Finanzkrise Warum die EZB falsch liegt

Die Europäische Zentralbank hat nichts aus der Krise gelernt. Sie unterschätzt, wie gefährlich die Lage noch immer ist. Ein Gastkommentar.

Ben Bernanke, Chef der amerikanischen Bundesbank Federal Reserve hat vor Kurzem eine viel beachtete Rede gehalten. Weit weniger Beachtung erfuhr der Vortrag von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet auf der gleichen Veranstaltung, dem jährlichen Treffen der Zentralbanker in Jackson Hole. Zum Glück. Bernanke mag seine Schwächen haben, aber ich sähe ihn gerne an Trichets Stelle – und noch lieber als sein Nachfolger, eingedenk des zurzeit aussichtsreichsten Kandidaten.

Im englischen sagt der Volksmund Wenn du dich im Loch befindest, höre als Erstes auf, weiterzugraben. Und in Jackson Hole – nomen est omen – zeigte sich, dass sich Bernanke dessen sehr bewusst ist, dass er und die US-Wirtschaft sich im Loch befinden. Er hofft zwar, das Loch werde auch so mit der Zeit flacher, aber er bereitet schon den Einsatz unterschiedlicher Werkzeuge vor, falls es sich doch noch vertiefen sollte. Trichet dagegen, ebenfalls in einem Loch, wähnt sich schon auf flachem Terrain, hält Leiter und Seile für gefährliches Teufelszeug und, schlimmer noch, glaubt, dass, wenn er und andere einfach nur weitergraben wie bisher, Europa bald wieder blühende Landschaften erleben wird.

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Die zwei Reden konnten vom Stil her kaum unterschiedlicher sein, doch entscheidend ist, dass Bernanke – und nicht sein Amtskollege in Frankfurt – erkannt hat, dass das Weiterbuddeln unsere Lage nur noch verschlimmert. Ein paar Belege dazu.

Der Fed-Chef gibt erstens zu, dass die Wachstumsaussichten der US-Wirtschaft weit schwächer sind, als er vor rund einem halben Jahr geglaubt hat und dass die Inflation niedriger ist, als die Zentralbank es eigentlich gerne hätte. Er listet die Maßnahmen auf, die die Fed bereits ergriffen hat, um der Krise Herr zu werden, und bringt seine Zufriedenheit zum Ausdruck, dass die Fed die Märkte davon hat überzeugen können, dass der Leitzins, wie er sagte, "für geraume Zeit" sehr niedrig bleiben wird. Er betonte, dass die Politik des quantitative easing – dem Aufkauf von Verbindlichkeiten im Wert von zwei Billionen US-Dollar mit gedrucktem Geld – explizit dem Ziel diente, die Zinsen am langen Ende nach unten zu drücken. Bernanke diskutierte zudem das Für und Wider von vier zusätzlichen unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen, um notfalls die Konjunktur weiter zu stützen.

Nicht zuletzt flößte er Investoren und Konsumenten Vertrauen ein, indem er sagte: Die US-Zentralbank "wird alles in ihrer Macht stehende tun, um eine Fortsetzung des wirtschaftlichen Aufschwungs zu sichern. Die Federal Reserve ist durch ihren gesetzlichen Auftrag dazu verpflichtet, Beschäftigungswachstum zu fördern und allgemeiner die Unterauslastung der Produktionskapazitäten zu reduzieren. Angesichts der Tatsache, dass eine weitere bedeutsame Abschwächung der Wirtschaftsaussichten wahrscheinlich mit einer weiteren Disinflation einhergehen würde, gibt es im gegenwärtigen Umfeld keinen oder kaum einen potenziellen Konflikt zwischen dem Ziel der Wachstums- und Beschäftigungsförderung und dem der Wahrung der Preisstabilität."

Bernanke wurde bei seinem Auftritt beim Jahrestreffen der Zentralbanker in Jackson Hole von einigen US-Kommentatoren wie Paul Krugman oder Dean Baker wegen seiner zaghaft-zurückhaltenden Einstellung gegenüber weiteren geldpolitischen Impulsen gegenüber kritisiert. Persönlich glaube ich, dass Bernanke noch zu optimistisch ist hinsichtlich des Aufschwungs in den USA, obwohl ein nicht unplausibles Gegenargument lautete, dass er bewusst das Positive im Sinne einer sich selbst erfüllende Prophezeiung herausgestellt hat. Und dass er zu sehr die möglichen Nachteile der in Betracht gezogenen zusätzlichen Stützungsmaßnahmen betont. Dennoch ist er in Ton und Inhalt Lichtjahre von EZB-Präsident Trichet entfernt.

In der Rede des Frankfurter Währungshüters wird die Krise in der Vergangenheitsform diskutiert. Gebot der Stunde sei es "die Hinterlassenschaft der in den vergangenen Jahrzehnten akkumulierten Exzesse und Ungleichgewichte anzugehen". Ein Großteil des Vortrags widmet sich der Notwendigkeit der Konsolidierung der öffentlichen Haushalte, was in der Verantwortung der (gewählten) Regierungen und nicht der (ungewählten) Zentralbank läge.

Leser-Kommentare
  1. Dieser Kommentar von Andrew Watt ist wenig überzeugend. Die tatsächliche Politik der EZB läßt sich nicht an einer Rede festmachen.

    Herr Trichet hat absolut Recht, wenn er darauf hinweist, dass die Politik zu handeln hat. Europa ist nicht USA.

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    • joG
    • 07.09.2010 um 12:57 Uhr

    ....gut den grundsätzlichen Unterschied zwischen den Philosophien der Fed und der EZB anzudeuten. Die EZB ist eng bürokratisch technokratisch ausgerichtet an einem Ziel. So sieht sie sich entbunden weitere Belange der Wirtschaftsentwicklung selbst zu beachten, wenn sie nicht durch massiven politischen Druck der EU Mitglieder gezwungen dazu wird. Die Fed ist hingegen verantwortlich neben die Inflation auch die Stabilität und Entwicklung der Wirtschaft. Hier hat sie sich mit der Politik abzustimmen, ist aber letztlich verantwortlich und der Chef verliert seinen Job, wenn er schlecht agiert.

    Sie haben recht, dass Europa nicht Amerika ist. Dort ist in der Krise bspw die Arbeitslosenquote so hoch wie in Europa. Der Unterschied ist, dass die Quote in Europa auch im Boom etwa gleich war wie heute.

    • joG
    • 07.09.2010 um 12:57 Uhr

    ....gut den grundsätzlichen Unterschied zwischen den Philosophien der Fed und der EZB anzudeuten. Die EZB ist eng bürokratisch technokratisch ausgerichtet an einem Ziel. So sieht sie sich entbunden weitere Belange der Wirtschaftsentwicklung selbst zu beachten, wenn sie nicht durch massiven politischen Druck der EU Mitglieder gezwungen dazu wird. Die Fed ist hingegen verantwortlich neben die Inflation auch die Stabilität und Entwicklung der Wirtschaft. Hier hat sie sich mit der Politik abzustimmen, ist aber letztlich verantwortlich und der Chef verliert seinen Job, wenn er schlecht agiert.

    Sie haben recht, dass Europa nicht Amerika ist. Dort ist in der Krise bspw die Arbeitslosenquote so hoch wie in Europa. Der Unterschied ist, dass die Quote in Europa auch im Boom etwa gleich war wie heute.

    • joG
    • 07.09.2010 um 12:57 Uhr

    ....gut den grundsätzlichen Unterschied zwischen den Philosophien der Fed und der EZB anzudeuten. Die EZB ist eng bürokratisch technokratisch ausgerichtet an einem Ziel. So sieht sie sich entbunden weitere Belange der Wirtschaftsentwicklung selbst zu beachten, wenn sie nicht durch massiven politischen Druck der EU Mitglieder gezwungen dazu wird. Die Fed ist hingegen verantwortlich neben die Inflation auch die Stabilität und Entwicklung der Wirtschaft. Hier hat sie sich mit der Politik abzustimmen, ist aber letztlich verantwortlich und der Chef verliert seinen Job, wenn er schlecht agiert.

    Sie haben recht, dass Europa nicht Amerika ist. Dort ist in der Krise bspw die Arbeitslosenquote so hoch wie in Europa. Der Unterschied ist, dass die Quote in Europa auch im Boom etwa gleich war wie heute.

    Antwort auf "Nicht überzeugend"
    • Chilly
    • 07.09.2010 um 13:52 Uhr

    lautet - bei allen Vertragsrevisionen im Wesentlichen unverändert - seit 1993: Preisstabilität, Preisstabilität und nochmals Preisstabilität. Dieses Credo haben Kohl und Theo Waigel in den Maastrichter Vertrag geschrieben, da sie glaubten, nur unter dieser strikten und unantastbaren Bedingung den Deutschen den "Verlust der D-Markt" verkaufen zu können.

    Man kann wirtschaftstheoretisch und wirtschaftspolitisch diese Grundprämisse sicherlich mit guten Gründen in Frage stellen; den verantwortlichen Präsidenten der EZB aber zu kritisieren, weil er sich an seine rechtlichen Grundlagen hält, ist letztlich eine verkappte Aufforderung zum Rechtsbruch. Die Kritik müsste sich an die europäischen und v.a. deutschen Politiker richten. Nur diese könnten durch eine Vertragsänderung der EZB ermöglichen, ihre Verhalten (auch) nach Wachstungsgesichtspunkten auszurichten. Aber spätestens hier würde für die Bundesregierung der Schwur kommen. Wachstum (und damit auch Arbeitsplätze) oder vermeintliche Währungsschwäche. Das Verhalten bei Griechenland und Eurokrise hat doch deutlich gemacht, dass hier kaum eine klare Richtungsentscheidung gefunden werden würde. Deshalb wird das Thema nicht angerührt und man kann sich recht elegant hinter der EZB verstecken.

    CHILLY

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    • joG
    • 07.09.2010 um 14:28 Uhr

    ....ähnlich sehen.

    • joG
    • 07.09.2010 um 14:28 Uhr

    ....ähnlich sehen.

    • AZ
    • 07.09.2010 um 13:53 Uhr

    Kurzfristig erscheint es attraktiver, den Kater mit Schnaps zu bekämpfen, als einen Entzug zu wagen, da stimme ich schon zu. Aber man sollte schon auch die langfristigen Folgen in Betracht ziehen (hohe Geldmenge -> neue Blasenbildung -> nächster Crash?).

    Und wenn Herr Trichet die europäischen Regierungen zum Sparen anhält (was im Artikel zwar nicht steht, aber was er vermutlich gemacht hat?), dann wäre das eben nicht "weiter graben" wie zuvor, sondern eine 180-Grad-Wende für die meisten Staaten.

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    "hohe Geldmenge -> neue Blasenbildung -> nächster Crash"

    Das Geld, das zu den Blasen und den Crashs führt, stammt direkt aus dem Finanzmarkt.

    Wenn die Staatshaushalte dicker würden, und z. B. der öffentliche Dienst ausgebaut würde, könnte das ein wirksames Mittel sein, dem Finanzmarkt etwas den Überdruck abzulassen.

    Wenn das funktionieren soll, müssen die Haushalte jedoch aus Steuern gedeckt sein.

    Wenn in den Industriestaaten noch Wohlstands- und Wachstumszuwachs stattfinden soll, geht das nur in die Breite. Die Vermögenden sind schon ausreichend vermögend. Deren Geld verursachen am Finanzmarkt nur die nächsten Blasen.

    "hohe Geldmenge -> neue Blasenbildung -> nächster Crash"

    Das Geld, das zu den Blasen und den Crashs führt, stammt direkt aus dem Finanzmarkt.

    Wenn die Staatshaushalte dicker würden, und z. B. der öffentliche Dienst ausgebaut würde, könnte das ein wirksames Mittel sein, dem Finanzmarkt etwas den Überdruck abzulassen.

    Wenn das funktionieren soll, müssen die Haushalte jedoch aus Steuern gedeckt sein.

    Wenn in den Industriestaaten noch Wohlstands- und Wachstumszuwachs stattfinden soll, geht das nur in die Breite. Die Vermögenden sind schon ausreichend vermögend. Deren Geld verursachen am Finanzmarkt nur die nächsten Blasen.

  2. "hohe Geldmenge -> neue Blasenbildung -> nächster Crash"

    Das Geld, das zu den Blasen und den Crashs führt, stammt direkt aus dem Finanzmarkt.

    Wenn die Staatshaushalte dicker würden, und z. B. der öffentliche Dienst ausgebaut würde, könnte das ein wirksames Mittel sein, dem Finanzmarkt etwas den Überdruck abzulassen.

    Wenn das funktionieren soll, müssen die Haushalte jedoch aus Steuern gedeckt sein.

    Wenn in den Industriestaaten noch Wohlstands- und Wachstumszuwachs stattfinden soll, geht das nur in die Breite. Die Vermögenden sind schon ausreichend vermögend. Deren Geld verursachen am Finanzmarkt nur die nächsten Blasen.

    • joG
    • 07.09.2010 um 14:28 Uhr

    ....ähnlich sehen.

  3. Ich finde es gut, dass die EZB (wie früher auch die Bundesbank) sich - zumindest in ihren Erklärungen - vor allem an der Preisstabilität orientiert. Sie ist immerhin die Hüterin des Euro. Und ich möchte auch nicht, dass meine Ersparnisse / Renten in 20 Jahren völlig entwertet sind...

    Allerdings frage ich mich, ob die EZB (ganz zu schweigen von der Fed) das verkündete Ziel Preisstabilität / Minimierung der Inflation wirklich verfolgt, wenn ich auf der anderen Seite lese, dass die EZB weiter riesige Summen zu Zinssätzen um 1% in die Kapitalmärkte pumpt?

    • Lutz2
    • 08.09.2010 um 2:55 Uhr

    Schwachsinniger Artikel.
    Im übrigen ist diese Finanzsystem durch seinen Aufbau zum Untergang verurteilt.

    Wir würden uns freuen, wenn Sie Thesen oder Behauptungen auch argumentativ erörterten. Danke, die Redaktion/fk.

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