Wirtschaftsforschung Wie viel Solidarität steckt im Menschen?

Ökonomen und Psychologen versuchen zu erklären, warum Menschen teilen. Sind wir solidarischer als gedacht – oder doch nur verkappte Egoisten?

Die Karriere von Axel Ockenfels begann bei einem Mittagessen in der Mensa. Ockenfels, damals noch Student an der Universität Bonn, konfrontierte seine Kommilitonen zwischen Fischstäbchen und Vanillepudding mit einer Frage: Wie viel würdet ihr abgeben, wenn ihr in einer Lotterie Geld gewinnen würdet?

Inhaltlich ist Ockenfels von seinem Experiment bis heute nicht losgekommen. Nur dass er inzwischen Professor ist und nicht mehr in der Mensa forschen muss, sondern im Labor für experimentelle Wirtschaftsforschung an der Kölner Universität, dessen Leiter er ist. Wie damals in der Kantine spielen in Ockenfels’ Labor die Testpersonen paarweise um Geld. Meistens sind die Probanden Studenten und es geht um kleine Summen. Das Geld aus den Experimenten dürfen sie behalten.

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Die Ergebnisse des Spiels zeigen, dass der Mensch nicht vorrangig an Geldgewinn interessiert ist, sondern abwägt zwischen Gewinn und Fairness. Dass der Mensch eben manchmal doch solidarisch handelt, und nicht nur rational, wie es die gängige Wirtschaftswissenschaft behauptet. Ein sehr fairer Mensch fühle sich schlecht, wenn er besser gestellt ist als ein Mitbewerber und gebe ihm deswegen mehr ab, sagt Ockenfels. Um solidarisch mit anderen sein zu können, verzichtet er also auf etwas.

Die mathematische Formalisierung seiner Erkenntnisse gelang Ockenfels durch seine Theory of Equity, Reciprocity and Competition (Gleichheit, Gegenseitigkeit und Wettbewerb) – und er beendete damit die Alleinherrschaft des homo oeconomicus in den Wirtschaftswissenschaften. Tot ist der deshalb aber noch lange nicht. Denn Solidarität zwischen Individuen sei ja schön und gut – so parierten die Ockenfels-Kritiker –  im wirtschaftlichen Wettbewerb jedoch habe sie nichts zu suchen.

Einer der Kritiker ist Christoph Lütge, Wirtschaftsethiker an der TU Braunschweig: "In den Experimenten geht es um kleine Summen. Bei größeren wäre das Ergebnis anders." Lütge wandelt auf den Spuren des britischen Nationalökonomen Adam Smith. Dieser vertrat die These, dass jedem dann am besten geholfen sei, wenn er im Wettbewerb nur an sich selbst denke. "Der Markt", so Lütge, "unterscheidet schließlich nicht, ob es einem Unternehmen deshalb schlecht geht, weil es schlecht geführt wird oder weil man dort solidarisch gewirtschaftet hat." In beiden Fällen sei die Konsequenz dieselbe, nämlich die Pleite. Nur wer billiger produziere als andere, werde sich behaupten und für Innovationen sorgen, von denen dann alle profitieren könnten. Sein Fazit folgt den klassischen Wirtschaftsweisheiten: "Wettbewerb ist besser als teilen und damit sozusagen die wahre Solidarität."  

Wer aber hat Recht im Wettstreit der Theorien? "Beide", sagt der Psychologe Michael Kastner. "Es kann nicht nur Wettbewerb geben", so sein Urteil, "aber auch nicht nur Solidarität". Kastner ist Professor am Lehrstuhl für Grundlagen und Theorien der Organisationspsychologie der TU Dortmund. Um das Phänomen der Solidarität zu beschreiben, bemüht er zwei Bergsteiger: "Die schaffen eine Win-win-Situation: Sie helfen sich gegenseitig beim Aufstieg und profitieren voneinander." Es handle sich bei den beiden also um "Syn-Egoisten", die nicht ohne Gegenleistung helfen. "Solidarität ist zwar ethisch toll", resümiert Kastner seine Forschungen, "aber in der Realität geht es um knallharte Interessen." Nur der Syn-Egoist löse das Spannungsverhältnis zwischen dem Bedürfnis nach solidarischem Handeln und der Gefahr des Ausgenutztwerdens.



Wo Psychologen, Ethiker und Wirtschaftswissenschaftler Gedankenmodelle errichten, guckt Bernd Weber, der Leiter des Centre for economics and neuroscience an der Uni Bonn lieber in die Röhre. Bei Webers Experiment lösen zwei Probanden im Kernspin-Tomographen gleichzeitig Aufgaben, die ihnen per Videobrille präsentiert werden. Das Ergebnis: Bekommt Testperson A für das Lösen der gleichen Aufgabe mehr Geld als Person B, schrillen bei A die Alarmglocken – und zwar im sogenannten Frontallappen. Dieser Lappen sei sozusagen der Stammsitz der Solidarität, sagt Hirnforscher Weber. 

Viele Disziplinen, viele Theorien. Und viele Deutungsmuster für ein Urbeispiel solidarischen Handelns: Die Geschichte vom heiligen Sankt Martin, der anscheinend spontan die Hälfte seines Umhangs einem Bettler geschenkt hat? Gut durchbluteter Frontallappen mit anschließender freier Entscheidung zum Kleiderteilen, würde der Neurologe sagen. Martin war scharf auf eine Gegenleistung, würde Psychologe Kastner sagen. Wirtschaftswissenschaftler Ockenfels würde dem Mantelteiler eine hohe Fairnesspräferenz attestieren. Glatt durchgefallen ist er allerdings bei Wirtschaftsethiker Lütge. Der findet: "Solidarisch wäre Martin gewesen, wenn er eine Mantelfabrik eröffnet und die Bettler damit von der Straße geholt hätte."

 
Leser-Kommentare
    • Chali
    • 23.07.2010 um 10:10 Uhr

    " ... solidarischer als gedacht – oder doch nur verkappte Egoisten?"
    Wo soll denn da der Gegensatz sein?
    Ich bin unverhüllt egoistisch und DARUM solidarisch:
    Weiss ich, obs nicht mir auch mal schlecht geht?

    Aber vielleicht bin ich nur .... klüger oder anständiger oder risiko-bewusster als andere ...

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    Sie schreiben: "Ich bin unverhüllt egoistisch und DARUM solidarisch:
    Weiss ich, obs nicht mir auch mal schlecht geht?"

    Das habenSie sogar das Neue Testament auf Ihrer Seite. "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!

    Die Eigenliebe - der Egoismus - ist also das Maß und die Voraussetzung für die Nächstenliebe.

    Anders ausgedrückt: Wer nichts hat, der kann nichts geben.

    Noch anders: Wer sich selbst nicht liebt, kann überhaupt nicht lieben.

    Gerade die aktuellen Entwicklungen zeigen doch, dass Wirtschaft und Gesellschaft dann am besten funktionieren, wenn die Systeme gleichermaßen auf Leistung, Teilhabe und Ausgleich ausgerichtet sind.

    Sind sie es nicht, wird z. B. der übermäßig aufgeblasene Finanzmarkt instabil, die Sparmaßnahmen bei den Kleinen gefährden die Binnennachfrage, die Auftragsrückgänge gefährden die Kontinuität der Gewinne der Großen. All zu renitente Uneinsichtigkeit bei den Mächtigen mehrt das revolutionäre Potential bei den Machtlosen. (Zugegeben, es muss dazu kommen, dass das nicht vorhandene täglich Brot durch anempfohlenen Kuchen ersetzt werden soll.)

    Aber so weit wird es gar nicht kommen. Wie im Körper eines gut trainierten Sportlers, ist in modernen Gesellschaften eine Leistungssteigerung nur dann zu erreichen, wenn sich der gesamte Körper in Balance befindet. Ein Zehnkämpfer, der den Waden keinen Sprit mehr gönnt, weil er ihn lieber für seinen Bizeps ableitet, und die bauchfettige Anhäufung von Kalorien (die man der Rückenmuskulatur vorenthielt), schwächen die gesamte Leistungskraft.

    Als die unsichtbare Hand bei den ersten Egoismusökonomen erfunden wurde, hielt man Bewegung für ein notwendiges Übel und Bauchfett für den Garant, den nächsten Frühling gesund und bei Kräften zu erleben. Damals war Egoismus tatsächlich ein Faktor, der die Leistungsbilanz auf einfache Weise verbessern konnte. Heute wirkt Egoismus schon alleine dadurch, dass er von milliardenscheren Konzernen als Standardparameter auf die eher schwächliche Politik ausgeübt wird, zunehmend schädlich für die Allgemeinheit.

    Der Egoist unterscheidet in momentan Nützliches und momentan Hinderliches. Kaum ein Gedanke, dass der Wohlstand von heute auf der Teilhabens- und Bildungspolitik von gestern beruht. Kaum ein Gedanke, dass die Kinder der Wachsenden Zahl der Benachteiligten von heute, morgen die breite Gesellschaft bilden.

    Ich bin erschüttert, dass es tatsächlich immer noch Akademiker gibt, die dieser simpelsten aller Ideen anhängen. Zugegeben, die Welt ist kompliziert, aber wenn ich etwas nicht von universitären Diskursen erwarte, dann ist es Eskapismus.

    • joG
    • 23.07.2010 um 14:09 Uhr

    ....handelt es, theoretisch gesprochen, um ein Konsumgut. Wer sich gut fühlt, wenn er solidarisch ist, der wird das Gut konsumieren. Ich sehe da keine Inkonsistenz zur geltenden Theorie. Löst man die Gleichungen, so ergibt sich ein Wohlfartsoptimum, das eine gewisse Menge Solidarität zulässt.

    Wie bei jedem Konsum reduziert er die zur Investition verfügbaren Mittel und damit die Produktion späterer Perioden. Hierin liegt das Risiko, dem man hier tendenziell erlegen ist. Verwendet man nämlich sehr viele Ressourcen heute, so beginnt die Produktion zu fallen und man gerät in eine Situation schwächelnder oder fallender Wohlfahrt. Organisiert man den Konsum staatlich statt individuell, so ist es es leichter möglich, dass die gesellschaftlichen Konsummengen sehr groß werden. Dies ist im Falle der Solidarität offenbar geschehen.

    Die individuelle oder dezentrale Organisation des Konsums kann unter Umständen natürlich auch zu sehr großem Konsum führen. Allgemein ist aber meistens zu erwarten, dass Einzelpersonen nicht alle gleichzeitig das gleiche tun, also ein diverseres Entscheidungsbild entsteht.

    Sie schreiben: "Ich bin unverhüllt egoistisch und DARUM solidarisch:
    Weiss ich, obs nicht mir auch mal schlecht geht?"

    Das habenSie sogar das Neue Testament auf Ihrer Seite. "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!

    Die Eigenliebe - der Egoismus - ist also das Maß und die Voraussetzung für die Nächstenliebe.

    Anders ausgedrückt: Wer nichts hat, der kann nichts geben.

    Noch anders: Wer sich selbst nicht liebt, kann überhaupt nicht lieben.

    Gerade die aktuellen Entwicklungen zeigen doch, dass Wirtschaft und Gesellschaft dann am besten funktionieren, wenn die Systeme gleichermaßen auf Leistung, Teilhabe und Ausgleich ausgerichtet sind.

    Sind sie es nicht, wird z. B. der übermäßig aufgeblasene Finanzmarkt instabil, die Sparmaßnahmen bei den Kleinen gefährden die Binnennachfrage, die Auftragsrückgänge gefährden die Kontinuität der Gewinne der Großen. All zu renitente Uneinsichtigkeit bei den Mächtigen mehrt das revolutionäre Potential bei den Machtlosen. (Zugegeben, es muss dazu kommen, dass das nicht vorhandene täglich Brot durch anempfohlenen Kuchen ersetzt werden soll.)

    Aber so weit wird es gar nicht kommen. Wie im Körper eines gut trainierten Sportlers, ist in modernen Gesellschaften eine Leistungssteigerung nur dann zu erreichen, wenn sich der gesamte Körper in Balance befindet. Ein Zehnkämpfer, der den Waden keinen Sprit mehr gönnt, weil er ihn lieber für seinen Bizeps ableitet, und die bauchfettige Anhäufung von Kalorien (die man der Rückenmuskulatur vorenthielt), schwächen die gesamte Leistungskraft.

    Als die unsichtbare Hand bei den ersten Egoismusökonomen erfunden wurde, hielt man Bewegung für ein notwendiges Übel und Bauchfett für den Garant, den nächsten Frühling gesund und bei Kräften zu erleben. Damals war Egoismus tatsächlich ein Faktor, der die Leistungsbilanz auf einfache Weise verbessern konnte. Heute wirkt Egoismus schon alleine dadurch, dass er von milliardenscheren Konzernen als Standardparameter auf die eher schwächliche Politik ausgeübt wird, zunehmend schädlich für die Allgemeinheit.

    Der Egoist unterscheidet in momentan Nützliches und momentan Hinderliches. Kaum ein Gedanke, dass der Wohlstand von heute auf der Teilhabens- und Bildungspolitik von gestern beruht. Kaum ein Gedanke, dass die Kinder der Wachsenden Zahl der Benachteiligten von heute, morgen die breite Gesellschaft bilden.

    Ich bin erschüttert, dass es tatsächlich immer noch Akademiker gibt, die dieser simpelsten aller Ideen anhängen. Zugegeben, die Welt ist kompliziert, aber wenn ich etwas nicht von universitären Diskursen erwarte, dann ist es Eskapismus.

    • joG
    • 23.07.2010 um 14:09 Uhr

    ....handelt es, theoretisch gesprochen, um ein Konsumgut. Wer sich gut fühlt, wenn er solidarisch ist, der wird das Gut konsumieren. Ich sehe da keine Inkonsistenz zur geltenden Theorie. Löst man die Gleichungen, so ergibt sich ein Wohlfartsoptimum, das eine gewisse Menge Solidarität zulässt.

    Wie bei jedem Konsum reduziert er die zur Investition verfügbaren Mittel und damit die Produktion späterer Perioden. Hierin liegt das Risiko, dem man hier tendenziell erlegen ist. Verwendet man nämlich sehr viele Ressourcen heute, so beginnt die Produktion zu fallen und man gerät in eine Situation schwächelnder oder fallender Wohlfahrt. Organisiert man den Konsum staatlich statt individuell, so ist es es leichter möglich, dass die gesellschaftlichen Konsummengen sehr groß werden. Dies ist im Falle der Solidarität offenbar geschehen.

    Die individuelle oder dezentrale Organisation des Konsums kann unter Umständen natürlich auch zu sehr großem Konsum führen. Allgemein ist aber meistens zu erwarten, dass Einzelpersonen nicht alle gleichzeitig das gleiche tun, also ein diverseres Entscheidungsbild entsteht.

  1. Sie schreiben: "Ich bin unverhüllt egoistisch und DARUM solidarisch:
    Weiss ich, obs nicht mir auch mal schlecht geht?"

    Das habenSie sogar das Neue Testament auf Ihrer Seite. "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!

    Die Eigenliebe - der Egoismus - ist also das Maß und die Voraussetzung für die Nächstenliebe.

    Anders ausgedrückt: Wer nichts hat, der kann nichts geben.

    Noch anders: Wer sich selbst nicht liebt, kann überhaupt nicht lieben.

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    • Chali
    • 23.07.2010 um 11:23 Uhr

    "Besser ist das"!

    Beistand kann man von jeder Seite her brauchen!

    *schmunzel*

    • Chali
    • 23.07.2010 um 11:23 Uhr

    "Besser ist das"!

    Beistand kann man von jeder Seite her brauchen!

    *schmunzel*

  2. aber vielleicht sollte man fragen, warum der Mensch egoistisch handelt, denn eigentlich ist der Mensch doch ein geselliges Wesen und kein Einzeltier. Immerhin hatte der Mensch immer die Neigung sich in Gruppen zu organisieren: Vor ganz langer Zeit in Sippen und Rudeln und nun in Staaten. Einerseits etwa, weil Mammuts schlecht alleine zu erledigen waren und andererseits wohl auch aus der "egoistischen" Erwägung heraus, dass man im Falle eines Jagdunfalls von den anderen Mitgliedern der Sippe gepflegt wurde.
    Kann es nicht sein, dass der Mensch in den letzten Jahrzehnten zu einem Egoisten erzogen worden ist, etwa von den Neoliberalisten?
    Was das Beispiel der Seilschaft in den Bergen angeht: Diese ist in der juristischen Ausbildung ein Schulbeispiel für eine Gefahrengemeinschaft, deren Bruch zur Erfüllung von eigentlichen Handlungsdelikten durch Unterlassen führen kann.
    Im Übrigen stimme ich meinen Vorredner Chali voll zu!

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    denn eigentlich ist der Mensch doch ein geselliges Wesen und kein Einzeltier."

    Weil es "der" Mensch kann. Sehen Sie, es herrscht in bestimmten Kreisen kein oder kein ausreichender Zwang etwas für das Gemeinwohl zu tun. Ausser es ist steuerlich absetzbar.

    Das würde in einer kleineren und überschaubaren Gruppe zu Spannungen führen. Da sich aber "der" Mensch anscheinend gerne in meist homogenen "Gruppen", "Kasten" oder "Schichten" versteckt wird es leichter diesen Spannungen oder Gruppenzwang zu entgehen. Sind doch oft nur gleiche Interessen dort vertreten.

    denn eigentlich ist der Mensch doch ein geselliges Wesen und kein Einzeltier."

    Weil es "der" Mensch kann. Sehen Sie, es herrscht in bestimmten Kreisen kein oder kein ausreichender Zwang etwas für das Gemeinwohl zu tun. Ausser es ist steuerlich absetzbar.

    Das würde in einer kleineren und überschaubaren Gruppe zu Spannungen führen. Da sich aber "der" Mensch anscheinend gerne in meist homogenen "Gruppen", "Kasten" oder "Schichten" versteckt wird es leichter diesen Spannungen oder Gruppenzwang zu entgehen. Sind doch oft nur gleiche Interessen dort vertreten.

  3. "Glatt durchgefallen ist er allerdings bei Wirtschaftsethiker Lütge. Der findet: "Solidarisch wäre Martin gewesen, wenn er eine Mantelfabrik eröffnet und die Bettler damit von der Straße geholt hätte."

    Wirtschaftsethiker? Ich krieg mich nicht mehr ein *lol* und dann sagt der auch noch solchen Unsinn.

    Eine Mantelfabrik funktioniert auch nur, wenn die Leute Geld haben, welches sie für Mäntel ausgeben können. Den volkswirtschaftlichen Aspekt vernachlässigt Lütge also. Denn bei einigermaßen fairer Verteilung gibts gar keine Armut, während eine (erfolgreiche) Mantelfabrik allenfalls lokal und temporär eine Besserung darstellt, letztlich also auch nicht besser ist, als den Mantel zu teilen, nur in etwas größerem Maßstab und nur wenn man ausblendet, dass Martin eigentlich ein Bischof war und kein Textil-Industrieeller.

    Aber sei's drum. Lütge ist halt ein knallharter Neoliberaler und Wettbewerbsgläubiger, gegen den Mindestlohn etwa und für ein Wirtschaftssystem wie es die USA hat (zumindest war er das Anfang 2008 noch, vor der Krise ;-)
    http://www.extremnews.com...

    Zu gerne würde ich wissen, welche Interessenvereinigung diesen Herrn aufgebaut hat und nun finanziert und damit versucht die Begriffshoheit auch auf moralische Aspekte zu erweitern. In Ökonomie, Politik und Medien hat man das ja schon sehr erfolgreich geschafft. Da klingeln einem die Ohren von Wettbewerbsphrasen, denen sich alles und jedes unterordnen soll.

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    • TDU
    • 23.07.2010 um 11:26 Uhr

    Darum geht es aber doch. Erst muss allerdings erwirtschaftet werden. Denn wo nichts ist, kann man nichts verteilen. Und die Bettler und nicht nur die von der Strasse zu holen, erfordert natürlich marktgerechte Preisgestaltung. Die ist sogar in der Basarwirtschaft Bedingung. Und dass es für Kleidung, die die Wärme am Körper hält, eine Nachfrage gibt, kann man wohl annehmen.

    Man kann natürlich auch plädieren, dass er seine gesamten Bestand an Mänteln weggeben sollte. Aber das Postulat von der gleichen Armut, welches dahinter steht, teile ich nicht.

    Seine Argumentation ist zumindest nachvollziehbar und übeprüfbar. Was hat das mit seinem Hintergrund zu tun? Und auch über den Mindestlohn kann man geteilter Meinung sein.

    Ich kann ihren Ärger verstehen, doch der Neoliberalismus ist nicht pauschal so zu verurteilen, wie dies Mode geworden ist.
    Heute wird unter diesem Etikett knallharte Ausbeutung verstanden. Sofern man das damit skizzieren will, ist die Schimpfe richtig, auch weil dieser Missbrauch unter dem Etikett Neoliberalismus stattgefunden hat.
    Das hat aber mit dem Wirtschaftsmodell Neoliberalismus schlicht nichts zu tun. Das ist lediglich eine bequeme Ausnutzung einer Begriffsunschärfe von Sozialisten gegen die Marktwirtschaft und Vermischung von poltischer wie konzernwirtschaftlicher Vorteilsnahme mit neoliberaler Rhetorik (Trittbrettfahrerei).

    Wie im früheren Kommentar ausgeführt steht das Wettbewerbsmodell nicht in Frage, es ist unangefochten nach wie vor das leistungsfähigste und sozialste Wirtschaftsmodell.
    Aber es muss auch vernünftig konfiguriert werden!
    Ein vernünftiger Wettbewerb unterliegt vernünftigen Bedingungen, der Mindestlohn gehört meiner Meinung nicht dazu und wäre unter vernünftigen Wettbewerbsbedingungen keiner Diskussion wert.
    Vernünftige Bedingungen sind aber nur zu haben, wenn Klarheit über die Sinnhaftigkeit besteht und dann evtl. Verluste ausgehalten werden.
    Denn Vernunft ist keine Wohlfahrtseinbahnstrasse immer zu Lasten Dritter, Vernunft zwingt auch zu schmerzhaften Korrekturen.
    Und nicht immer, wenn der Verlust von eher Schwachen oder Arbeitnehmern zu tragen ist, ist das falsch.

    H.

    • TDU
    • 23.07.2010 um 11:26 Uhr

    Darum geht es aber doch. Erst muss allerdings erwirtschaftet werden. Denn wo nichts ist, kann man nichts verteilen. Und die Bettler und nicht nur die von der Strasse zu holen, erfordert natürlich marktgerechte Preisgestaltung. Die ist sogar in der Basarwirtschaft Bedingung. Und dass es für Kleidung, die die Wärme am Körper hält, eine Nachfrage gibt, kann man wohl annehmen.

    Man kann natürlich auch plädieren, dass er seine gesamten Bestand an Mänteln weggeben sollte. Aber das Postulat von der gleichen Armut, welches dahinter steht, teile ich nicht.

    Seine Argumentation ist zumindest nachvollziehbar und übeprüfbar. Was hat das mit seinem Hintergrund zu tun? Und auch über den Mindestlohn kann man geteilter Meinung sein.

    Ich kann ihren Ärger verstehen, doch der Neoliberalismus ist nicht pauschal so zu verurteilen, wie dies Mode geworden ist.
    Heute wird unter diesem Etikett knallharte Ausbeutung verstanden. Sofern man das damit skizzieren will, ist die Schimpfe richtig, auch weil dieser Missbrauch unter dem Etikett Neoliberalismus stattgefunden hat.
    Das hat aber mit dem Wirtschaftsmodell Neoliberalismus schlicht nichts zu tun. Das ist lediglich eine bequeme Ausnutzung einer Begriffsunschärfe von Sozialisten gegen die Marktwirtschaft und Vermischung von poltischer wie konzernwirtschaftlicher Vorteilsnahme mit neoliberaler Rhetorik (Trittbrettfahrerei).

    Wie im früheren Kommentar ausgeführt steht das Wettbewerbsmodell nicht in Frage, es ist unangefochten nach wie vor das leistungsfähigste und sozialste Wirtschaftsmodell.
    Aber es muss auch vernünftig konfiguriert werden!
    Ein vernünftiger Wettbewerb unterliegt vernünftigen Bedingungen, der Mindestlohn gehört meiner Meinung nicht dazu und wäre unter vernünftigen Wettbewerbsbedingungen keiner Diskussion wert.
    Vernünftige Bedingungen sind aber nur zu haben, wenn Klarheit über die Sinnhaftigkeit besteht und dann evtl. Verluste ausgehalten werden.
    Denn Vernunft ist keine Wohlfahrtseinbahnstrasse immer zu Lasten Dritter, Vernunft zwingt auch zu schmerzhaften Korrekturen.
    Und nicht immer, wenn der Verlust von eher Schwachen oder Arbeitnehmern zu tragen ist, ist das falsch.

    H.

  4. ... provoziert im Grunde eine Wahlentscheidung. Wer ins Wasser fällt und zu ertrinken droht, dem empfiehlt es auch nicht "Solidarität!" zu rufen sondern schlicht "Hilfe!".

    • self22
    • 23.07.2010 um 11:14 Uhr

    Jeder lebenserfahrene Mensch sieht, dass das Solidaritätsverhalten der Menschen vom der Kulter der jeweiligen Gruppe abhängig ist. Es gibt Gruppen, die nur egoistisch handeln und andere, bei denen die Solidarität hochgehalten wird. Nehmen wir die Gruppe der Investmentbanker bis zur Finanzkrise. Diejenigen Investmentbank(st)er, die ihr Geld wert waren, haben gewußt, dass die Werte, für die sie jährlich gigantische Boni abgezockt haben, reine Buchgewinne der Banken waren, deren eignetlicher Wert oder Unwert sich erst später herausstellt. Aber es war/ist eine anti-solidarische Kultur in diesen Kreisen entstanden. Die Gesamtgesellschaft stellt für diese Gruppe keinen Wert an sich dar.
    Ähnlich verhält es sich bei bestimmten Gruppen von Migranten, bei denen man erkennbar sieht, dass die empfangene Solidarität durch die in hohem Maße empfangene Sozialhilfe nicht dazu führt, sich mit dieser Gesellschaft und Kultur zu identifizieren. Es führt eher noch zur Verachtung dieser trottelichen Gesellschaft.

    • self22
    • 23.07.2010 um 11:15 Uhr

    Den solidarischen Charakter einer Gruppe erkennt man zum Beispiel (ohne jede Wissenschaft des Herrn Ockenfels) daran, dass man auch finanziell gewichtige Verträge praktisch mit Handschlag abschließen könnte, ohne dieses Geschwader von Rechtsverdrehern, äh Rechtsanwälten, die heute für jeden nennenswerten Vertragsabschluß erforderlich sind.
    Die Solidarität ist als gruppenspezifisch extrem unterschiedlich ausgeprägt. Man kann hier nicht mit einer ökonomischen Formel alles abdecken, wie sich das die Ockenfelse dieser Welt so vorstellen, wobei diese schon etwas näher an der Realität sind als ihre völlig lebensfernen Vorgänger.

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