Für Meeresenergie-Forscher liegt Mekka hoch oben an der schottischen Küste. Vor den Orkney-Inseln ist Europas einziges Meereslabor beheimatet, das "European Marine Energy Center" . Hier schunkeln Bojen auf den Wellenbergen und produzieren Ökostrom, unter Wasser drehen sich Windturbinen. Die Konditionen sind perfekt: Die Wellen sind bis zu 15 Meter hoch und die Meeresströmung gehört mit vier Metern pro Sekunde zu den schnellsten in Europa.

Die schottische Regierung gibt großzügige Unterstützung. Erst Anfang Juli stellte sie 15 Millionen Euro für die weitere Erforschung der Meeresenergie zur Verfügung. "Unsere Küsten und Meeresengen werden uns helfen, Schottland zum weltweiten Zentrum der Wellen- und Meeresströmungsenergie zu machen", schwärmt der schottische Energieminister Jim Mather.

Auch deutsche Konzerne mischen seit Kurzem mit. Energieversorger RWE und der Wasserkraftanlagen-Spezialist Voith Hydro wollen etwa kommendes Jahr eine ein-Megawatt-Gezeitenströmungsanlage testen . Sie ähnelt einem unter Wasser installierten Windrad, das von der Ebbe-Flut-Strömung angetrieben wird. Jährlich soll die Anlage rund 1800 Megawattstunden CO2-freien, klimafreundlichen Strom erzeugen. 14 Millionen Euro kostet das Investment. Fritz Vahrenholt, Chef der RWE-Ökostromsparte Innogy, hofft, dass es sich langfristig auszahlt. "Bei erfolgreichem Testbetrieb gehen wir davon aus, dass wir bis 2020 weitere Gezeitenströmungskraftwerke im Umfang von bis zu 100 Megawatt installierter Leistung vor allem vor den britischen Küsten ans Netz bringen können", sagt er.

Nur rund 60 Kilometer nordöstlich, auf der anderen Seite des Testfelds, ist der E.on-Konzern aktiv. Ab Herbst testet er hier eine 180 Meter lange, gelb-rote Stahl-Konstruktion namens "Pelamis 2". Diese Seeschlange (Pelamis) besteht aus miteinander verbundenen Hydraulikzylindern, die sich durch die Wellen gegeneinander verschieben. Sie treiben wiederum Generatoren zur Stromproduktion an. Für E.on ist Pelamis ein außergewöhnliches Engagement. Eigentlich kauft der Konzern etablierte Technologien ein, Forschung und Entwicklung gehörten bislang nicht zu den Steckenpferden der Düsseldorfer.

Das Engagement von RWE und E.on zeigt: Es sind ungewohnte Zeiten für die Entwickler von Ökostrom-Technologien. "Die Lage ist komplett anders als bei der Entwicklung der Windenergie vor etwa zwei Jahrzehnten", sagt Jochen Weilepp, Leiter des Bereichs Meeresenergie bei Voith Hydro. Während die Windbranche damals vor allem mit Hilfe des finanziellen Engagements von Privatleuten groß geworden sei – gut betuchte Ärzte, die Windparkfonds zeichneten – seien beim Meeresenergiethema diesmal die großen Energieversorger von Anfang an mit dabei, sagt Weilepp. "Sie wollen diesmal die Entwicklung auf keinen Fall verpassen", sagt er.

Auch der Technologiekonzern Siemens setzt auf schwimmende Kraftwerke. Im Frühjahr gab er eine Beteiligung an der britischen Spezialfirma Marine Current Technologies bekannt, die Unterwasser-Windkrafträder entwickelt. Gerüchten zufolge will sich das Unternehmen sogar komplett aus der Entwicklung von Wasserkraftwerken an Land zurückziehen und sich aufs Meer konzentrieren.