Jürgen Pfitzer holt einen Damenschuh mit gefährlich hohem Absatz aus der Schachtel: "Den müssen die Frauen nicht mal an der Sicherheitskontrolle am Flughafen ausziehen. Denn er hat, anders als andere Pumps, keinen Metallbügel in der Sohle", erklärt er. Gucci-Designer Sergio Rossi habe dieses Paar Eco Pumps (um 385 Euro) entworfen. Als Werkstoff verwendete er einen sehr harten Kunststoff, der aus Lignin gewonnen wird. Das steckt nicht etwa im Rohöl, sondern in gewöhnlichen Pflanzen. Bäume enthalten bis zu 30 Prozent Lignin, der Stoff fällt zur Genüge in jeder Papierfabrik an.

Pfitzer ist kein Schuhverkäufer, sondern Geschäftsführer der Tecnaro GmbH aus Ilsfeld bei Stuttgart. Das mit 15 Mitarbeitern kleine Unternehmen wurde 1998 aus einem Fraunhofer-Institut ausgegründet. Tecnaro hält heute weltweit 15 Patente rund um den Stoff Lignin. In diesem Jahr gewann Tecnaro auch den European Inventor Award des europäischen Patentamtes. Dieser Kunststoff, den man als "Holz zum Gießen" bezeichnen könnte, steckt auch in Bauteilen und Verkleidungen in Sportwagen von Porsche, Lamborghini und dem Audi A8.
 

Noch wirkt das alles sehr exklusiv, doch galt es lange als völlig ausgeschlossen, dass man Rohöl in der chemischen Industrie überhaupt ersetzen kann. Auf anderen Gebieten ist man schon weiter: Bei Autokraftstoffen in Deutschland wurden 2009 immerhin schon 5,5 Prozent oder 3,5 Millionen Tonnen pflanzlich erzeugt. Biodiesel und Bioethanol werden den fossilen Rohöldestillaten an der Tankstelle schon standardmäßig beigemischt. Und beim Heizen konnten erneuerbare Energien 2009 sogar 8,4 Prozent zum Wärmeverbrauch beitragen – weil immer mehr Hausbesitzer ihre konventionellen Heizöl- oder Erdgas-Brennkessel durch Biomasseheizungen, solarthermische Anlagen oder Wärmepumpen ersetzen.

Rund 14 Prozent des Erdölverbrauchs hierzulande gehen an die chemische Industrie, die daraus alle möglichen Kunststoffe und Flüssigkeiten herstellt. Theoretisch könnten nachwachsende Rohstoffe künftig verstärkt in der Pharmazie zum Einsatz kommen, aber auch als Tenside in Reinigungsmitteln oder in Lacken, Farben oder Schmierstoffen. Schon heute gibt es pflanzlich erzeugte (und meist schnell abbaubare) Stoffe in Lebensmittelverpackungen, Tragetaschen und Müllbeuteln, Hygieneartikeln, in der Medizintechnik und langlebigere im Autobau.

Die Agentur für Erneuerbare Energien, finanziert von Bundesregierung und Branchenverbänden, sieht in der Verwendung nachwachsender Rohstoffe als Werkstoff "große Entwicklungspotenziale" – was auch eine Umschreibung dafür ist, dass das Segment noch eher in den Kinder- als in teuren Damenschuhen steckt. Das jährliche Produktionspotenzial für Biokunststoffe könnte bis zum Jahr 2020 einen Anteil von rund einem Prozent am Weltmarkt für Kunststoffe erreichen, heißt es in einem Papier der Agentur. 20 Prozent davon könnten in Deutschland produziert werden. Firmen wie Tecnaro haben den ersten Schritt dahin getan.

Erschienen im Tagesspiegel.