Pro: Ein Boykott als Chance für eine Wende

Von Marcus Gatzke

Ein sterbender Pelikan. Er steht stellvertretend für die Umweltkatastrophe , die sich derzeit im Golf von Mexiko ereignet. Steht für die große Zahl von Tieren , die täglich sterben müssen, weil ein britischer Ölkonzern beim Tiefseebohren Fehler machte und jetzt Millionen Liter Öl täglich in den Ozean fließen. Steht für die Mangrovenwälder an der amerikanischen Küste, die absterben, weil das Öl ihre Luftöffnungen in den Wurzeln verklebt.

Nur ein Unfall, nur menschliches Versagen? Nein, es ist viel mehr als das. BP hat das Ausmaß der Katastrophe über Wochen vertuscht und verharmlost. Der Konzern hatte nie einen vernünftigen Plan entwickelt, wie mit einer möglichen Unterwasserhavarie umzugehen sei. Er überging vor dem Unfall Sicherheitsbedenken eigener Ingenieure. Er verbat offenbar Aufräumarbeitern, Atemschutzmasken zu tragen, damit keine Image schädigenden Bilder entstehen konnten. Er ließ Journalisten von ölverschmierten Stränden vertreiben. Er redete systematisch die austretende Ölmenge klein und unterschlug den Behörden und der Öffentlichkeit immer wieder wichtige Informationen.

Und das Argument, die laxen Umweltschutzstandards von BP seien typisch für die ganze Branche, trifft zumindest in den USA nicht zu. Nach Angaben des Center for Public Integrity in Washington D.C. hat BP in den letzten drei Jahren in den USA sehr viel mehr Verstöße gegen den Umweltschutz begangen als irgendein anderer Mineralölkonzern. Hier , hier und hier können BPs Verfehlungen noch einmal eindrucksvoll nachgelesen werden.

Es ist deshalb an der Zeit, als mündiger Verbraucher seine Stimme zu erheben und ein selbstbewusstes Signal zu setzen: So nicht!

Ein Boykott könnte auf vielerlei Weise wirken. Er würde den Druck auf BP erhöhen, die Betroffenen auch wirklich zu entschädigen und für alle Folgeschäden an der Umwelt geradezustehen. Bislang ist dies nicht der Fall . Er könnte BP dazu zwingen, künftig mehr Transparenz herzustellen und ökologischer vorzugehen.

Aber was ist mit Shell (Nigeria!) oder ExxonMobil (Exxon-Valdez!)? Keine Frage, auch andere Ölkonzerne haben gewaltigen Dreck am Stecken. Nur geht es darum gerade nicht. Es geht um einen Unfall, leichtfertig herbeigeführt von einem bestimmten Unternehmen; um eine Umweltkatastrophe, vergleichbar im Ausmaß mit dem Unfall in Tschernobyl. Der Überheblichkeit, mit der BP mit diesem Fall umgeht, müssen Grenzen gesetzt werden und die Benzinkäufer haben es in der Hand, dies zu tun.

Niemand kann garantieren, dass damit die Welt der Ölkonzerne besser wird. Aber ein Beispiel würde gesetzt. Wenn die Kunden BP dazu zwingen können, sich zu verändern, dann wird sich das auch auf andere Konzerne auswirken. Weil sie lernen, in welche Gefahr sie sich begeben, wenn sie zu leichtfertig handeln.

Im besten Fall könnte ein Boykott von BP dann zu mehr werden, als nur zu einem Ventil für die aufgestaute Wut . Er könnte Ausgangspunkt sein für eine Wende, die in den Köpfen eines jedes einzelnen von uns beginnt. Jeder sollte für sich die Frage beantworten: Wie kann ich meine individuelle Abhängigkeit vom Öl reduzieren? "Wenn sich Mentalitäten ändern, ändern sich auch Märkte", sagt der amerikanische Philosoph Birger Priddat . Recht hat er. Wenn wir eins aus der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko lernen können, dann dies.