Frage: Herr Schütz, was ist Ihr Tipp: Wie viele Jahre länger werden die AKW laufen?

Dietmar Schütz: Ich hoffe gar nicht. Denn es wäre Gift für die Erneuerbaren. Ich glaube, dass die Regierung sich jetzt nicht nur die Szenarien anschaut, sondern auch, wie viele Jahre Laufzeitverlängerung sie ohne Zustimmung des Bundesrates durchsetzen kann. Das Justizministerium glaubt an dreieinhalb Jahre, das Umweltministerium an acht Jahre. Ich tippe, am Ende wird es eine Verlängerung am oberen Ende dieser Spanne geben – auch wenn ich persönlich dagegen bin.

Frage: Warum wäre eine Verlängerung Gift?

Schütz: Zunächst sind Atomkraftwerke nicht so regelbar, wie es nötig wäre, um den flexiblen Strom aus Wind und Sonne auszugleichen. Zum Zweiten haben sich die Unternehmen unserer Branche wie auch viele Stadtwerke bei ihren Investitionsentscheidungen darauf verlassen, dass die AKW nach und nach vom Netz gehen, wie es im geltenden Gesetz beschrieben ist. Wenn das nicht mehr gilt, verändert das alle Planungen und macht viele Investitionen nachträglich unrentabel.

 Frage: Heute erzeugen wir hierzulande rund zehn Prozent der Energie regenerativ. Wann werden es 100 sein?

Schütz: Beim Strom wird das schnell gehen. Da sind es heute schon 16 Prozent. Und wir glauben, dass Deutschland 2020 schon 47 Prozent des Stroms erneuerbar erzeugt. Die Bundesregierung glaubt, dass 30 bis 38 Prozent möglich sind in zehn Jahren. Bis 2040 oder 2050 wird der Strom komplett aus regenerativen Quellen stammen. Bei der Wärmeerzeugung, wo die Hälfte der Energie verbraucht wird, bin ich skeptischer.

Frage: In einer Studie Ihres Verbandes heißt es, in den kommenden zehn Jahren könnten 235 Milliarden Euro in den Ausbau der Erneuerbaren fließen, wenn die Bedingungen stimmen. Was heißt das konkret? 

Schütz: Wir haben berechnen lassen, welche Investitionen in den Bereichen Strom, Wärme und Verkehr durch den Ausbau der erneuerbaren Energien ausgelöst werden. Danach summieren sich die Gesamtinvestitionen bis zum Jahr 2020 auf rund 235 Milliarden Euro. Richtige Bedingung heißt: Das Erneuerbare-Energien-Gesetz muss weiter gelten. Außerdem brauchen wir zusätzlich den Ausbau von Netzen, vor allem in Nord-Süd-Richtung, und Investitionen in Speichertechnologien.

Frage: Wer soll das bezahlen?

Schütz: Wir gehen davon aus, dass der Erzeugerpreis für erneuerbaren Strom noch steigen wird, von heute gut zwei Cent je Kilowattstunde auf rund 3,5 Cent pro Kilowattstunde beim Haushaltsstrom.

Frage: Also zahlen die Verbraucher.

Schütz: Die werden eine Zusatzbelastung ertragen müssen und auch der Staat muss Investitionen tätigen, um den Weg in die Erneuerbaren zu gehen. Das muss man ganz ehrlich sagen. Der Umbau zu einer klimafreundlichen Energiewirtschaft ist nicht zum Nulltarif zu haben. Aber das Geld ist gut angelegt. Und man darf nicht vergessen, dass die Erneuerbaren allein im vergangenen Jahr externe Kosten in Höhe von 5,1 Milliarden Euro vermieden haben. Das sind Kosten für Klima-, Umwelt-, Gesundheits- und Materialschäden, die durch die Verwendung fossiler und atomarer Brennstoffe ansonsten entstanden wären, die im Preis dieser Technologien aber nicht enthalten sind. Allein im letzten Jahr haben die Erneuerbaren auch Brennstoffimporte in Höhe von 6,4 Milliarden Euro substituiert.