Frage: Herr Rockefeller, sie sind 95 Jahre alt, haben kleine und große Finanzkrisen erlebt. Welche war die Schlimmste?

David Rockefeller: Aus heutiger Sicht die Große Depression der 1930er-Jahre. Sie hatte die größten Auswirkungen auf Europa und die USA. Niemals zuvor gab es mehr Arbeitslose. Viel schlimmer aber noch war der Vertrauensverlust in die Demokratie, zu dem die Existenznot der Menschen geführt hat. Demagogen wie Hitler hatten leichtes Spiel, sich Gehör zu verschaffen und ihre radikalen Lösungsvorschläge zu propagieren. Ich sage ganz bewusst aus heutiger Sicht, denn ich bin nicht sicher, ob die aktuelle Krise bereits ausgestanden ist.

Frage: Bei der Aufarbeitung von Krisen wird auch über Schuld gesprochen. Waren die Banker Schuld an der jüngsten Finanzkrise?

Rockefeller: Sie haben eine Schlüsselrolle gespielt, gewiss. Die laxe Kreditvergabe, dazu die exotischen Finanzprodukte, die sie ihren Kunden verkauft haben. Beides sind Ursachen für den Ausbruch der Finanzkrise.

Frage: Aber? 

Rockefeller: Die Banker sind nicht allein verantwortlich; sie hatten Helfer: Politiker, Hypotheken-Makler, die US-Notenbank Federal Reserve (Fed). Auf dem Höhepunkt des Hypotheken-Booms war der Glaube an den unregulierten, freien Markt in den USA beängstigend stark. Dieser Glaube hat den meisten Menschen ihren kritischen Blick auf die Realität verstellt. So etwas passiert immer wieder, wie uns die Geschichte lehrt. Die Tulpenmanie im 17. Jahrhundert ist das bekannteste historische Beispiel für die maßlose Übertreibung der Märkte. Die aktuelle Krise wird vermutlich nicht die letzte gewesen sein. Es wird wieder passieren.

Frage: Hätte die Krise verhindert werden können?

Rockefeller: Die Wurzeln der Krise liegen tief. Ich glaube nicht, dass sie völlig hätte vermieden werden können. Möglicherweise abgeschwächt.

Frage: Und wie?

Rockefeller: Die Fed hätte rechtzeitig – Ende 2007, Anfang 2008 – die Zinsen anheben oder zumindest so tun können, als würde man eine Anhebung erwägen. Das hätte das Volumen der Ramsch-Kredite reduziert. Aber sie hat es nicht getan – und jetzt müssen wir alle mit den Auswirkungen leben.

Frage: Die US-Regierung will die Finanzbranche nun strenger regulieren. Streng genug?

Rockefeller: Es ist keine Frage von strengerer, sondern wirksamerer Regulierung. In den letzten 20 Jahren sind die Kontrollmechanismen immer wieder geschwächt worden. Neue Märkte, insbesondere der für Derivate wurden überhaupt nicht kontrolliert. Die Finanzreform der Regierung geht in die richtige Richtung. Außerdem glaube ich, dass die Banker ihre Lektion gelernt haben.

Frage: Aber dann gäbe es doch keine Krisen mehr …

Rockefeller: Sagen wir so: Sie werden vermutlich nicht mehr die gleichen Fehler machen.

Frage: Würden Sie sagen, die Finanzbranche war früher moralischer als heute?

Rockefeller: Ich weiß es nicht. Das ist eine sehr subjektive Frage, und ich bin nicht sicher, ob Moral etwas damit zu tun hat.