Bald heiß begehrt auf dem Arbeitsmarkt: Ingenieur eines Kohlekraftwerks in Jänschwalde (Archivbild) © Michael Urban/AFP/Getty Images

Zwei, drei Jahre lang wurde das Thema durch die Wirtschaftskrise verdrängt, plötzlich ist es wieder da: der Fachkräftemangel. Zuerst stritten sich Regierung und Opposition, Gewerkschaften und die Bundesagentur für Arbeit, wie man ihn am besten bekämpfen soll. Die Zuwanderung erleichtern ? Lieber einheimische Talente besser aus- und weiterbilden ? Dann ließ Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren Sprecher ausrichten, die Zuwanderungsgesetze bedürften keiner grundsätzlichen Überarbeitung , und fuhr in die Sommerfrische.

Doch bis zum Herbst wird das Problem nicht verschwinden. Im Gegenteil: Es wird in den kommenden Jahren größer werden. Politik wie Unternehmen täten gut daran, schon jetzt für die Zeit der Knappheit vorzusorgen.

Im Moment kann von einem allgemeinen Fachkräftemangel nämlich trotz aller Klagen noch gar keine Rede sein. Zwar beziffert der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) die Zahl der fehlenden Ingenieure auf 36.000. Dem IT-Verband Bitkom zufolge sehen ein Drittel seiner Mitgliedsunternehmen im Mangel an qualifiziertem Personal ein Hindernis für ihre Geschäftstätigkeit. Der DIHK berichtet, aus Sicht seiner Mitglieder sei die Knappheit an geeigneten Fachkräften – ob Akademiker, Facharbeiter oder qualifizierte Azubis – ein Hindernis für den gerade begonnenen Aufschwung. Neben Ingenieuren und IT-Fachleuten fehlen auch Pflegekräfte und Erzieherinnen .

Doch zugleich liegt die Zahl der Arbeitslosen immer noch bei mehr als drei Millionen, und weitere Indizien sprechen ebenfalls gegen einen flächendeckenden Expertenmangel. So wandern immer noch Fach- und Führungskräfte aus. Im Jahr 2009 verließen 155.000 Deutsche das Land, viele von ihnen, weil sie sich anderswo bessere Karrierechancen erhofften.

Bräuchten die Unternehmen tatsächlich so dringend Personal, würden sie solche Leute viel stärker umwerben. Einzelfälle deuten zumindest darauf hin, dass sie das nicht tun. So streicht Siemens, einer der wichtigsten Arbeitgeber für technisches Fachpersonal in Deutschland, 2000 Stellen in einem Tochterunternehmen, dem IT-Dienstleister SIS. Vor allem ältere Ingenieure sollen durch Prämien zum Ausstieg bewegt werden.

Aktuelle Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg bestätigen: Es gibt Engpässe in bestimmten Unternehmen, aber von einem flächendeckenden Fachkräftemangel ist Deutschland noch weit entfernt. Insgesamt lag die Zahl der offenen Stellen in Deutschland im zweiten Quartal bei rund 977.000, zehn Prozent über dem Niveau des Vorquartals – doch vor Einsetzen der Rezession, im Jahr 2008, waren noch deutlich mehr Stellen unbesetzt.

"Offensichtlich sind viele Betriebe weiterhin vorsichtig mit Neueinstellungen und beobachten die weitere Entwicklung", sagt Anja Kettner, die am Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zum Fachkräftemangel forscht. Ihren Erhebungen zufolge zeigt sich der Zuwachs der offenen Stellen vor allem unter Großunternehmen. Doch in kleineren Betrieben, die für den Arbeitsmarkt insgesamt deutlich wichtiger seien, habe sich der Bedarf an Arbeitskräften trotz des beginnenden Aufschwungs noch nicht erhöht.

Ansonsten verweist das IAB auf Forschungsergebnisse, die schon vor der Krise galten, im August 2007. "Aktuell gibt es keine Anzeichen für einen allgemeinen Fachkräftemangel, auch wenn die Lage in einigen Teilarbeitsmärkten angespannt ist", hieß es damals in einer Stellungnahme. "Der vielfach diskutierte Ingenieurmangel kann bisher nur in einigen Teilbereichen beobachtet werden – auf längere Frist sind jedoch breitere Mangellagen zu erwarten."