Erdöl Im Rausch der Tiefe

Weil der Zugang zu attraktiven Ölfeldern an Land knapp ist, bohren Energiekonzerne zunehmend in der Tiefsee. Mit schwer kalkulierbarem Risiko, wie das Beispiel BP zeigt.

Auf der Suche nach dem schwarzen Gold bohren Erdölkonzerne inzwischen mehrere Kilometer tief im Meeresgrund - mit unklaren Folgen für die Umwelt

Auf der Suche nach dem schwarzen Gold bohren Erdölkonzerne inzwischen mehrere Kilometer tief im Meeresgrund - mit unklaren Folgen für die Umwelt

Experten sprechen von einem "goldenen Dreieck", das sich zwischen der Küste vor Brasilien, dem Golf von Mexiko und der Westküste Afrikas spannt. Hier liegen die attraktivsten Erdölgebiete der Welt. Nicht nahe des Festlands, sondern in Wassertiefen von teilweise mehr als 3000 Meter. Erdölförderung der Superlative.

Es ist das jüngste und wohl riskanteste Geschäftsfeld der Branche. Erst im März nahm der Shell-Konzern die Förderung im Perdido-Feld im Golf von Mexiko auf. Nach Angaben von Shell handelt es sich mit 2450 Metern um die tiefste Offshore-Förderung der Welt. Perdido liegt rund 320 Kilometer von der texanischen Küste entfernt – passend zum spanischen Namen "Perdido", der so viel wie "verloren" bedeutet.

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"Eine solche technische Herausforderung haben wir bislang noch nicht bewältigt", sagt Shell-Manager Marvin Odum. Der Konzern hat große Hoffnungen. Allein die Fördermenge eines Tages würde auf 15 Jahre den Benzinbedarf von 500 Autos decken.

Shell ist nicht der einzige Energiekonzern, den es hinaus aufs Meer zieht. Nach Informationen des amerikanischen Energiedienstes Rigzone sind insgesamt weltweit zurzeit 750 Offshore-Ölplattformen in Betrieb. Rigzone unterscheidet allerdings nicht zwischen Tiefsee und seichteren Gewässern.

Allein 115 Bohrinseln fördern das schwarze Gold im Golf von Mexiko – eine von ihnen war auch die Deepwater Horizon , die vergangene Woche sank und die wohl größte Ölkatastrophe der USA verursachte. Vor Brasilien sind es zudem bereits 65 Bohrinseln. "Gerade die Gewässer vor Brasilien sind ein Hotspot für Tiefsee-Bohrungen", sagt Tobias Lewe, Chemie- und Ölexperte bei A.T. Kearney. Sie sind vor allem in Hand von Petrobas, dem staatlichen Energiekonzern aus Brasilien.

"Je höher der Ölpreis ist, umso attraktiver ist die Förderung von Vorkommen auch in entlegenen Regionen", sagt Lewe. Nach dem dramatischen Einbruch des Ölpreises im Sommer 2008 steigt der Dollarpreis fürs Barrel wieder kontinuierlich an. Während sich im klassischen Raffineriegeschäft (die Weiterverarbeitung von Rohöl etwa zu Benzin) nur noch geringe Margen verdienen ließen, lockten gerade im Fördergeschäft gute Gewinne, so Lewe.

Doch die Kapitalkosten sind riesig. Dreistellige Millionenbeträge, wenn nicht sogar mehrere Milliarden Dollar sind keine Seltenheit. "Wenn es produktive Offshore-Lagerstätten sind, dann lohnen sich auch Bohrkosten in Höhe von 100 Millionen US-Dollar je Loch", sagt Kurt Reinicke, Professor am Institut für Erdöltechnik an der TU Clausthal. Shell rechnet allein im Perdido-Feld mit bis zu 35 Bohrlöchern.

So ist es kaum überraschend, dass das Geschäft vor allem in Hand der großen Konzerne wie Shell, BP, Total, ExxonMobil und Chevron ist. Nur sie haben das nötige Kapital für Investments, die bis zu vier Mal so teuer wie an Land sein können. "Probebohrungen, Lizenzkauf, die neusten Technologien: Bohrungen in der Tiefsee sind sehr kapitalintensiv", sagt A.T.Kearney-Experte Lewe.

Oftmals stemmen die Konzerne die Projekte daher gemeinsam, an dem Perdido-Feld von Shell halten etwa auch Chevron und BP Minderheitenbeteiligungen. Und sie arbeiten mit Spezialfirmen zusammen wie etwa Transocean , dem Weltmarktführer im Bereich Offshore-Bohrungen, dem auch die Unglücksplattform Deepwater Horizon gehörte.

Nicht nur lukrative Gewinnchancen, sondern vor allem auch immer schlechtere Gewinnaussichten an Land lassen die Konzerne Erdöllager in abgelegenen Regionen suchen. "Die besten Konzessionen sind in der Hand von staatlichen Ölgesellschaften – da bleibt für viele Privatfirmen nur Offshore als Ausweg", sagt Reinecke.

Der Mineral Management Service , eine Fachbehörde der US-Regierung, schätzte allein im Jahr 2006 die Offshore-Ölvorkommen in bislang unentdeckten Feldern vor der amerikanischen Küste auf 86 Milliarden Barrel. Das wäre mehr als an Land.

Leser-Kommentare
    • iboxa
    • 05.05.2010 um 9:34 Uhr

    Die Bezeichnung "Tiefsee" ist zwar nicht eindeutig definiert, hier aber irreführend. Denn Öllagerstätten kann es nur in Sedimenten geben, also auf dem Festland sowie im Meer auf dem Kontinentalschelf und dem Kontinentalabhang. Der Untergrund des Ozeans jenseits dieser festlandnahen Gebiete (z. B. zwischen Afrika und Amerika) ist dagegen vulkanisch - dort kann es kein Öl geben.
    Mit dem zunehmenden Vordringen in die Tiefe der Kontinentalabhänge wird deutlich, dass den Ölkonzernen inzwischen keine Wahl mehr bleibt, als nun auch dort die letzten teuren Tropfen herauszuholen. Zugeben tun sie das ja nicht, denn eine rechtzeitige Entwöhnung unserer ölabhängigen Wirtschaft brächte die Konzerne nur um die kalkulierte Knappheits-Rendite.

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    Redaktion

    Hallo iboxa
    nur flott eine Konkretisierung: In der Regel spricht man ab ca. 1500 Metern Wassertiefe von Tiefsee. Und natürlich haben Sie Recht: Das Öl schwimmt da unten nicht einfach herum, sondern lagert im Meeresboden...
    Besten Gruß
    Marlies Uken

    Redaktion

    Hallo iboxa
    nur flott eine Konkretisierung: In der Regel spricht man ab ca. 1500 Metern Wassertiefe von Tiefsee. Und natürlich haben Sie Recht: Das Öl schwimmt da unten nicht einfach herum, sondern lagert im Meeresboden...
    Besten Gruß
    Marlies Uken

    • M.M.
    • 05.05.2010 um 9:48 Uhr

    Machen wir uns nichts vor: die Energieversorgung der Zukunft und der Umgang mit allen (!!!) für den Menschen wichtigen Ressourcen, die uns Mutter Natur zur (vernünftigen) Versorgung der "Krone der Schöpfung" zur Verfügung stellte und noch stellt, dient dem Grunde nach hauptsächlich der Profitmaximierung Weniger gegen alle Anderen.
    Wir hinterlassen den künftigen Generationen, die es auch nicht anders machen werden, jetzt schon eine permanent versaute Umwelt, oder, anders formuliert: der Planet ist durch !!!
    Die ganzen Erklärungen der Regierungen zu diesem Problemkomplex sind das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben sind und bedeuten m. E. lediglich Wichtigtuerei und Augenwischerei.
    Da lässt sich mittlerweile nichts mehr umkehren und vernünftig werden wir auch nicht mehr.
    LEIDER !!!!!!

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    • kimeki
    • 05.05.2010 um 11:07 Uhr

    Die Meldungen der Medien machen traurig: Der Bestand der Königstiger auf eineinhalb Tausend Exemplare geschrumpft, folglich so gut wie ausgerottet. Die Folgen der „Deepwater Horizon-Panne“ vom 28. April werden hunderttausende Tiere vernichten. Nichts kann diesen Teufelskreis der Vernichtung von Schöpfung stoppen. Bleibt nur die Einsicht, dass sich Vernichtung und Schöpfung zyklisch wiederholen?

    • kimeki
    • 05.05.2010 um 11:07 Uhr

    Die Meldungen der Medien machen traurig: Der Bestand der Königstiger auf eineinhalb Tausend Exemplare geschrumpft, folglich so gut wie ausgerottet. Die Folgen der „Deepwater Horizon-Panne“ vom 28. April werden hunderttausende Tiere vernichten. Nichts kann diesen Teufelskreis der Vernichtung von Schöpfung stoppen. Bleibt nur die Einsicht, dass sich Vernichtung und Schöpfung zyklisch wiederholen?

  1. ... nicht immer wieder Ideen zu ihrer Rettung gehabt hätte, gäbe es sie nicht mehr. Ich glaube an den Selbst- und Arterhaltungstrieb. Und an die große Macht der Natur.
    In der Antike gab es schon Umweltkatastrophen durch großflächige Abholzung. Die Natur muß nur eine Chance bekommen, dann schafft sie es. Meine Überzeugung: Kleinteilige Strukturen -- kurze Wege -- weg vom Individualverkehr, so könnte es gehen.

    • kimeki
    • 05.05.2010 um 11:07 Uhr

    Die Meldungen der Medien machen traurig: Der Bestand der Königstiger auf eineinhalb Tausend Exemplare geschrumpft, folglich so gut wie ausgerottet. Die Folgen der „Deepwater Horizon-Panne“ vom 28. April werden hunderttausende Tiere vernichten. Nichts kann diesen Teufelskreis der Vernichtung von Schöpfung stoppen. Bleibt nur die Einsicht, dass sich Vernichtung und Schöpfung zyklisch wiederholen?

    Antwort auf "Resignation"
  2. Redaktion

    Hallo iboxa
    nur flott eine Konkretisierung: In der Regel spricht man ab ca. 1500 Metern Wassertiefe von Tiefsee. Und natürlich haben Sie Recht: Das Öl schwimmt da unten nicht einfach herum, sondern lagert im Meeresboden...
    Besten Gruß
    Marlies Uken

    Antwort auf "Die letzten Tropfen"
  3. Die Londoner Ölfirma ist zwar jetzt vergeblich bemüht, sich unter ihren Initialen BP zu verstecken, doch ist sie nun mal britisch und produziert Petroleum in den internationalen Gewässern des Golfs von Mexiko. Ihre Versicherung gegenüber den USA, dass sie "für alle Kosten" aufkommen würde, hat sie inzwischen auf "für alle legitimen Kosten" eingeschränkt.

  4. Die Fakten liegen auf dem Tisch : Die Weltbevoelkerung steigt und damit der Verbrauch. Die uns zur Verfuegung stehenden Ressourcen werden immer weniger und werden mit immer groesserem Aufwand ausgebeutet. Alles was wir tun, ist im Endeffekt Zeit zu schinden. Wir koennen so weitermachen wie bisher und auf Wunder hoffen (revolutionaere neue Technologien - halte ich persoenlich fuer nicht sehr warscheinlich) oder uns schon mal ernsthaft und aktiv auf das vorbereiten, was da auf uns zukommt. Ohne dramatische Einschnitte bei jedem einzelnen wird das jedoch nicht funktionieren, darueber sollten wir uns keine Illusionen machen. Aber - noch haben wir diese Option .

  5. Wenn sich, nach einem Unfall, die Vertreter von Ölgesellschaften mit der Ausrede:

    "Eine solche technische Herausforderung haben wir bislang noch nicht bewältigt", sagt Shell-Manager Marvin Odum.",

    dann dürfte es sich hierbei um eine Ausrede per excellence handeln, welche vermutlich dazu dient, Versäumnisse bei der Sicherung der Bohrlöcher und Förderanlagen zu legitimieren.

    Denn seit 2001 fördert Total mit u.a. Shell und BP Öl aus der Tiefsee vor Afrika.
    Im Jahre 2008 wurde sogar noch eine weiter Förderinsel (-schiff) stationiert, mit dem nunmehr täglich über 70 Millionen Liter Öl gefördert werden.

    Link zur Förderung von Tiefseeöl vor Afrika an der Konzerne wie Ölkonzerne Esso, BP und Statoil:
    http://www.wdr.de/tv/quar...

    Dass mancher Manager der Ölkonzerne lieber auf den Gewinn und nicht auf die Umwelt, hängt nicht an der Art der Förderung oder des Transportes, sondern vielmehr an dem menschlichen Charakter dieser Personen.

    Dies verdeutlichen die immer währenden Nachrichten über Umweltverschmutzungen, wie z.B. : 2005/2206 wo die an der Prudhoe Bay ausgelaufene Menge Rohöl bis zu eine Million Liter betragen hatte.
    Link:
    http://www.greenpeace.de/...

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