Um mehr Kredite geben zu können, machen die Banken Schulden
Bislang haben die Geldhäuser bis zu 50 Mal mehr Kredite aufgenommen, als sie an Eigenkapital besitzen. Wenn sie das geborgte Geld in Anlagen stecken, die höhere Erträge bringen als die Schuldzinsen kosten, können sie so die Gewinne auf das eigene Kapital vervielfachen. Nichts anderes steht hinter ihren hohen Renditezahlen. Wehe aber, die Erträge bleiben aus. Dann vervielfacht der "Kredithebel" auch die Verluste und das Eigenkapital reicht hinten und vorne nicht, um sie auszugleichen. Nur darum konnte ein Preisknick am US-Immobilienmarkt die ganze Welt in die Krise stürzen.
Dagegen haben die Banken-Aufseher, die zu ihrem "Baseler Ausschuss" stets aus aller Welt anreisen, im Dezember ein radikales Konzept entwickelt. Demnach soll es eine absolute Obergrenze für die Verschuldung von Banken geben, nachdem derselbe Ausschuss vor fünf Jahren die Sicherheitsanforderungen noch gelockert hatte. "Damals haben wir dereguliert, jetzt sind wir im Regulierungs-Modus", versprach einer der beteiligten Aufseher im Februar. Dazu gehört auch, dass das "Kernkapital" im Krisenfall tatsächlich zum Ausgleich von Verlusten verfügbar sein muss und nicht nur auf dem Papier stehen darf wie etwa bei den deutschen Landesbanken.
Aber dann hat die Bankenlobby alle Kräfte mobilisiert. Müssten sie das geforderte zusätzliche Eigenkapital aufbringen, könnten sie weniger Kredite vergeben und damit würde Wirtschaftswachstum verhindert, kündeten Banken-Sprecher von Tokio bis Washington. Der Weltverein der Großbanken, das "Institute of International Finance" unter Vorsitz von Deutschbanker Josef Ackermann, warnte gar vor dem Verlust von 10 Millionen Jobs.
Diese "hinterlistige Behauptung", wie die US-Bankenaufseherin Sheila Bair beklagte, ist eigentlich leicht zu widerlegen. Nur ein kleiner Teil der von Banken heute vergebenen Kredite diene der Unternehmensfinanzierung, erklärte etwa Adair Turner, der Chef der britischen Bankenaufsicht. Die meisten Kredite fließen für die Spekulation auf steigende Preise bei Immobilien oder Rohstoffen. Nicht die Wirtschaft würde mit höheren Kapital-Anforderungen für Banken schrumpfen, wohl aber die Gewinne der Finanzbranche.
Trotzdem hat die Kampagne Wirkung gezeigt. Als der Ausschuss jüngst begann, die neuen Sicherheitsanforderungen in eine verbindliche Form zu bringen, forderte ein Beamter nach dem anderen Ausnahmen zugunsten der Geldhäuser im Heimatland. Zum Ende der Sitzung waren die neuen Regeln schon wieder soweit verwässert, dass mindestens 15 Prozent des offiziell ausgewiesenen "Kernkapitals" der Geldhändler doch wieder nur Luftbuchungen sein dürfen.
Bei der wichtigsten Neuerung, der Schuldenobergrenze, verließ die Reformer gleich vollends der Mut. Auch künftig sollen Banken sich bis zum 33-Fachen ihres Eigenkapitals verschulden dürfen, etwa so viel, wie bei Lehman Brothers zum Zeitpunkt der Pleite, und das auch erst ab 2018. Der deutsche Vertreter im Ausschuss, Bundesbank-Vizechef Christoph Zeitler, mochte nicht einmal diesem Kompromiss zustimmen. "Ausgerechnet die stärksten Rufer nach neuen Bankenregeln stehen jetzt auf der Bremse", klagte daraufhin einer von Zeitlers EU-Kollegen.
Hat die Bankenlobby also schon gewonnen? Reform-Koordinator Andresen winkt ab. Die bisherigen Abstriche seien noch nicht das letzte Wort. Das falle erst, wenn Mitte September die Höhe der Kapitalanforderungen im Verhältnis zu den ausstehenden Krediten und Investments festgelegt werden müssen. Am Ende "werden wir auf jeden Fall ein strengeres Regime bekommen, insbesondere für die Großbanken", hofft er.
Ob das reichen wird, der Welt eine weitere Finanzkrise zu ersparen, halten die Experten der BIZ für fraglich. "Was wir Ende 2008 erlebt haben, könnte sich durch einen Schock beliebiger Größenordnung wiederholen", warnte BIZ-Generaldirektor Jaime Caruna. Und Chefökonom Stephen Cecchetti schrieb ganz in der Tradition seines Vorgängers im Jahresbericht, dass die anhaltende Niedrigzinspolitik der Notenbanken zu "künstlich hoch gehaltenen Vermögenspreisen" führe und "ohne baldiges Gegensteuern zu Problemen" führen werde. Wie die Herren der Geldpolitik zu den Einschätzungen ihrer Ökonomen stehen, wird die Welt aber wieder nicht erfahren. Die Debatten im Turm am Basler Centralbahnplatz bleiben vertraulich.
- Datum 05.09.2010 - 17:35 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle Tagesspiegel
- Kommentare 3
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






> Während die Aufseher den Banken harte Grenzen für ihre Risiken setzen wollen, drohen die Banken, dies würge die Wirtschaft ab. <
Hier wiederholt sich ein wichtige Art von Aussage zum x-ten mal. Diese Art von Drohungen haben bisher immer dazu geführt, dass die Politik gekuscht hat. Das nicht vorhandensein von ausreichender Kontrolle hat ja erst die Finanzkrise ermöglicht. Nicht die Wirtschaft ist abgewürgt worden, sondern der Steuerzahler hat bezahlt und wird es wieder tun müssen wenn nicht endlich massive Regelungen vorgegeben werden. Wenn die Banken Gewinne machen bekommt der Steuerzahler nichts, machen sie Verluste muss er dafür aufkommen. Das ist eine seltsame Logik.
die 10 Millionen von Ackermann versprochenen Arbeitslosen werden wir nun in Europa locker zusammenkriegen dank der nicht verhinderten Krise. In den USA sieht es noch weitaus schlimmer aus.
Wer glaubt, das die deutschen und europäischen Banken nur wegen Lehmann Probleme haben, der irrt gewaltig. Seit mindestens 10 Jahren schieben diese Häuser heimlich riesige Verluste vor sich her (neben der Bilanz versteht sich), die in Zweckgesellschaften in Steueroasen ausgelagert wurden.
Capital: Die Lehmannlüge
Tagesspiegel: Der große Raubzug
Wir werden seit rund 15 Jahren über die wahren Verhältnisse getäuscht, belogen und betrogen. Auch deswegen ist man bei der CoBa mit 18 Mrd für 25% Anteile eingestiegen, obwohl man seinerzeit den ganzen Laden für 3 Mrd. zu 100% hätte übernehmen können. Die HRE ist die Auslagerung von Unicredit und Hypovereinsbank, die pünktlich einen Tag nach Ablauf der Haftungspflicht und einer Landtagswahl die Beine hob.
Das stinkt schon lange ganz gewaltig und kann nur in einem großen Crash enden, der schon lange verzögert wird. Zusammen mit den unbezahlbaren Rettungsschirmen kann das nur in einer bitteren (Welt-)Währungsreform enden - die dann wohl auch mit einer neuen Ordnung verbunden wird, wenn alle Vorbedingungen geschaffen sind, an denen derzeit Frau Malmström (mit)arbeitet.
Es klingt schon fast altbacken, aber im Grunde lässt sich die ganze Finanzwelt mit einem Maß beschreiben: Gier. Je größer die Gier, desto größer der Gewinn oder Verlust, desto größer das Risiko letzteres einzufahren. So einfach kann Finanzmathematik sein. Geldverdienen leicht gemacht für jederman!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren