Energiesteuern Die Reflexe der LobbySeite 2/2

Abschwächen will Schäuble drei andere Vergünstigungen, von denen gewerbliche Stromverbraucher bisher profitieren. Wer die geplante Operation verstehen will, muss sich die geltende Rechtslage vor Augen führen:

Der reguläre Stromsteuersatz beträgt 20,50 Euro pro 1000 Kilowattstunden. Diesen Betrag – 2,05 Cent pro Kilowattstunde – müssen Haushaltsstromkunden, Dienstleistungs- und Handelsbetriebe zahlen, das Produzierende Gewerbe allerdings nicht. Industriebetriebe zahlen pauschal nur 60 Prozent des regulären Steuersatzes. Wenn die Steuer, die ein Unternehmen zahlt, trotzdem größer ist als die von dem Betrieb eingesparte Überweisung an die Rentenversicherung, erhält das Unternehmen 95 Prozent der verbleibenden Ökosteuerzahlungen erstattet. Es zahlt also für diesen Teil de facto nur 5 von 60 Prozent. Macht drei Prozent des regulären Stromsteuersatzes – entsprechend gering ist der Anreiz zur Energieeinsparung. Diese Subvention nennt sich Spitzenausgleich. Ein Sockelbetrag von 512,50 Euro muss allerdings auf jeden Fall gezahlt werden.

Schäuble will nun den ermäßigten Steuersatz von 60 auf 80 Prozent anheben und den Spitzenausgleich erst auf 80 Prozent im Jahr 2011 und später auf 60 Prozent senken. Das heißt: Unternehmen, die vorher 60 Prozent des regulären Steuersatzes gezahlt haben, hätten in Zukunft 80 Prozent zu zahlen – und Unternehmen, die vorher für einen Teil ihres Energieverbrauchs nur 3 Prozent des regulären Steuersatzes zahlen mussten, wären von 2011 an mit 20 von 80 Prozent dabei, müssten also 16 Prozent des regulären Satzes zahlen (ab 2012: 32 Prozent). Allerdings, als wäre die Sache nicht schon kompliziert genug: 5000 Euro sollen auf jeden Fall fällig werden. Auf diese Summe will Schäuble den Sockelbetrag anheben. Ursprünglich sollten es sogar 20.000 Euro werden.

Was bedeutet das? Jedenfalls überhaupt nicht, dass die zusätzlichen Lasten die Industrie in die Knie zwingen. Wäre es so, hätten die Lobbyverbände mit ihrer Kritik Recht. Schließlich wäre nicht einmal dem Umweltschutz gedient, würden energieintensive Produktionen ins Ausland verlagert, wo die Umweltstandards vielleicht niedriger als in Deutschland sind.

Nur: In den Genuss der Energiesteuer-Vergünstigungen kommen bisher eben alle Unternehmen, gleichgültig ob sie besonders energieintensiv und dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt sind oder nicht. Der Fehler an Schäubles Reformvorhaben ist nicht, dass er nun die Vergünstigungen beschneiden will, sondern dass er an dem Prinzip der pauschalen Vergünstigung festhalten will. Und dass, obwohl vom Bundesfinanzministerium selbst beauftragte Finanzwissenschaftler dringend davon abgeraten haben. "Ein Großteil der Unternehmen hat weder besonders hohe Energiekosten, noch sind sie in besonderem Maße internationalem Wettbewerb ausgesetzt", heißt es in einem umfangreichen Gutachten für das Haus Schäuble.

Allerdings, so der Umkehrschluss, kann das für einen kleinen Teil der Unternehmen eben auch zutreffen. Was folgt daraus? Jedenfalls keine Begründung für eine pauschale Vorzugsbehandlung. Stattdessen wäre es an der Zeit, die Ausnahmen völlig abzuschaffen und an ihre Stelle eine Härtefallregelung zu setzen. So ließen sich gezielt verwundbare Unternehmen schützen, ohne den Umweltschutz über Bord zu werfen – und zwar mit überschaubarem bürokratischem Aufwand. Der Energiesteueraufwand pro Wertschöpfungseinheit und die Handelsintensität lassen sich messen.

Tatsächlich ist Schäubles Vorhaben halbherzig. Vielleicht gelingt es ihm ja, ein bisschen Geld für die Haushaltssanierung einzusammeln. Als Steuerreformer erweist er sich aber nicht. Es sei denn, er legte noch nach und ließe die Argumente seiner Gegner bleiben, was sie sind: Lobbyreflexe.

 
Leser-Kommentare
  1. Ich wusste gar nicht, dass bei denen die Produktion auch noch durch die Büroräume läuft.

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    • joG
    • 30.07.2010 um 9:47 Uhr

    ....zu sehen, wie kompliziert man die Steuern strukturiert. Man verliert fast die Lust auf den Artikel, wenn man die Berechnungslge nachvollziehen will und sie wird hier vereinfacht und klar dargestellt. Die Wirklichkeit ist grausam. Und das in einem Sachverhalt, wo kein Mensch weiß, was man wirklich erreicht an Umallokation oder wie viel Wachstum die Steuer wo verringert.

    Schäuble will einfach mehr Steuereinnahmen. Man könnte nämlich auch davon ausgehen, dass der tiefste Steuersatz auf Energie der richtige wäre und alle anderen Sätze auf diesen herabsetzen.

    • joG
    • 30.07.2010 um 9:47 Uhr

    ....zu sehen, wie kompliziert man die Steuern strukturiert. Man verliert fast die Lust auf den Artikel, wenn man die Berechnungslge nachvollziehen will und sie wird hier vereinfacht und klar dargestellt. Die Wirklichkeit ist grausam. Und das in einem Sachverhalt, wo kein Mensch weiß, was man wirklich erreicht an Umallokation oder wie viel Wachstum die Steuer wo verringert.

    Schäuble will einfach mehr Steuereinnahmen. Man könnte nämlich auch davon ausgehen, dass der tiefste Steuersatz auf Energie der richtige wäre und alle anderen Sätze auf diesen herabsetzen.

  2. Es ist noch gar nicht so lange her, da beschloss die Regierung für die Autoindustrie, dass der CO2-Ausstoß auf die Gesamtflotte eine Höhe von X (genaue Zahl weiß ich nicht mehr) nicht überschreiten dürfe. Was folgte, war die Drohung der Industrie, Deutschland würden damit massiv Arbeitsplätze verloren gehen.

    Kaum Gesetz, dauerte es nicht lange, da vermeldete VW, der geplante Stellenabbau (vorher unabhängig von dem Gesetz verkündet), würde geringer ausfallen, da die Beschäftigten für die notwendigen technischen Entwicklungen gebraucht werden.

    Vielleicht sollte der Gesetzgeber gerade bei solchen Drohgebährden der Industrie die geplanten Gesetze einfach verabschieden. Sie bringen oftmals Arbeitsplätze. Etwas, woran die Industrie offensichtlich kein Interesse hat.

    • Chali
    • 29.07.2010 um 13:47 Uhr

    Und Sie meinen, die EU liesse so etwas zu?

  3. Da zeigt sich wieder einmal, dass es nur eine Bevölkerungsgruppe gibt die alle Härten des "freien Marktes" abbekommt. Der einfache Bürger.

    Er muss seine Steuern zahlen, komme was da wolle. Konzerne und Reiche betrügen das Steuersystem durch derartige Zuschüsse und weil sie es sich leisten können Lücken im System suchen zu lassen. Wären die Gesetze einfacher gäbs weniger Verwaltungsaufwand und weniger Lücken.

    Dazu kommt noch der Betrug mit "steigenden" Löhnen (http://www.heise.de/tp/bl...) und die zunehmenden Härten mit prekären Arbeitsverhältnissen das der Öffentlichkeit als "geringe Arbeitslosigkeit" verkauft wird.

    Auf einem echten freien Markt hat es keine Dauersubventionen zu geben. Anlaufsubventionen für neue Technologien sind eine Ausnahme, aber die laufen im Normalfall ja auch aus.

    Aber so ist das im Kapitalismus neoliberaler Prägung. Er begünstigt die Oligarchie, sichert Banken und Konzernen in kommunistischer Weise ihre Gewinne und ihr Überleben. Wenns aber darum geht, zu überlegen, was langfristig für die Bevölkerung gute Elemente dieses vor dem Kapitalismus gescheiterten Systems wären, wird so getan als hätte Satan höchstpersönlich es geschaffen.

    Ich bin kein Freund von Systemen die zu starken Ungerechtigkeiten führen, egal ob links, rechts, mitte, sozial, wirtschaftlich, gesellschaftlich, regierend,.. . Nur um klarzustellen, dass ich nicht Links, noch sonstwas bin. Fairness unterscheidet Mensch und Tier. Was schließen lässt, dass Wirtschaftsgrößen...

    • WiKa
    • 29.07.2010 um 14:22 Uhr

    Es gibt genügend Unternehmen die eine Deklaration als „Produzierendes Gewerbe“, um in den Genuss dieser Vorteile zu kommen, teils sogar bis zum Geschäftsmodell ausgebaut … siehe Wärmelieferanten … die über diesen Umweg auch den Kommunen teile der Ersparnisse verkaufen … mit guten Gewinnen übrigens.

    Wenn also Steuererleichterungen zum Geschäftsmodell werden, dann darf man durchaus bedenken anmelden oder erneut konstatieren, dass man auch mit der Bürokratie hervorragende Ergebnisse erzielen kann, wenn man weiß wie es geht.

    Als zusätzliches Geschäftsmodell sollten wir uns vielleicht mal auf den Bürokratieabbau konzentrieren, da ist noch reichlich Potenzial, insbesondere wenn man die gesamtdeutschen Vorkommen an Rohbürokratie einmal richtig katalogisiert.

  4. ... ist übrigens auch der Luftverkehr, gemäß der Logik: wer sonst keine Kraftstoffsteuern zahlt, dem kann man die Ökosteuer auch gleich erlassen. Soviel nur zu dem angesprochenen "ökologischen" Hintergedanken dieser Steuer, der nicht nur hier ad absurdum geführt wurde, denn es sollte ja der Energieverbrauch belastet werden und eine "ökologische" Wende angestoßen werden. De facto haben es aber viele Menschen gar nicht in der Hand, ihren Energieverbrauch maßgeblich zu senken, und die energieintensivsten (und oft klimaschädlichsten) Industriezweige müssen erst gar nicht zahlen. Ein Rentnerpaar, das in einer nicht sanierten Wohnung mit Nachtspeicheröfen lebt, muss also einen nicht unerheblichen Zwangsbeitrag leisten, wer Zement herstellt oder durch Flugverkehr nachhaltig das Klima schädigt, nicht. Herr Vorholz, ich stimme Ihnen zu: die Argumente der Lobbyverbände sind nicht begründet. Aber wenn Steuerprivilegien abgeschmolzen werden, dann bitte auf breiter Front. Entweder hat man eine Steuer, die eine ökologische Lenkung bewirkt, oder sie verdient diesen Namen erst gar nicht. Letzteres scheint mir hier auch nach der Ankündigung, Steuerprivilegien streichen zu wollen, der Fall zu sein.

  5. Der Artikel ist informativ.
    Auch wenn das Vorhaben des Finanzministers halbherzig scheinen mag. Er ist auf dem richtigen Weg den Anfang für mehr Steuergerechtigkeit zu machen.

  6. Das übliche Geplärre wieder. Wir velegen Produktionsstandorte, entlassen Arbeitnehmer...

    Wie lange soll sich unsere Regierung das noch gefallen lassen?

    1.) Deutschland verlassen? Wohin solls denn gehen? Welches Land bietet so gute Infrastruktur, so gute Sicherheit und Planbarkeit und niedrige Steuern? Oder Arbeitnehmer Know-How, gibt es das in Rumänien?

    2.) Arbeitnehmer entlassen? Wer ohne Subvention nicht überleben kann wird auch kein guter Arbeitgeber sein. Schade drum, aber der nächste wird die Kapazitäten übernehmen.

    Jetzt kommt der wundervolle freie Markt auch mal für die Unternehmen. Die haben ihn doch immer gefordert???

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    • StGem
    • 29.07.2010 um 16:52 Uhr

    "Jetzt kommt der wundervolle freie Markt auch mal für die Unternehmen. Die haben ihn doch immer gefordert???"

    Steuern sind also freier Markt?
    Wie weit kann man die Begriffe denn sonst noch verdrehen?

    • StGem
    • 29.07.2010 um 16:52 Uhr

    "Jetzt kommt der wundervolle freie Markt auch mal für die Unternehmen. Die haben ihn doch immer gefordert???"

    Steuern sind also freier Markt?
    Wie weit kann man die Begriffe denn sonst noch verdrehen?

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