Die memo AG Bio fürs Büro

Die memo AG beweist, dass selbst ein Versandhandel klimaneutral wirtschaften kann. Eine Erfolgsgeschichte, die auf einem bayerischen Schulhof begann.

Das Firmengebäude der memo AG

Das Firmengebäude der memo AG

Besonders cool war er nicht gerade. Als seine Mitschüler in den Pausen heimlich Zigaretten rauchten und sich für die Disko verabredeten, stand Jürgen Schmidt auf dem Schulhof und verkaufte Schreibhefte aus Recyclingpapier. Das war Ende der 1970er Jahre. Teenager wie er, die gegen Umweltverschmutzung und Ressourcenverschwendung wetterten, wurden in bayerischen Gymnasien als "Ökos" verspottet. Gut dreißig Jahre später verkauft der Würzburger noch immer Recyclingpapier und spricht darüber, wie man die Welt verbessern kann – lustig macht sich darüber aber heute niemand mehr. Der 47-Jährige ist Vorstandssprecher der memo AG, Deutschlands klimafreundlichsten Versandhandel. Seine 114 Mitarbeiter haben im vergangenen Jahr 120.000 Kunden mit Büroartikeln beliefert und 18,6 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet.

Versandhändler sind normalerweise alles andere als Umweltengel. Sie lassen Waren aus aller Herren Länder herankarren, heizen riesige Lagerhallen und produzieren mit ihren Verpackungen eine Menge Müll. Für memo-Chef Schmidt ist das eine Schande: "So können wir auf Dauer nicht wirtschaften", sagt er und zeichnet zum Beweis mit den Zeigefingern zwei imaginäre Linien in die Luft. Die eine ist die Weltbevölkerung, sagt er, die andere die Ölreserven. Zuerst bewegen sich beide Finger parallel nach oben, dann knickt die Öl-Linie abrupt nach unten: "Wir haben den Höhepunkt überschritten, das Ende der Ölversorgung ist absehbar", sagt der Unternehmer.  

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Seine Stimme hat nichts dozentenhaftes. Schmidt ist kein Besserwisser. Er ist ein Bessermacher. Sein Versandhandel ist in allen Bereichen nachhaltig und schont die Ressourcen: In den 600-seitigen memo-Katalog schaffen es nur ökologisch hochwertige Produkte, das Firmengebäude ist auf Energieeffizienz getrimmt und für den Versand hat sich Schmidt ein verpackungsloses Mehrwegsystem einfallen lassen.

Seitdem der Bayer 1990 mit drei Geschäftspartnern in den Versandhandel eingestiegen ist, gilt das Motto: Möglichst viele Produkte verkaufen – aber nicht um jeden Preis. "Ökologie, Soziales und Ökonomie sind bei uns absolut gleichberechtigt", sagt der memo-Gründer. In der Praxis sieht das so aus: Wenn ein Lieferant in den Katalog des Versandhändlers aufgenommen werden möchte, flattert ihm erstmal ein 16-seitiger Fragebogen ins Haus: Welche Inhaltsstoffe haben die Produkte? Wie viel Energie wird bei der Herstellung verbraucht? Behandelt der Hersteller seine Mitarbeiter fair? Nur wer hohe Umwelt- und Sozialkriterien einhält, kommt mit memo ins Geschäft. "80 Prozent der Produkte auf dem Markt kommen für uns von vorneherein nicht infrage", sagt Schmidt.

Trotz der strikten Auswahlkriterien ist die memo-Palette auf über 10.000 Produkte angewachsen: Den Hauptumsatz macht memo mit umweltverträglichen Büroartikeln: recyclebaren Kunststoff-Mappen, nachfüllbaren Textmarkern oder chlorfrei gebleichtem Papier. Seit einigen Jahren verkauft das Unternehmen – das seinen Hauptsitz in Greußenheim, einem Dorf 15 Kilometer westlich von Würzburg, hat – viele dieser Produkte unter eigenem Markennamen. Relativ neu im Sortiment: ökologisch hergestellte Büromöbel und fair gehandelte Textilien.

Durch die Spezialisierung auf Umweltprodukte kann das Unternehmen die Waren in großen Mengen einkaufen und preislich mit konventionellen Versendern mithalten. Das ist Schmidt besonders wichtig. Denn es bringe nichts, wenn man tolle Produkte anbietet, die sich aber niemand leisten kann. Damit der "ökologische Effekt" möglichst groß ist, macht memo bei der Umweltverträglichkeit sogar kleine Abstriche: "LED-Leuchten verbrauchen am wenigsten Strom und halten am längsten", sagt Schmidt. Weil die Leuchten den meisten Kunden aber noch zu teuer sind, gibt es bei memo auch herkömmliche Energiesparlampen. "Die kauft dafür die breite Masse", sagt der Unternehmer. 

Schmidt schlendert durch die schmalen Gänge seiner Lagerhalle. Er sagt, dass es von Beginn an seine Vision war, ein "ideales Unternehmen" zu schaffen. Dazu gehört für den gelernten Einzelhändler neben nachhaltigen Produkten ein vorbildlicher Umgang mit den Mitarbeitern. Um ihn herum herrscht Gewusel. Frauen und Männer schleppen Kartons in riesige Regale, sie sortieren Hefte, Stifte und Radiergummis. Im Vorbeihuschen grüßen die Mitarbeiter ihren Vorstandsvorsitzenden mit einem lockeren "Hi", man duzt sich. Am Ende der Regalwände steht ein Mann im T-Shirt und wuchtet eine Kiste auf ein Rollband. "Das ist unser Logistik-Vorstand", sagt Schmidt, "der testet gerade neue Betriebsabläufe."

Die flachen Hierarchien kommen bei den Mitarbeitern an. Bei einer Abstimmung haben sie sich dagegen ausgesprochen, einen Betriebsrat zu gründen. Kein Bedarf, alle Mitarbeiter haben jederzeit Zugriff auf wichtige Unternehmenszahlen: Jeder kann an seinem PC Umsätze und Verkaufszahlen einsehen, die Löhne sind für alle transparent. Wer bei memo fest angestellt ist, hat Anspruch auf Anteile an einer Beteiligungsgesellschaft und profitiert damit direkt am Erfolg der AG, die seit ihrer Gründung schwarze Zahlen schreibt und im zurückliegenden Jahr knapp 360.000 Euro Gewinn einfuhr. In regelmäßigen Personalversammlungen kommen Probleme auf den Tisch.

Nicht selten entstehen aus diesen "Audits" Vorschläge, die umgehend umgesetzt werden: In der Lagerhalle wurden erst kürzlich zusätzliche Rolltore eingebaut, die verhindern, dass bei Warenlieferungen zu viel Wärme verloren geht. Energieeffizienz ist das große Thema bei den Greußenheimern: Beim Bau des Firmensitzes wurden große Oberlichter eingebaut, sie sorgen für viel Tageslicht, die Fenster sind besonders wärmedämmend, die Rahmen aus heimischen Hölzern gefertigt. Eine Holz-Hackschnitzel-Anlage heizt seit einigen Jahren den Firmensitz.

Um die Schadstoff-Emissionen auf ein Minimum zu reduzieren, bietet memo seit mehr als zehn Jahren eine besondere Versand-Variante an. Statt doppelt eingeschweißt und im Karton, können die Kunden die Waren in der "memo-Box" bestellen, einem gelben Kunststoffbehälter, den der Briefträger bei der Lieferung gleich wieder mitnimmt. Das Mehrweg-System hat sich bewährt, knapp 40 Prozent der Kunden nutzen die Boxen – auch um gebrauchte Produkte zu memo zurückzuschicken. "Im vergangenen Jahr sind fast zwei Drittel der verkaufen Tonerkartuschen zu uns zurückgekommen", sagt Schmidt.

Trotz solcher Innovationen kann memo seinen Schadstoff-Ausstoß natürlich nicht auf Null zurückfahren. Um die Rest-Emissionen auszugleichen, die beispielsweise durch Geschäftsreisen oder die Stromversorgung entstehen, investiert der Versandhändler in Klimaschutzprojekte. Seit 2007 kann sich die AG dadurch klimaneutral nennen. Im gleichen Jahr wurde Schmidt als "Ökomanager des Jahres" ausgezeichnet, kurz darauf erhielt er die bayerische Staatsmedaille für "Verdienste um Umwelt und Gesundheit".

Wunschlos glücklich ist Schmidt trotz solcher Erfolge noch lange nicht. Er will die memo AG zu einer "führenden Öko-Marke im Non-Food-Bereich" machen, und das am liebsten in ganz Europa. Dafür setzt der ambitionierte Unternehmer seit neuestem auf Kooperationen mit Supermarktketten. Er will die breite Masse mit seinen Produkten erreichen. Aber auch hier gilt – nicht um jeden Preis: "Mit Discountern, die unsere Ziele bei den Sozialstandards nicht teilen, werden wir nicht zusammen arbeiten."

 
Leser-Kommentare
  1. Für private Haushalte und auch für Großverbraucher ist es sicher eine wichtige Hilfe bei Kaufentscheidungen, wenn Produkte auf ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit vorgeprüft wurden. Stutzen musste ich allerdings bei dem Hinweis darauf, dass es in der memo AG keinen Betriebsrat gibt. Da drängt sich die Frage auf, ob bei der Auswahl des Produktangebots ein Betriebsrat im Unternehmen ein Prüfkriterium ist. Wenn ja, wie verträgt es sich damit, dass es bei der memo AG keinen Betriebsrat gibt? Wenn nein, warum fehlt dieses wichtige Element sozialer Nachhaltigkeit im Prüfkatalog? Es mag ja erfreulich sein, dass die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ihre Interessen auch ohne Betriebsrat ausreichend berücksichtigt sehen. Soziale Nachhaltigkeit bedeutet aber auch, dass es eine Instanz gibt - wie den Betriebsrat - der dafür sorgt, dass es auch so bleibt.

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