Gastbeitrag : Vom Wirtschaftswunder für die Zukunft lernen

Die Exportabhängigkeit begünstigt die Entstehung von Krisen. Deshalb brauchen wir einen Schwenk in der Lohnpolitik. Ein Gastbeitrag von H. Flassbeck und F.Spieker

Am 14. Juli schrieb Bundeskanzlerin Angela Merkel im Handelsblatt, die deutschen Unternehmen hätten während der Krise ihre Leistungsfähigkeit verbessert, "weil sie unverändert auf Innovationen und Wettbewerbsfähigkeit gesetzt haben". "Unverändert" ist sicher richtig, das deutsche Wirtschaftsmodell ist vor der Krise genau das gleiche wie nach der Krise. Aber "Innovationen" als Kern dieses Modells? Da kann etwas nicht stimmen.

Vergleicht man den Anstieg der Arbeitsproduktivität, in der sich Innovation und Investition am besten niederschlagen, in Deutschland und den übrigen Ländern der Europäischen Währungsunion (EWU) in den vergangenen zehn Jahren, kommt man zu einem überraschenden Ergebnis: In Deutschland ist die Produktivität um etwa 0,9 Prozent pro Jahr gestiegen, in den anderen Ländern der EWU um 0,8 Prozent (Spanien 1 Prozent, Griechenland 2,1 Prozent, Frankreich 0,8 Prozent). Trotz dieses – anders als die Kanzlerin suggeriert – geringen Abstands in Sachen Innovation hat sich die deutsche Wettbewerbsfähigkeit in der EWU tatsächlich dramatisch verbessert. Wie das? 

Heiner Flassbeck

ist einer der profiliertesten linken Ökonomen in Deutschland. Flassbeck ist Chefvolkswirt bei der Uno-Organisation für Welthandel und Entwicklung (UNCTAD) in Genf und seit 2005 Honorar-Professor an der Hamburger
Universität für Wirtschaft und Politik.

Es ging über die Löhne. Sie sind in Deutschland real schwächer gestiegen als die Produktivität, im Rest der EWU aber im Gleichschritt oder etwas stärker. Einzelne Unternehmen können ihre Wettbewerbsfähigkeit nur durch Produktivitätssteigerung ausbauen, da die Löhne durch Tarifvereinbarungen vorgegeben sind. Ganze Länder jedoch können ihre Wettbewerbsfähigkeit über das nationale Lohnniveau steigern. Die Politik muss es schaffen, den Menschen ein allgemeines Gürtel-enger-Schnallen zu verordnen, indem sie beispielsweise auf die Tarifpartner einwirkt. Das ist in Deutschland seit Jahren gelungen und das definiert das deutsche Wirtschaftsmodell mehr als irgendetwas anderes. 

Was schadet das, werden viele sagen. Die neuesten Prognosen zeigen, dass auch dieses Jahr ein Großteil des deutschen Wirtschaftswachstums auf den Außenhandelsüberschuss zurückzuführen sein wird. Folglich habe die Kanzlerin sogar Recht mit ihrer Aussage, Deutschland komme gestärkt aus der Krise. Doch was für eine "Stärke" ist das? Jede Milliarde Außenhandelsüberschuss der Deutschen, die beim hiesigen Wachstum positiv zu Buche schlägt, stellt im Rest der Welt ein Minus beim Wachstum dar.

Die Welt insgesamt hat nichts davon, wenn ein Land durch Außenhandelsüberschüsse wächst, weil das automatisch zu Lasten der restlichen Länder geht. Das bedeutet nicht, dass der internationale Handel ein Nullsummenspiel ist. Eine zunehmende Handelsverflechtung kann in der Tat die Produktivität erhöhen und auf diesem Wege Wachstum für alle Beteiligten mit sich bringen. Diese Art des Wachstums durch internationale Arbeitsteilung geht aber gerade nicht mit großen Überschüssen im Handel einher, sondern mit einer starken Investitionstätigkeit im Inland gepaart mit einer soliden Zunahme des Verbrauchs. 

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Kommentare

33 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Das alte Bild

"Die Welt insgesamt hat nichts davon, wenn ein Land durch Außenhandelsüberschüsse wächst, weil das automatisch zu Lasten der restlichen Länder geht. "

Das alte Bild vom Kuchen, der verteilt wird, aber nicht wächst.

Wenn das wirklich so wäre, würden wir noch heute in Höhlen hocken, da ja nur verteilt wird, was als Kuchen bereits existiert.

Und zunehmender Verbrauch wäre umweltpolitisch eine Katastrophe, aber das war Bitterfeld ja auch... Was solllen wir denn mehr verbrauchen?

Eine Frage an Sie:

Was denken Sie werden die Chinesen mit den Milliarden Dollar machen? Verbrennen? Essen? Unters Kopfkissen schieben und dann?

Die Sache mit den Exportüberschüssen ist leider sehr unintuitiv. Da muss man sich erst mal kundig machen.

Im Prinzip haben sie recht, es wird ja immer argumentiert, dass ökonomische Integration zu Effizienzsteigerung führt. Handelsbilanzüberschüsse müssen sie dennoch irgendwann abtragen. Sonst machts ein Anderer für sie. Der Kuchen wächst, aber nur wenn sie Stückchen austauschen (im Tausch, da liegt der Handel!).

China - Deutschland

Ihr Einwand mit China ist richtig, doch kann man das nicht mit den deutschen Außenhandelsüberschüssen vergleichen, da diese durchaus ausgeschüttet - und sei es an Aktionäre - oder reinvestiert werden.

Bei den Chinesen läuft das etwas anders, aber das ist nicht das deutsche Problem.

Verbrauch allein kann nicht die Lösung sein. Wichtig wäre es auch den privaten Dienstleistungsektor zu stärken, das werden Sie aber nicht mit einer Wirtschaftspolitik, die auf die Großindustrie ausgerichtet ist und deren Regulierungen von privaten Haushalten bei Dienstleistungsjobs übernommen werden müssen.

Ja, das alte Bild von den Kuchen

Die Kuchen, die Jahr für Jahr in den Ländern gebacken, gegessen und getauscht werden. Mal sind die Kuchen größer und mal kleiner. Die Außenhandelsbilanzen sind teils negativ und teils positiv und in der Summe null. Anders lässt sich das schlecht rechnen. Nullsummenspiel heißt nicht, dass die Kuchen nicht auch überwiegend größer werden können. Gelobt sei der Wohlstand, der erarbeitet wird.

Griechenland, Spanien, Italien, Portugal, Irland und seit Jahren ganz vorne dran als "Konjunkturlokomotive" die USA - die Defizitstaaten sind Realität. Ebenso sind die Überschussländer Realität.

Griechenland wäre Pleite, wenn nicht (wieder mal) sozialisiert worden wäre. Der Kapitalismus, so wie er ist, hat bis an die Belastungsgrenzen gewirtschaftet. Jedes Jahr eine Griechenlandrettung kann sich die EU nicht leisten. Wenn morgen Spaniens Refinanzierung teurer und teurer wird, weil die Gläubiger sehen, dass die Sparmaßnahmen das Wachstum des Landes auffressen, ist die EU verratzt und verloren. Der irreversible Abbruch wird kommen, wenn wir die offensichtlichen Fehlentwicklungen nicht korrigieren.

Wenn wir nicht vorauseilend kreativ sind, wird uns die oft besungene kreative Zerstörung einholen.

Womit wollen sie denn,

die Aktionäre auszahlen, wenn sie auf dem chinesischen Markt ihre Waren verkaufen - oder sonstwo. Mit Renminbi? Können sie auch investieren. Im Euroraum können sie aber keine Renminbi investieren, es sei denn jemand ist an chinesischen Waren interessiert und braucht grad welche, ansonsten bringen sie die Kapitalbilanz Spiel, aber auch dass geht auf Dauer nicht gut - wie das "marodierend Finanzkapital" zeigt.