Fast ein Jahrzehnt lang haben Ökonomen und Soziologen des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung die Einkommensentwicklung verschiedener Bevölkerungsgruppen untersucht. Das Resultat: Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Kluft zwischen Arm und Reich weiter vergrößert, heißt es in einer Studie des Instituts.

"Auf der einen Seite steigt die Zahl der Menschen, die im Luxus leben, und auf der anderen Seite die Zahl derjenigen, die mit niedrigem Einkommen auskommen müssen oder sogar arm sind", beschreiben die Forscher die Entwicklung zwischen 2000 und 2009. Dieser Trend werde durch das Sparpaket der Bundesregierung noch verstärkt.

Zur Gruppe der Niedrigverdiener gehört, wer weniger als 70 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Bei einem Paar mit zwei Kindern unter vierzehn Jahren entspricht dies einem monatlichen Netto-Einkommen inklusive Kindergeld und anderen staatlichen Leistungen von 1800 Euro.

Im Jahr 2000 zählten die Forscher noch 18 Prozent der Einkommensbezieher zu dieser Gruppe; 2009 sei der Anteil auf fast 22 Prozent gestiegen. Andererseits gibt es laut der Studie immer mehr Wohlhabende, die mehr als 150 Prozent des mittleren Einkommens ausgeben können, also 3870 Euro. Im Jahr 2000 gehörten 16 Prozent zu dieser Gruppe; 2008 waren es 19 Prozent.

Zwar sei die Gruppe der Wohlhabenden im Krisenjahr 2009 erstmals leicht geschrumpft. Dennoch stiegen die Einkommen in diesem Segment laut der Erhebung auch in diesem Jahr weiter. Damit ist der Vorsprung der Gutverdiener erneut gewachsen.

"Die Einkommensschere zwischen niedrigen und hohen Einkommen hat sich in Deutschland weit geöffnet", bilanzieren die Autoren. Die Reicheren seien "nicht nur immer mehr, sondern im Durchschnitt auch immer reicher geworden". Das löse in der Mittelschicht starke Ängste aus, hieß es. Es entstehe eine "Statuspanik" derjenigen, die fürchten, aus der Mittel- in die Unterschicht abzusteigen. Möglich sei, dass sich Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhass ausbreiten, weil Angehörige der verunsicherten Mittelschicht Schuldige für die ökonomischen Entwicklungen suchten.

Diesen Trend verschärfe die Bundesregierung nun, indem sie ihrem 80-Milliarden-Euro-Sparpaket hohe Einkommen verschone und niedrige Einkommen belaste, kritisieren die Ökonomen. Der Ökonom Jan Goebel hält es für unangemessen, "dass die bisherigen konkreten Vorschläge des Sparpakets eigentlich nur die unteren Einkommensbereiche betreffen". Es stelle sich die Frage, "warum eigentlich die Menschen mit den hohen Einkommen keinen Sparbeitrag leisten sollen". 

Die DIW-Autoren warnen auch, dass die Kluft zwischen den Einkommen in Städten zu erheblichen Problemen führen könne. Dort sei die wachsende Zahl ärmerer Menschen auf niedrige Mieten angewiesen. Die zahle man vor allem in unsanierten Altbaugebieten und unattraktiven Hochhaussiedlungen. Der Stadtsoziologe Hartmut Häußermann warnt, dort würden sich "Quartiere herausbilden, denen das Stigma der Armenviertel anhängt". Dort herrsche dann " Resignation und Zukunftspessimismus". Das sei vor allem für die dort aufwachsenden Kinder und Jugendlichen fatal.