In Harrisburg hat man Humor. Eigentlich schon Galgenhumor. Die Stadt kämpft gegen den finanziellen Untergang – und im Whitaker Center läuft gerade eine große Ausstellung über den Untergang der Titanic. "Hoffentlich ergeht es der Stadt nicht wie dem Luxusliner", sagt Shawn Peters, der aus dem benachbarten Ohio in die vor dem Bankrott stehende Hauptstadt von Pennsylvania gekommen ist, um sich die Ausstellung anzuschauen. "Es wäre jammerschade, wenn die Stadt vor die Wand fahren würde wie die Titanic gegen den Eisberg", sagt ein anderer Besucher.

Es ist schon das zweite Mal nach 2005, dass die Titanic in Harrisburg festmacht. Und auch damals stand die Stadt vor dem Kollaps. Fehlinvestitionen, Vetternwirtschaft und ein aufgeblähter Personalhaushalt strangulieren den Haushalt der auf den ersten Blick so wohlhabend wirkenden Stadt seit Jahrzehnten.

Nun aber wird es ernst. Es herrschen griechische Zustände in der 50.000-Einwohner-Stadt. Seit die Ratingagentur Moody's die Bonität der Kommune auf "Ramsch" heruntergestuft hat, steht Harrisburg im Zentrum der US-Schuldendebatte. Die Papiere der Stadt rangieren sogar zwei Stufen ("Notches") unter denen der Athener Staatsregierung.

"Wir sind zahlungsunfähig", sagt Dan Miller, Leiter des städtischen Rechnungswesens, dem Handelsblatt. Fast 70 Millionen Dollar an Zinsen und Tilgung muss Harrisburg allein in diesem Jahr an die Banken zahlen. Das ist mehr, als die Stadt überhaupt aus Steuern und Abgaben einnimmt. "Der einzig sinnvolle Ausweg aus der Misere ist, das auch formal anzuerkennen und Insolvenz anzumelden", sagt Miller. Genau das aber ist die größte Angst vieler anderer amerikanischer Städte. Eine Insolvenz Harrisburgs könnte den knapp drei Billionen Dollar schweren Markt für US-Kommunalanleihen in eine Schockstarre versetzen. Andere, viel größere Städte – wie die desolate Autometropole Detroit oder das hochverschuldete südkalifornische Los Angeles – könnten dann folgen.

Auslöser für die Probleme der US-Städte ist die zurückliegende Rezession. "Der Abschwung war so heftig, dass er die strukturellen Defizite der Haushalte bloßgestellt hat", sagt Jeff Schoenfeld, Spezialist für Kommunalanleihen bei Brown Brothers Harriman. Diese könnten auch von einem Aufschwung nicht mehr überdeckt werden. "Es gibt sicherlich Parallelen zu Griechenland, wo die Regierung zu lange ignoriert hat, dass die Einnahmen die Ausgaben nicht decken."

Dan Miller sitzt zusammengesunken im Ledersessel seines dunkel getäfelten Büros und blickt konsterniert aus dem Fenster. Seine Augen haben tiefe schwarze Ränder. "Wir haben jahrzehntelang über unsere Verhältnisse gelebt, das rächt sich jetzt", sagt der studierte Kaufmann. Die Stadtregierung habe Interessengruppen aller Art 30 Jahre lang mit öffentlichen Geldern befriedigt. So zahle die Stadt, anders als andere Kommunen, pensionierten Angestellten bis zum Lebensende die Krankenversicherung. Aber nicht nur die Stadtbediensteten profitierten von den Stadtoberen. So kauften sie 1995 mit öffentlichen Mitteln ein Profibaseballteam. Die Harrisburg Senators seien dann 2006 mit Verlust wieder verkauft worden, um Haushaltslöcher zu stopfen, sagt Miller. Er nickt nur zustimmend: Ja, das erinnere wirklich an die antike Art, mit "Brot und Spielen" zu regieren. Als zwischenzeitlich gar nichts mehr half, sei der ehemalige Bürgermeister ein Derivategeschäft eingegangen, um zukünftige vorzuziehen. "Diese Papiere stehen jetzt massiv unter Wasser", sagt Miller.