Am 14. Juli schrieb Bundeskanzlerin Angela Merkel im Handelsblatt, die deutschen Unternehmen hätten während der Krise ihre Leistungsfähigkeit verbessert, "weil sie unverändert auf Innovationen und Wettbewerbsfähigkeit gesetzt haben". "Unverändert" ist sicher richtig, das deutsche Wirtschaftsmodell ist vor der Krise genau das gleiche wie nach der Krise. Aber "Innovationen" als Kern dieses Modells? Da kann etwas nicht stimmen.

Vergleicht man den Anstieg der Arbeitsproduktivität, in der sich Innovation und Investition am besten niederschlagen, in Deutschland und den übrigen Ländern der Europäischen Währungsunion (EWU) in den vergangenen zehn Jahren, kommt man zu einem überraschenden Ergebnis: In Deutschland ist die Produktivität um etwa 0,9 Prozent pro Jahr gestiegen, in den anderen Ländern der EWU um 0,8 Prozent (Spanien 1 Prozent, Griechenland 2,1 Prozent, Frankreich 0,8 Prozent). Trotz dieses – anders als die Kanzlerin suggeriert – geringen Abstands in Sachen Innovation hat sich die deutsche Wettbewerbsfähigkeit in der EWU tatsächlich dramatisch verbessert. Wie das? 

Es ging über die Löhne. Sie sind in Deutschland real schwächer gestiegen als die Produktivität, im Rest der EWU aber im Gleichschritt oder etwas stärker. Einzelne Unternehmen können ihre Wettbewerbsfähigkeit nur durch Produktivitätssteigerung ausbauen, da die Löhne durch Tarifvereinbarungen vorgegeben sind. Ganze Länder jedoch können ihre Wettbewerbsfähigkeit über das nationale Lohnniveau steigern. Die Politik muss es schaffen, den Menschen ein allgemeines Gürtel-enger-Schnallen zu verordnen, indem sie beispielsweise auf die Tarifpartner einwirkt. Das ist in Deutschland seit Jahren gelungen und das definiert das deutsche Wirtschaftsmodell mehr als irgendetwas anderes. 

Was schadet das, werden viele sagen. Die neuesten Prognosen zeigen, dass auch dieses Jahr ein Großteil des deutschen Wirtschaftswachstums auf den Außenhandelsüberschuss zurückzuführen sein wird. Folglich habe die Kanzlerin sogar Recht mit ihrer Aussage, Deutschland komme gestärkt aus der Krise. Doch was für eine "Stärke" ist das? Jede Milliarde Außenhandelsüberschuss der Deutschen, die beim hiesigen Wachstum positiv zu Buche schlägt, stellt im Rest der Welt ein Minus beim Wachstum dar.

Die Welt insgesamt hat nichts davon, wenn ein Land durch Außenhandelsüberschüsse wächst, weil das automatisch zu Lasten der restlichen Länder geht. Das bedeutet nicht, dass der internationale Handel ein Nullsummenspiel ist. Eine zunehmende Handelsverflechtung kann in der Tat die Produktivität erhöhen und auf diesem Wege Wachstum für alle Beteiligten mit sich bringen. Diese Art des Wachstums durch internationale Arbeitsteilung geht aber gerade nicht mit großen Überschüssen im Handel einher, sondern mit einer starken Investitionstätigkeit im Inland gepaart mit einer soliden Zunahme des Verbrauchs.