 1996 nach Spanien gekommen sind", sagt Meindel.

Von den Schwierigkeiten sind auch viele deutsche Investoren betroffen, die in den abstürzenden Immobilienmarkt investiert haben. Seit 2007 fallen die Preise für die völlig überwerteten Wohnungen und Häuser, an der Küste stehen Tausende von Appartements leer. Viele deutsche Familien werden ihre Ferienwohnungen in Krisenzeiten nicht mehr los. "Dieses Jahr wird angesichts der großen Immobilienbestände der Banken noch sehr schwierig. Irgendwie scheinen viele spanische Unternehmer und auch die Regierung jedoch die Dramatik der Situation noch nicht verstanden zu haben", glaubt der deutsch-spanische Strategieberater Luis Weickgenannt.