Milliardenspende : Gefährliche Großzügigkeit

Schön, wenn Reiche von ihrem Vermögen etwas abgeben. Doch Altruismus darf staatliches Handeln nicht ersetzen. Ein Kommentar
Wohltäter Bill Gates: Im Juni sprach er im Anthropologischen Museum in Mexiko-Stadt, wo er sich für die Gesundheitsinitiative des mexikanischen Magnaten Carlos Slim engagiert © Alfredo Estrella/AFP/Getty Images

Die Großzügigkeit der Superreichen verdient Respekt: In einer spektakulären Aktion haben 40 Milliardäre versprochen, mindestens die Hälfte ihres Vermögens zu spenden . Viel Geld soll so zusammenkommen, für Bildung, Gesundheitsfürsorge, den Tierschutz, gegen Obdachlosigkeit oder für einen besseren Zugang zu sauberem Wasser. Die Vermögenden wollen ein Beispiel setzen , das andere zur Nachahmung inspiriert. Toll!

Vermutlich können die Empfänger das Geld gut gebrauchen, und auch die genannten Zwecke sind ehrenwert. Dennoch darf der Jubel über die edlen Spender nicht über eines hinwegtäuschen: Private Generosität, und sei sie noch so groß, kann ein funktionierendes Sozialsystem nicht ersetzen.

Sozialer Ausgleich muss staatlich organisiert und garantiert werden. Sicher, der Staat arbeitet nicht immer effizient, aber öffentliche Gelder unterliegen einer demokratischen Kontrolle. Private Stiftungen setzen dagegen ihre Mittel allein nach dem Gutdünken der Spender ein – und formen so die Gesellschaft, in der sie tätig sind. 

Ein Beispiel: Oracle-Chef Larry Ellison, der auf der Liste der 40 Spender steht. Nach den Anschlägen des 11. September 2001 setzte er sich für eine zentrale Regierungsdatenbank ein, mit der die personenbezogenen Daten sämtlicher US-Amerikaner erfasst werden sollte – und stellte die dafür nötige Software auch gleich zur Verfügung.

Oder Microsoft-Chef Bill Gates, der zusammen mit Warren Buffett den Impuls für die Spendenaktion gab. Er und seine Frau Melinda geben seit Jahren weltweit viele Milliarden Dollar für gute Zwecke aus. In Entwicklungsländern finanzieren sie beispielsweise Massenimpfaktionen und den Kampf gegen die Malaria. Obwohl die Methoden, nach denen die Stiftung ihre Programme umsetzt, unter den Gesundheitsexperten der WHO umstritten sind, prägt sie allein durch das schiere Volumen der von ihr eingesetzten Summen die Gesundheitsfürsorge in manchen Ländern.

Kritisiert wird auch die Absicht des Ehepaars, den Hunger in Afrika durch eine "Grüne Revolution" zu bekämpfen , unter anderem in Zusammenarbeit mit Monsanto. Das Programm sei viel zu technologieorientiert und verdränge althergebrachte, bewährte Methoden, sagen die Gegner. Sollte sich einst herausstellen, dass die neue Technik gar nicht zum Umfeld passt, könnte das traditionelle Wissen schon verloren sein.

Die eigentliche Gefahr der neuen Milliardenspenden aber ist: Je mehr öffentlichen Raum sie besetzen, desto eher verführen sie den Staat dazu, sich noch weiter zurückzuziehen. Bildung, Gesundheitsvorsorge, soziale Fürsorge: Alles wäre privatem Gutdünken überlassen. In letzter Konsequenz wäre die Gesellschaft abhängig vom guten Willen weniger Reicher – und das darf nicht sein.

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Kommentare

72 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Laffer-Kurve

Ein Spitzensteuersatz von 100 % ist sicherlich keinesweg sinnvoll, das ist unumstritten. Jedoch finde ich das Laffer-Argument sehr problematisch. Wenn nur eine Anhebung diskutiert wird kann das durchaus sinnvoll sein, auch wenn das natürlich von liberaler Seite im Normalfall niemals zugegeben werde würde ;)
Bestes Beispiel hierfür wäre Reagons Wirtschaftspolitik in den 80ern. "Reagonomics"

Die Frage ist wo das Maximum der Kurve ist

Laffers Argument ist mathematische und ökonomische Tatsache. Die Frage ist, wo das Maximum des Steueraufkommens liegt. Es gibt übrigens einige Untersuchungen, die sagen es liege zwischen 50-60%, von daher sind die Steuersenker gerade nicht gut beraten sich darauf zu berufen.

Reagans Kernfehler war, dass er nie Ausgaben gekürzt hat und teure Kriege geführt hat. Ein Schicksal, dass er mit Obama teilt.

Nur gut ...

... dass die Spender diesen Artikel wahrscheinlich nicht lesen werden - sie müssten ihre Entscheidung überdenken.

Welch enormen Schaden sie doch anrichten:
- Geld wird ohne staatliche Kontrolle verteilt.
- Was damit gemacht wird, bestimmt der Eigentümer, keine Regierung.
- Es besteht die Gefahr, dass diese Gelder teilweise als Ersatz statt als Ergänzung staatlicher Mittel ausgegeben werden.

Gates und Konsorten sollten sich wirklich schämen!

Völlig richtig!

Es darf einfach nicht sein, daß sich private Spender einfach so anmaßen, irgendwo ein ganz konkretes Projekt erfolgreich umzusetzen und noch dazu dafür zu sorgen, daß wirklich jeder Dollar beim Empfänger ankommt!

Das kann nur der Staat! Der könnte mit dem Steuergeld ganz wunderbare neue Behörden mit vielen Beamten einrichten, für die Banken bliebe sicher auch noch die eine oder andere Steuerbillion über, und das Projekt selber... ach so, da müssen wir erst mal eine Studie erstellen. Und dann nochmal eine, bevor wir das ganze dann einstellen. Aber Ihre Steuern nehmen wir trotzdem gern!

Kritik an Spenden eher lächerlich

Wie kann es sein, dass viele hier die Spendenaktionen der Superreichen nicht gut heißen?
Würden sie nichts spenden und ihr Geld für sich behalten, wäre es auch nicht richtig, was? Dann wären sie: "geizig, egoistisch, unmenschlich".
Sicherlich werfen die Spenden auch negative Aspekte auf, doch wenigstens ist es kein tatenloses Zusehen wie die Welt sich immer mehr dem Abgrund nähert.

Die Mehrheit der Mittelschicht ist sich doch schon zu gut, auch nur einen Euro zu spenden... "man weiß ja nicht, ob das überhaupt da ankommt wo es soll" und "als ob jetzt die Welt gerettet würde, wenn ich einen Euro abgebe" sind eben auch Argumente aus denen man den Geiz förmlich heraushören kann.

@66 ganz generell gebe ich Ihnen da völlig recht (1)

,falls Sie hier auch auf meine Kritik mit angespielt hätten.

Nun, ich bin ein Mensch, der eher dazu geneigt ist, möglichst die guten Dinge, die überall statt finden, zu sehen!

Gemäß dem Motto:
Das Glas ist halbVOLL, statt halbLEER.

Nichtsdestotrotz hat man es manchmal auch mit Wahrheiten der eher bitteren Natur zu tun, die wohl auch "dazu" gehören.

Meine Kritik bezog sich ausschließlich auf das Stichwort "Montsano":

Nun, ich finde, dass an die 200.000 (!!!!!!) Selbstmorden von Bauern nicht gerade nichts sind. Ich weiß, wie hart, WIRKLICH HART und mit Zivilcourage in Indien teilweise gegen Montsano gekämpft wird. Und nicht umsonst!

Die Probleme mit Montsano sind überhaupt nicht an den Haaren herbeigezogen. Ich habe Shiva Nandana persönlich in Deutschland erlebt, auf einem ihrer Vorträge.

Sie ist eine sehr mutige Frau, die viel bewirkt und auch viele einige Entscheidungen in ihrem Leben getroffen hat, die nicht gerade darauf ausgerichtet waren, ihr persönliche Vorteile zu bringen. Wenn man ihre Biographie studiert, weiß man es.

@66 ganz generell gebe ich Ihnen da völlig recht (2)

Immer schön im Namen der Wahrheit. Sie ist unerschrocken und voller Charisma. Immer schön im Namen der Wahrheit. Ganz wie Gandhi damals. Und solche Menschen braucht es auf dieser Erde eben auch. Sonst sähe es nämlich schon längst gaaaanz mies hier aus. (Wenn es niemanden mehr gäbe, der auf seine Art für die Wahrheit gerade steht, bzw. kämpft).

Shiva Nandana hat sich selber mal an einen Baum ketten lassen, damit er nicht gefällt wird. Sie hat das nicht nur die anderen machen lassen! Aber das ist wieder mal ein anderes Thema.

Sozusagen off-topic!

Zu kurzsichtig

Die Welt krankt unter anderen in hohem Maße am Kreditsystem. Was wird hieran durch die Spenden geändert?

In einer Welt in welcher eben nur diese wenigen auch effektiv über ein "Guthaben" verfügen, während alle anderen dieses durch die ewige Schuldenlast erst ermöglichen.

Nachdem die Masse der Einzelnen faktisch keine Einflußmöglichkeiten mehr hat, wird durch solch "Großspenden" vor allem die Handlungsfähigkeit der sowieso schon korrumpierten Staatsapparate weiter eingeschränkt. Die schon schwache Demokratie weiter geschwächt.

Sie dürfen nämlich nicht vergessen, die hier verteilten Gelder finanzieren sich zu einem Gutteil aus den durch die Staatshaushalte bedienten Kreditlinien ("Staatsschulden"). Die übrigens auch Sie am Laufen halten. Sie "erwirtschaften Geld" (funktioniert nämlich nicht wirklich, nur zur Vereinfachung), und reichen dieses über den Staat an besagte Personen durch, damit diese es verwalten können.

Anstatt also selbst über Staat und Demokratie Ihre Mitwirkung wieder einzufordern, freuen Sie sich, die Verantwortung endgültig abtreten zu können.

Na dann viel Spaß noch.

Die Staatengemeinschaft dieser Welt...

... bekämpfgt seit dem Ende der Koloniesation Hunger, Krankheit und Ungerechtigkeit und hat in den meisten Fällen versagt. Da mag Idiologie eine große Rolle gespielt haben aber wenn man sich die Summen ansieht die in Richtung Entwicklungsländer geflossen sind und wieviel man damit erreicht hat muss man verzweifeln.
Jetzt versuchen es die Superreichen und ich bin sicher das sie es nicht schlechter machen können.
Und wer weis, vielleicht machen sie es ja besser.
Ich wäre vorsichtig die Kritik der Gesundheitsexperten der WHO zu erst zu nehmen bevor Resultate vorliegen.
Es waren die gleichen Experten die die Staatengemeinschaft dazu brachten Milliarden für die Schweinegrippeimpfung zu vergeuden.