Dieter Lehmkuhl bricht dieses Tabu gerne. Immer wieder, in aller Öffentlichkeit. Der Millionär lässt sich erst fragen: "Warum wollen Sie mehr Steuern zahlen, Herr Lehmkuhl?" Und dann sagt der 67-Jährige diesen Satz, bei dem in Talkshows das Publikum applaudiert, weil er so einfach ist, so einleuchtend, und doch von einem Millionär so selten ausgesprochen wird. Lehmkuhl sagt: "Wir Reichen haben mehr als genug und müssen der Gemeinschaft etwas abgeben."

Steuern zu zahlen ist ein solidarischer Akt. Von dem Geld, das der Staat einsammelt, baut er Straßen für alle, auch wenn Lehmkuhl lieber Fahrrad fährt. Der Staat stellt Lehrer ein, obwohl Lehmkuhls Sohn schon erwachsen ist. Er zahlt Arbeitslosengeld an Menschen, die Lehmkuhl nicht kennt. Doch das ist dem Millionär noch zu wenig: Der Staat soll mehr Geld bekommen und damit denjenigen helfen, die es dringender brauchen als er selbst. Im Mai 2009 hat Lehmkuhl deswegen mit rund zwanzig Gleichgesinnten eine Initiative gegründet: den Appell Vermögensabgabe.

Die Initiatoren fordern, dass Menschen mit einem Gesamtvermögen von über 500.000 Euro zwei Jahre lang fünf Prozent davon an den Staat überweisen. Nach ihren Berechnungen brächte dies 100 Milliarden Euro. Danach soll eine Vermögenssteuer von einem Prozent eingeführt werden. 2,2 Millionen Deutsche müssten zahlen, hat die Initiative berechnet. Mit dem Geld sollen Stellen in Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen geschaffen und höhere Sozialausgaben finanziert werden.

Wer wissen will, was die Gruppe antreibt, muss Dieter Lehmkuhl im Berliner Norden besuchen. Hier, am Stadtrand, wohnt er mit seiner Frau in einer alten Villa, die sie sich mit Freunden teilen. Draußen blättert der Putz, drinnen ist das Parkett abgewetzt. Solidarität bedeutet für Lehmkuhl, auf Luxus zu verzichten. Auf dem Küchentisch liegt die taz. Lehmkuhl setzt sich ins Wohnzimmer, unterm Arm einen Stapel Papier. Auf das Interview hat er sich vorbereitet. Er hat drei Seiten eng bekritzelt. Er hat Statistiken gesammelt, Beweise dafür, dass der Sozialstaat auf dem Rückzug ist. Er zitiert aus Studien, dass die deutsche Steuerquote unter dem Durchschnitt der alten EU-Länder liege.

Und er rechnet vor, was er an Steuern zahlt: Seit dem Jahr 2000 haben sich seine Einnahmen aus Kapitalanlagen mehr als verdoppelt. Bis 2007 sind auch seine Bezüge als Leiter des sozialpsychiatrischen Dienstes im Berliner Stadtteil Reinickendorf leicht gestiegen. Dann ging Lehmkuhl in den Ruhestand und bekommt seitdem eine angenehme Pension. Lehmkuhl lehnt sich zurück. Trotz seines gestiegenen Einkommens zahlt er nach eigenen Worten nur noch halb so viel Steuern wie vor zehn Jahren.

"Für Reiche", sagt Lehmkuhl, "ist Deutschland eine Steueroase". Dabei steigt das Steueraufkommen seit Jahren. 1990 mussten Bund und Länder noch mit 265 Milliarden Euro auskommen. 2009 waren es 485 Milliarden. "Aber die Steuern", sagt Lehmkuhl, "die zahlen nicht die reiche Oberschicht, sondern vor allem die Mittelschicht!" 

"Unsere Gesellschaft ist tief gespalten"

Das regt Lehmkuhl auf. Und wenn ihn etwas aufregt, dann spricht er schnell und klingt wie der 68er-Aktivist, der vor 40 Jahren zum Medizin-Studium nach West-Berlin gezogen ist. Studentenbewegung, Demos, Wohngemeinschaften. Doch dann kam das Geld in Dieter Lehmkuhls Leben. Sein Vater starb, ein leitender Ingenieur der Stahl-Industrie im Ruhrgebiet. Seine Mutter verkaufte das Zweit-Häuschen. Er war gerade 30 und hatte plötzlich 200.000 Mark auf dem Konto – und Gewissensbisse. "Zinsen waren verpönt", sagt Lehmkuhl. Wer Zinsen einnahm, arbeitete schließlich nicht selbst, sondern ließ sein Geld für sich arbeiten. In den Neunzigern erbte Lehmkuhl dann ein zweites Mal. Jetzt war er Millionär.

Inzwischen besitzt er Aktien – ethisch unbedenkliche und ökologisch sinnvolle Papiere, wie er betont. Er stifte nahezu seine kompletten Kapitalerträge, rund 30.000 Euro im Jahr. Heute lässt Lehmkuhl sein Geld gerne arbeiten, allerdings nicht für sich.
"Wenn ich mir einen Luxus gönne", sagt Lehmkuhl, "dann sind es Bücher, Reisen und Essen gehen". Sein Sohn soll einmal nur so viel erben, wie er auch von seinem Vater bekommen hat. Den Rest will Lehmkuhl für soziale Projekte spenden.

So will Lehmkuhl eine Brücke bauen. "Unsere Gesellschaft ist tief gespalten", sagt er. Auf der einen Seite gebe es die Reichen, deren Geld sie mächtig mache. Auf der anderen die Mittel- und Machtlosen. Die Menschen müssten wieder zusammenfinden, sagt Lehmkuhl. Je gleicher eine Gesellschaft, zitiert er den britischen Sozialforscher Richard Wilkinson, desto glücklicher sind die Menschen.

Mit höheren Steuern für Vermögende wollen Lehmkuhl und seine Mitstreiter die nötige Solidarität erzwingen. "Wenn wir uns nur auf private Spender verlassen", sagt Lehmkuhl, "leben wir wieder in einer Welt, in der Kultur und Soziales nur nach Gutsherrenart finanziert wird".

Nur 15 Kilometer liegen zwischen Lehmkuhls Haus und dem Bundesfinanzministerium. 15 Kilometer und eine komplette Weltsicht. Eine Vermögensabgabe stehe nicht zur Debatte, heißt es dort. Solange der Staat sein Geld nicht will, stifte er eben, sagt Lehmkuhl. Allein aus seiner Zeit als Arzt habe er 200.000 Euro angespart. Und dann sagt er wieder einen Satz, der so einfach und einleuchtend klingt. Er sagt ihn nicht genügsam, sondern herausfordernd.

Lehmkuhl sagt: "Das reicht mir."