Noch nicht wunschlose glücklich
Schmidt schlendert durch die schmalen Gänge seiner Lagerhalle. Er sagt, dass es von Beginn an seine Vision war, ein "ideales Unternehmen" zu schaffen. Dazu gehört für den gelernten Einzelhändler neben nachhaltigen Produkten ein vorbildlicher Umgang mit den Mitarbeitern. Um ihn herum herrscht Gewusel. Frauen und Männer schleppen Kartons in riesige Regale, sie sortieren Hefte, Stifte und Radiergummis. Im Vorbeihuschen grüßen die Mitarbeiter ihren Vorstandsvorsitzenden mit einem lockeren "Hi", man duzt sich. Am Ende der Regalwände steht ein Mann im T-Shirt und wuchtet eine Kiste auf ein Rollband. "Das ist unser Logistik-Vorstand", sagt Schmidt, "der testet gerade neue Betriebsabläufe."
Die flachen Hierarchien kommen bei den Mitarbeitern an. Bei einer Abstimmung haben sie sich dagegen ausgesprochen, einen Betriebsrat zu gründen. Kein Bedarf, alle Mitarbeiter haben jederzeit Zugriff auf wichtige Unternehmenszahlen: Jeder kann an seinem PC Umsätze und Verkaufszahlen einsehen, die Löhne sind für alle transparent. Wer bei memo fest angestellt ist, hat Anspruch auf Anteile an einer Beteiligungsgesellschaft und profitiert damit direkt am Erfolg der AG, die seit ihrer Gründung schwarze Zahlen schreibt und im zurückliegenden Jahr knapp 360.000 Euro Gewinn einfuhr. In regelmäßigen Personalversammlungen kommen Probleme auf den Tisch.
Nicht selten entstehen aus diesen "Audits" Vorschläge, die umgehend umgesetzt werden: In der Lagerhalle wurden erst kürzlich zusätzliche Rolltore eingebaut, die verhindern, dass bei Warenlieferungen zu viel Wärme verloren geht. Energieeffizienz ist das große Thema bei den Greußenheimern: Beim Bau des Firmensitzes wurden große Oberlichter eingebaut, sie sorgen für viel Tageslicht, die Fenster sind besonders wärmedämmend, die Rahmen aus heimischen Hölzern gefertigt. Eine Holz-Hackschnitzel-Anlage heizt seit einigen Jahren den Firmensitz.
Um die Schadstoff-Emissionen auf ein Minimum zu reduzieren, bietet memo seit mehr als zehn Jahren eine besondere Versand-Variante an. Statt doppelt eingeschweißt und im Karton, können die Kunden die Waren in der "memo-Box" bestellen, einem gelben Kunststoffbehälter, den der Briefträger bei der Lieferung gleich wieder mitnimmt. Das Mehrweg-System hat sich bewährt, knapp 40 Prozent der Kunden nutzen die Boxen – auch um gebrauchte Produkte zu memo zurückzuschicken. "Im vergangenen Jahr sind fast zwei Drittel der verkaufen Tonerkartuschen zu uns zurückgekommen", sagt Schmidt.
Trotz solcher Innovationen kann memo seinen Schadstoff-Ausstoß natürlich nicht auf Null zurückfahren. Um die Rest-Emissionen auszugleichen, die beispielsweise durch Geschäftsreisen oder die Stromversorgung entstehen, investiert der Versandhändler in Klimaschutzprojekte. Seit 2007 kann sich die AG dadurch klimaneutral nennen. Im gleichen Jahr wurde Schmidt als "Ökomanager des Jahres" ausgezeichnet, kurz darauf erhielt er die bayerische Staatsmedaille für "Verdienste um Umwelt und Gesundheit".
Wunschlos glücklich ist Schmidt trotz solcher Erfolge noch lange nicht. Er will die memo AG zu einer "führenden Öko-Marke im Non-Food-Bereich" machen, und das am liebsten in ganz Europa. Dafür setzt der ambitionierte Unternehmer seit neuestem auf Kooperationen mit Supermarktketten. Er will die breite Masse mit seinen Produkten erreichen. Aber auch hier gilt – nicht um jeden Preis: "Mit Discountern, die unsere Ziele bei den Sozialstandards nicht teilen, werden wir nicht zusammen arbeiten."
- Datum 23.07.2010 - 15:10 Uhr
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- Serie Die Bessermacher
- Quelle ZEIT ONLINE
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Für private Haushalte und auch für Großverbraucher ist es sicher eine wichtige Hilfe bei Kaufentscheidungen, wenn Produkte auf ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit vorgeprüft wurden. Stutzen musste ich allerdings bei dem Hinweis darauf, dass es in der memo AG keinen Betriebsrat gibt. Da drängt sich die Frage auf, ob bei der Auswahl des Produktangebots ein Betriebsrat im Unternehmen ein Prüfkriterium ist. Wenn ja, wie verträgt es sich damit, dass es bei der memo AG keinen Betriebsrat gibt? Wenn nein, warum fehlt dieses wichtige Element sozialer Nachhaltigkeit im Prüfkatalog? Es mag ja erfreulich sein, dass die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ihre Interessen auch ohne Betriebsrat ausreichend berücksichtigt sehen. Soziale Nachhaltigkeit bedeutet aber auch, dass es eine Instanz gibt - wie den Betriebsrat - der dafür sorgt, dass es auch so bleibt.
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