Eine junge Ingenieurin im Maschinenraum eines Schiffes: Fachkräfte werden in Deutschland händeringend gesucht © Jeff J. Mitchell/Getty Images

Fachkraft sei kein besonders schönes Wort, sagt Thomas de Maizière. Es wirke fast wie eine Aufforderung zum Falschverstandenwerden, ähnlich wie das Wort Humankapital. "Man vergisst schnell, dass sich hinter einer Fachkraft immer auch ein Mensch verbirgt", sagt der Bundesinnenminister. Trotzdem muss er dieses hässliche Wort am Dienstag häufig in den Mund nehmen. Denn es gibt eine neue Statistik über den Mangel an Fachkräften.

Drei von vier Unternehmen haben Probleme, offene Stellen mit qualifizierten Leuten zu besetzen. Das ergab eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), deren Ergebnisse in Berlin vorgestellt wurden. Rund 1600 Unternehmen aus dem gesamten Bundesgebiet haben an der Befragung teilgenommen. "Angesichts des Wirtschaftsaufschwungs wird sich das Problem verschärfen", sagt DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann. Die gute Konjunktur sorgt zwar für volle Auftragsbücher, stellt die Unternehmen aber vor neue Probleme. "Sie befürchten in den kommenden fünf Jahren eine deutliche Verschärfung der Fachkräftesituation", sagt Driftmann.

Besonders Ingenieure fehlen in Deutschland. Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) schätzt die Lücke auf 36.000. Doch auch IT-Fachkräfte, Pflegekräfte und Erzieherinnen werden händeringend gesucht. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg geht aber davon aus, dass es keinen flächendeckenden Fachkräftemangel in Deutschland gibt. Die Zahl der offenen Stellen in Deutschland lag im zweiten Quartal des Jahres bei rund 977.000 – zehn Prozent über dem Niveau des Vorjahres. Vor der Rezession im Jahr 2008 waren deutlich mehr Stellen unbesetzt. "Offensichtlich sind viele Betriebe vorsichtig mit Neueinstellungen und beobachten die weitere Entwicklung", sagt IAB-Expertin Anja Kettner.

Nach Angaben der DIHK wollen zwölf Prozent der befragten Unternehmen gut ausgebildete Fachkräfte aus dem Ausland anwerben. Bundesinnenministerin Ursula von der Leyen (CDU) glaubt jedoch nicht, dass das Problem auf dem deutschen Arbeitsmarkt so gelöst werden kann. "Zuwanderung kann den Fachkräftemangel zwar dämpfen, aber nicht beheben", sagt sie.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) wehrt sich zudem gegen den Vorwurf, das deutsche Zuwanderungsrecht sei das eigentliche Hemmnis bei der Beseitigung des Fachkräftemangels. "Das Zuwanderungsrecht hat seine Hausaufgaben gemacht", sagt de Maizière. Es sei hinreichend flexibel und wirtschaftsfreundlich.

Ein Problem bei der Bekämpfung des Fachkräftemangels ist, dass der Bedarf an bestimmten Fachkräften je nach Region variiert. Von der Leyen kündigte deshalb ein regelmäßiges Arbeitskräfte-Monitoring an. "Darin soll der regionale Bedarf nach Arbeitskräften besser dargestellt werden", sagt sie. So könnten einzelne Regionen besser auf den Mangel von Fachkräften reagieren. "Der Engpass ist somit auch eine Chance für Jugendliche, Frauen mit Kindern und Ältere", sagt die Ministerin.

Auch die Grünen haben einen Vorschlag vorgelegt, wie durch den massiven Ausbau von Weiterbildungen der Fachkräftemangel angegangen werden kann. "Von der Leyen hat kein Konzept, dieses Horrorszenario zu beheben", kritisiert die Arbeitsmarktpolitikerin Brigitte Pothmer. Nach Vorstellung der Grünen soll binnen drei Jahren eine Million Menschen zusätzlich weitergebildet werden. Das würde geschätzte 800 Millionen Euro kosten. Nach Vorstellung der Grünen sollen Arbeitslose und Geringqualifizierte verstärkt in Mangelberufen wie Altenpflege oder Kindererziehung umgeschult werden.