ZEIT ONLINE: Herr Ahamed, einige Ökonomen, darunter auch der Nobelpreisträger Paul Krugman , warnen vor einer nächsten Großen Depression, wie sie die Welt in den dreißiger Jahren erlebt hat. Ein plausibler Vergleich?

Liaquat Ahamed: Die Parallelen zwischen beiden Krisen sind unübersehbar. Damals wie heute hatten wir globale Ungleichgewichte, die in eine Phase billiger Kredite mündeten. Beide Male hatte sich eine Blase gebildet, die schließlich platzte,was Bankenpleiten nach sich zog. Die ersten 18 Monate beider Krisen verliefen bemerkenswert ähnlich. Damals jedoch kappten die Regierungen die Ausgaben und erhöhten – im Fall von Deutschland – später sogar die Zinsen. Das waren große Fehler. Diesmal hat die Welt aus diesen Fehlern gelernt: Die Staaten warfen Milliarden in das Bankensystem und legten große Konjunkturprogramme auf. Das hat uns bislang vor einer Großen Depression bewahrt.

ZEIT ONLINE : Auf dem G-20-Gipfel in Kanada haben die Industriestaaten angekündigt, ihre Defizite binnen drei Jahren zu halbieren . Begeht die Welt in der jetzigen Phase den gleichen Fehler wie in den dreißiger Jahren?

Ahamed: Es gibt zwischen den USA und Europa eine große Uneinigkeit darüber, wie wir in dieser Krise weiter machen sollen. Im Kern geht es um die Frage, ob wir der Wirtschaft die Medizin zu schnell wieder entziehen. Der Punkt ist: Das weiß niemand mit letzter Gewissheit. Wir haben es mit einem Experiment zu tun, dass wir noch nie versucht haben. Die Briten konsolidieren sehr schnell , die Amerikaner eher langsamer. Es wird faszinierend sein, zu sehen, was besser wirkt.

ZEIT ONLINE: Sie teilen den Pessimismus also nicht?

Ahamed: Ich glaube ebenfalls nicht, dass wir eine Erholung der Wirtschaft erleben werden, wenn wir jetzt die Staatsausgaben senken. Allerdings gibt es einen wichtigen Unterschied zu den dreißiger Jahren: Der Grad an Dogmatismus ist heute weitaus geringer. Die mächtigen Notenbanker der damaligen Zeit waren allesamt der Ansicht, dass man die Weltwirtschaft nur heilen kann, wenn man eine orthodoxe Politik betreibt. Sie waren wie Mediziner des 18. Jahrhunderts, die glaubten, der Patient werde nur genesen, wenn man ihm einen Aderlass verordnet. Ihr Dogmatismus führte damals ins Desaster. Heute ist die Politik flexibler. Wenn die Briten in einem Jahr in einer neuen Rezession enden, werden sie ihren Kurs ändern.

Finanzkrise - Liaquat Ahamed im Gespräch Der Pulitzer-Preisträger zur Frage: Was können wir heute aus der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre lernen?

ZEIT ONLINE: Was macht Sie da so sicher?

Ahamed: In den dreißiger Jahren war den Politikern kaum bewusst, dass sie eine Verantwortung dafür tragen, die Arbeitslosigkeit gering zu halten. Das ist heute anders. Kommt es zu einem neuen Abschwung, in dessen Folge die Arbeitslosenzahlen steigen, wird die Politik unter Druck geraten. Die Lehre, die wir aus den dreißiger Jahren ziehen sollten, lautet, dass Krisen sich immer weiter bewegen. Und dass es keine gute Idee ist, den Sieg zu früh zu erklären und zum business as usual über zu gehen.