Sportliche Eltern lieben sie – Kinderwagen, mit denen man auch auch joggen kann. Doch nicht etwa die etablierten Hersteller haben sie entwickelt, sondern die Kunden selbst. Und nicht nur das: Die joggenden Eltern verkauften ihre Idee nicht etwa an einen Kinderwagenhersteller, sondern machten sich mit ihrer Innovation selbstständig und den etablierten Herstellern damit Konkurrenz.

Innovationen sind für Unternehmen eine strategisch wichtige Kompetenz. Sie sichern den wirtschaftlichen Erfolg, sorgen für ein langfristiges Wachstum und somit für das Überleben eines Unternehmens – insbesondere in einem starken Wettbewerbsumfeld.

Häufig stecken hinter der Entwicklung von erfolgreichen Produkten aber die Nutzer. User Innovation lautet dafür der Fachbegriff. So verschieden wie Unternehmen, ihre Produkte und ihre Kunden, so vielfältig sind auch die von den Nutzern entwickelten Innovationen. Eines haben alle aber gemeinsam: Sie sind aus reinem Eigennutz der Kunden zustande gekommen.

Wissenschaftliche Studien gehen davon aus, dass bis zu 40 Prozent der Kunden (sowohl Anwenderfirmen als auch einzelne Endkonsumenten) nicht nur bestehende Produkte nach ihren Bedürfnissen weiterentwickeln, sondern sogar vollständig neue Produkte hervorbringen.

"Es ist in zahlreichen Studien in verschiedenen Branchen nachgewiesen worden, dass ein großer Anteil von Nutzern kommerziell attraktive Produktinnovationen entwickelt, User Innovation ist somit ein sehr verbreitetes Phänomen und keinesfalls nur eine Ausnahmeerscheinung", sagt Christian Lüthje, er ist Professor an der Technischen Universität Hamburg-Harburg und leitet das Instituts für Marketing und Innovation.

In den Erfindungen stecke ein gehöriges wirtschaftliches Potential, sagt auch der Ökonom Eric von Hippel, der als Professor an der renommierten Sloan School of Management des Massachusetts Institute of Technology (MIT) arbeitet. Er hat das Phänomen als erster wissenschaftlich untersucht und damit einen ganz neuen Forschungszweig innerhalb der Wirtschaftswissenschaften entwickelt. Die erfindungsreichen Nutzer, so von Hippels These, nehmen eine aktive Rolle im Innovationsprozess ein und Unternehmen werden einiges investieren, um sie als Innovationsquellen aufzuspüren.

Bislang ging die vorherrschende wirtschaftswissenschaftliche Theorie davon aus, dass ausschließlich Unternehmen neue Produkte und Dienstleistungen entwickeln und der Kunde eine eher passive Rolle im Innovationsprozess einnimmt. Der Kunde teilte seine Wünsche und Präferenzen dem Hersteller allenfalls über Marktforschungsumfragen mit. Weil Umfragen sich aber an der großen Masse orientieren, erfassen sie so gut wie nie die Bedürfnisse von fortschrittlichen Kunden. Eric von Hippel bezeichnet diese als Lead User. Sie sind besonders qualifiziert und eilen der Masse voraus.

"Die vorrangige Motivation, innovative Produkte zu entwickeln, liegt für solche Lead User in der eigenen Nutzung ihrer Produktneuerungen und nicht wie bei den Unternehmen in der kommerziellen Vermarktung. Lead User finden oftmals auf dem Markt keine Produkte, die ihren dem Trend vorauseilenden Bedürfnissen entsprechen, und somit werden getreu nach dem Motto 'Not macht erfinderisch' Innovationen in Eigenregie entwickelt", sagt Christian Lüthje.

Beispiel Windsurfen: Ende der 70er Jahren erfanden besonders talentierte Windsurfer auf Hawaii Fußschlaufen für die Bretter. Heute gehören sie zur Standardausstattung eines jeden Windsurfbretts. Die Hersteller hatten damals einfach nicht bedacht, dass die Sportler mit ihren Brettern besonders hohe Sprünge ausführen wollten, aber ohne Schlaufen in der Luft die Kontrolle über ihre Surfbrett verloren, sich dabei verletzten oder ihre Ausrüstung beschädigten. Die Surfer werkelten selbst – und stellten ein modifiziertes Surfbrett her, das sofort auf rege Nachfrage stieß.