Regen in einem Flüchtlingslager in Port-au-Prince. 1,5 Millionen Menschen leben in Haiti immer noch in Lagern © Joe Raedle/Getty Images

"Das Volk hat Hunger. Die Menschen leben im Schlamm." Hugue Monice ist Mitarbeiter der Hilfsorganisation medico und beschreibt die Lage im Katastrophengebiet – nicht in Pakistan, wo gegenwärtig 20 Millionen Menschen von den verheerenden Überschwemmungen betroffen sind, sondern in Haiti. Mehr als sieben Monate nach dem großen Beben, welches das Land im Januar traf, kommen die Aufbauarbeiten dort nur langsam voran.

"Die Menschen sind sehr verärgert", sagt Monice, selbst Haitianer. "Die erste Nothilfe kam an, sie haben gespürt, dass die Organisationen etwas unternehmen, um zu helfen. Jetzt ist das vorbei. Auch die Regierung tut nichts – das ist die Bevölkerung zwar gewohnt, aber jetzt weiß man, dass zugleich Millionen Dollar auf Verwendung warten. Das macht die Lage noch schlimmer."

Auf die Nothilfe der ersten Monate folgen die Anstrengungen zum langfristigen Wiederaufbau des Landes. Doch weil das Beben so große Zerstörungen verursachte, dauert es lange, sie zu planen und zu koordinieren. Den Obdachlosen in den Zeltstädten Haitis und den Flüchtlingen, die ohne feste Bleibe mal hier, mal da unterkommen, gibt die Langsamkeit das Gefühl, es geschehe nichts. Weniger als vier Prozent des Schutts, der nach dem Beben die Straßen bedeckte, seien bislang weggeräumt, melden Agenturen. Von etwaigen Fortschritten sei nicht viel zu hören, sagt Monice.

Haiti zeigt, wie schwer der Wiederaufbau eines zerstörten Landes ist, und vermittelt eine Ahnung davon, wie groß die Not in Pakistan auch in einigen Monaten noch sein wird, wenn die Wassermassen abgeflossen sind.

"Es wird Jahre dauern, Haiti wieder auf die Beine zu stellen", sagt Alejandro Chicheri, Sprecher des World Food Programmes der Vereinten Nationen (WFP). Das größte Problem: Das Beben traf die Hauptstadt und zerstörte hier alle Strukturen der öffentlichen Verwaltung – und das in einem Staat, der schon vor der Katastrophe vielen als failed state galt. Sämtliche Regierungsgebäude in Port au Prince stürzten ein, Angestellte kamen ums Leben. Bis heute fehlen Arbeitsplätze, Computer und Kommunikationsstrukturen, und der Staatschef, Präsident René Préval, muss seine Amtsgeschäfte immer noch von einem Zelt aus führen.

"Das Beben hat die Handlungsfähigkeit der Regierung nicht gerade erhöht", sagt Dirk Guenther, Landesdirektor der Welthungerhilfe in Haiti. Dennoch müsse der Wiederaufbau mit der Regierung abgestimmt werden, um die staatlichen Strukturen nicht noch weiter zu schwächen. Zumal es starke Gruppen gebe, die gar kein Interesse an einer handlungsfähigen Regierung hätten. "Sie machen mit der Tatsache, dass der Staat schwach ist, viel Geld", sagt Guenther.

Diese Satellitenbilder zeigen die Überflutungen im Süden Pakistans. Klicken Sie auf das Bild für eine größere Ansicht© Nasa In der Vergangenheit floss Hilfe oft am Staat vorbei und schuf so parallele Strukturen. Diesmal soll das nicht passieren, denn Haiti soll irgendwann nicht nur die Folgen des Erdbebens überwunden haben, sondern besser für die Zukunft gerüstet sein. "Wir möchten nicht nur Häuser hinstellen, sondern am Ende eine funktionierende Zivilgesellschaft und ein funktionierendes Staatswesen haben", sagt Guenther.

Dabei wäre es schon kompliziert genug, bloß die Häuser wieder herzustellen. In vielen Fällen ist unklar, wem die schuttbedeckten Grundstücke in Port-au-Prince überhaupt gehören, und so lange die Besitzverhältnisse strittig sind, wird weder Schutt weggeräumt noch gebaut. Zu groß wäre das Risiko, dass die Menschen nach kurzer Zeit ihr neues Heim wieder verlassen müssen, sagen die Helfer. Für die Obdachlosen bedeutet die Rechtsunsicherheit, dass zuweilen selbst der Platz fehlt, um ein Zelt aufzuschlagen. "In der Stadt können die Bürgermeister keine anständigen Flächen für Zeltlager ausweisen", sagt Guenther. Wo es aber freie Flächen gibt, wollen die Menschen oft gar nicht hin: Die Lager liegen so weit ab von jeder Infrastruktur, dass es kaum möglich ist, von ihnen aus seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Port-au-Prince sehe aus wie Hamburg nach dem Zweiten Weltkrieg, berichtet Guenther. "Das Ortszentrum war schon vor dem Beben nicht in Ordnung. Wenn man die Gebäude jetzt einfach wieder auf ihren alten Platz stellte, wäre nichts gewonnen. Man muss die Stadt neu planen. Wie verlaufen die Straßen? Woher kommen Wasser und Strom? Das muss alles geklärt werden." Jedes einzelne neue Haus sollten möglichst erdbebensicher gebaut werden, ergänzt Mathias Mogge, Programmdirektor der Welthungerhilfe. All das braucht viel Zeit.