ZEIT ONLINE: Herr Geoghegan, heute ist in den USA der Tag der Arbeit, ein Feiertag. Trotzdem wird zwischen West- und Ostküste in vielen Büros gearbeitet.

Tom Geoghegan: Furchtbar, oder? Einen freien Tag, ganz zu schweigen von einem richtigen Urlaub, gönnen sich immer weniger Arbeitnehmer. Keiner will zu lange weg sein von der Arbeit.

ZEIT ONLINE: Ist das die puritanische Arbeitsmoral? Manche Amerikaner protzen geradezu mit ihrer 80-Stunden-Woche.

Geoghegan: Nein, bei vielen ist das einfach Angst. Die Rezession steckt uns allen noch in den Knochen. Die Leute machen kaum frei, weil alle um ihre Jobs fürchten. Alle haben Angst, dass sie gefeuert werden, wenn sie früher gehen als der Kollege in der Arbeitskabine nebenan. Das sind keine Überstunden im europäischen Sinne - es gibt ja keinen Ausgleich dafür. Es wird einfach ununterbrochen gearbeitet.

ZEIT ONLINE: Das war auch mal anders, oder?

Geoghegan: Ja, vor 50 Jahren hatten wir mehr Freizeit als die Japaner, die damals die größten wirtschaftlichen Konkurrenten waren. Aber die Entmachtung der Gewerkschaften hat vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten dazu geführt, dass niemand auf ungesunde Arbeitsbelastungen achtet. Und der einzelne handelt vollkommen rational, wenn er länger schuftet als der Kollege - weil das seinen Job sichert.

ZEIT ONLINE: Ihr neues Buch "Were You Born on the Wrong Continent?" liest sich wie eine Lobhudelei auf Deutschland. Was machen wir besser?

Geoghegan: Die Amerikaner jammern permanent über den Aufstieg Chinas. Was machen die Deutschen? Sie gehen nach China und verkaufen dort ihre Maschinen und Autos. Zwischendurch machen sie sechs Wochen Urlaub. Es ist, als würden sie gegen uns gewinnen, während sie einen Arm auf dem Rücken festgebunden haben.

ZEIT ONLINE: Jahrelang wurde Deutschland von zahlreichen Ökonomen dazu gedrängt, den Arbeitsmarkt zu flexibilisieren, amerikanischer zu machen...

Geoghegan: (lacht) Ja, und zwar von genau jenen Ökonomen, die selbst ganz europäisch arbeiten: sozial abgesichert und mit frühem Feierabend. Im Ernst: Der flexible US-Arbeitsmarkt, wie er von Professoren und vielen Journalisten so gerne gelobt wird – was bedeutet das denn? Amerikanische Arbeitnehmer sind machtlos und der Willkür ihrer Unternehmen ausgeliefert.

ZEIT ONLINE: Und in Deutschland?

Geoghegan: In keinem anderen Land der Welt, auch nicht im kommunistisch regierten China, haben die Arbeitnehmer mehr Einfluss als in Deutschland. Das ist ein Grund, warum es immer noch so viel industrielle Produktion im Land gibt. Die Mitsprache der Arbeiter ist ein ganz wichtiger Punkt. Gerade in den exportstarken Branchen sind die Gewerkschaften einflussreich. Das gibt es in Amerika in dieser Form nicht mehr. Gewerkschaften sind Randerscheinungen, ein Schatten ihrer selbst.