Der giftige Qualm schleicht sich nachts heran, wenn Moskau schläft. Er kriecht durch Türschlitze und schlecht isolierte Holzfenster. Frühmorgens weckt Brandgeruch die elf Millionen Einwohner der russischen Hauptstadt - versetzt mit Kohlenmonoxid, das die Metropole zum Kettenrauchen verdammt. Eine Stunde im Freien, sagen Ärzte, wirkt auf den Körper wie der Rauch einer Schachtel Zigaretten. Die Sterberate hat sich in der Stadt inzwischen auf 700 Menschen täglich verdoppelt, meldet der Chef der Gesundheitsbehörde Andrej Selzowski.

Bei den schwersten Wald- und Torfbränden der russischen Geschichte versuchen tausende Einsatzkräfte, ein Übergreifen der Feuersbrunst auf Atomanlagen und radioaktiv verseuchte Gebiete zu verhindern. Für die Ural-Stadt Osjorsk mit dem großen Atommüllaufbereitungs- und Lagerungszentrum Majak gaben die Behörden am Dienstag aber zunächst Entwarnung. Die Brände in der Nähe der Anlage seien gelöscht, sagte die Sprecherin des Zivilschutzministeriums, Irina Andrianowa, nach Angaben der Agentur Interfax. Der Bürgermeister von Osjorsk, Viktor Trofimtschuk, verhängte dennoch den Ausnahmezustand. Damit sind etwa Picknicks in den Stadtparks und umliegenden Wäldern verboten.

Im ganzen Land blieb die Lage gespannt. Nach Angaben des Zivilschutzministeriums brannten am Dienstag noch mehr als 550 Feuer auf einer Fläche von mehr als 1700 Quadratkilometern. Darunter befänden sich knapp 70 Großbrände. Die Feuerwalze nähert sich nach Angaben russischer Behörden immer wieder bedrohlich den Atomanlagen des Landes. Experten befürchten aber vor allem, dass die Waldbrände radioaktiv verseuchte Böden aufwirbeln und das Strahlengift in andere Regionen tragen könnten. Der Atomkonzern Rosatom warnte dagegen vor Panikmache. Die Atommülldeponien seien durch einen mehrschichtigen Mantel aus Beton und Metall geschützt, so dass Feuer sie kaum beschädigen könnten.

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Die Naturkatastrophe wird vermutlich als eine der teuersten in die jüngere Geschichte Europas eingehen. Noch halten sich Ökonomen mit Schätzungen zurück: "Frühestens im Herbst werden wir die Kosten annähernd überschlagen können", sagt Alexander Jakowlew, Chef-Analyst der Informationsagentur RBK in Moskau. Fest stehe aber, dass die Schäden in Milliardenhöhe gehen.

Wegen der Feuersbrunst haben Großkonzerne wie der Lkw-Hersteller und Daimler-Partner Kamas die Bänder zeitweise angehalten. Auch der französische Autobauer Renault schickt seine Mitarbeiter in die Ferien: Bis zum 23. August wird kein Wagen das Moskauer Werk verlassen. Im russischen Volkswagen-Werk Kaluga steht die Produktion ebenfalls vorübergehend still. Der Produktionsstopp trifft den Autobauer zur Unzeit, denn dank der russischen Abwrackprämie wächst der Absatz wieder in zweistelliger Prozenthöhe.

Wer kann, flüchtet derzeit aus den von Feuer oder Rauch heimgesuchten Regionen. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young etwa hat ihren Moskauer Mitarbeitern freigestellt, außerhalb ihrer Büros zu arbeiten. Viele Angestellte richten ihr "Home Office" nun auf der Datscha - dem traditionellen Landhaus ein - dort, wo sie die Feuer im Blick haben. In Moskau sind die sonst völlig verstopften Straßen leergefegt, nur an den drei Hauptstadtflughäfen gibt es Staus - nicht nur vor den Terminals, sondern vor allem an den Startbahnen. Seit Tagen kommt es zu massiven Verspätungen und Flugausfällen, weil die Airports wegen schlechter Sicht und des Einsatzes von Löschflugzeugen völlig überlastet sind. Mitarbeiter der deutschen Botschaft, die nur mit einer Notbesetzung offengehalten wird, haben sich ebenso ausfliegen lassen wie Manager von Konzernen wie Ikea oder Siemens