Klaus Töpfer "Wir brauchen eine Welt ohne Kernkraft"

Längere Laufzeiten für Atomkraftwerke sind falsch, sagt der ehemalige Umweltminister Klaus Töpfer. Im Interview spricht er über Atomstrom und Gefahren für die Demokratie.

Frage: Herr Töpfer, Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) hat das Energiekonzept der Regierung als „einmalig auf der Welt“ gefeiert. Was halten Sie davon?

Klaus Töpfer: Zumindest liegt jetzt ein Energiekonzept vor. Daran kann man sich ja abarbeiten. Das kann intensiv diskutiert und, wo notwendig, kritisiert werden. Wie lange ist es her, dass eine Bundesregierung ihr Energiekonzept vorgelegt hat?

Anzeige

Frage: Ist schon lange her. Damals ging es um den Bau von etwa 50 Atomkraftwerken …

Töpfer: Da liegt jetzt etwas auf dem Tisch. Dazu werden die Opposition, die Wirtschaft, Bürgerinitiativen ihre Alternativen präsentieren. Das ist wichtig. Das sieht man doch gerade beispielsweise im Streit um den neuen Hauptbahnhof in Stuttgart. Man kann vieles planen und entwickeln, aber am Ende braucht man die Zustimmung der Menschen vor Ort.

Frage: Welche Fragen müsste das Energiekonzept aus Ihrer Sicht beantworten?

Klaus Töpfer

war von 1986 bis 1994 deutscher Umweltminister. Er musste nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl das Vertrauen der Menschen in die Politik wiedergewinnen. Danach war Töpfer als Bauminister für den Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin verantwortlich. Von 1998 bis 2006 leitete er das Umweltprogramm der Vereinten Nationen in Nairobi. Es gelang ihm, das finanzschwache Programm zu einer bedeutenden UN-Institution auszubauen. Er leitet seit Herbst 2009 ein Institut zur Nachhaltigkeitsforschung (IASS), zudem wirbt Töpfer für das Wüstenstromprojekt Desertec.

Töpfer: Wir haben ein generelles Problem, Menschen Energieerzeugungsanlagen oder Transportkapazitäten für Strom akzeptabel zu machen. Die zentrale Frage ist das Stromnetz. Die Anforderungen an die Leitungen sind andere, wenn nicht-kontinuierlich und dezentral erzeugte erneuerbare Energien eingespeist werden sollen, als wenn stetig produzierte Energie aus großen Grundlast-Kraftwerken transportiert werden soll. Die Kohle- und Atomkraftwerke liegen nah an den Verbrauchszentren. Das gilt für die Windkraft, speziell die auf dem Meer, nicht. Strom aus Offshore-Windparks muss über größere Entfernungen transportiert werden. Technisch ist das mit der Hochspannungs- Gleichstrom-Technologie machbar. Aber die Netzstruktur muss vor allem an die Anforderungen der dezentral an Land produzierten erneuerbaren Energien angepasst werden. Das kostet Geld.

Frage: Soll dafür der Staat aufkommen? Mit dem Blick auf den nächsten Quartalsbericht gibt es eher keinen Netzausbau.

Töpfer: Wir haben tatsächlich lange über die Trennung von Netz, Produktion und Vertrieb von Strom in Europa gesprochen. Es ist zum Teil auch gehandelt worden. Das ist auch die Voraussetzung dafür, dass Wettbewerb entsteht. Aber auch wenn es keine Verstaatlichung von Stromnetzen geben wird, hat der Staat natürlich eine Verantwortung dafür, wie das Netz und der Zugang dazu aussieht. Es ist ja nicht so, dass der Staat da nichts tun könnte. Es gibt eine Netzregulierung. Es gibt das Ordnungsrecht. Das muss man nutzen.

Frage: Was ist mit der Windkraft an Land?

Töpfer: Aus meiner Sicht wäre eine Förderung für das sogenannte Repowering wichtig. Durch die Installation größerer Anlagen ließe sich der Stromertrag deutlich erhöhen. Denn es wird immer schwerer werden, noch große neue Flächen für die Windenergie an Land auszuweisen. Versuchen Sie mal, in Thüringen für Windräder zu werben. Da muss man sehen, dass man eine Fluchttür hat! Aber die Standorte, die man hat, leistungsfähiger zu machen, wäre auf jeden Fall sinnvoll.

Leser-Kommentare
    • Crest
    • 13.09.2010 um 11:10 Uhr

    tell that the judge (pardon: the rest of the world ;-))

    Herzlichst Crest

  1. viel getan hat er als damaliger Umweltminister in dieser Richtung nicht. Ich erinnere mich nur an das Gesetz zum Dosenpfand das er erfunden hat. Aber was hat er zum Thema Erneuerbare Energie getan?
    Vielleicht kann mir da jemand weiterhelfen?

  2. .
    Umweltminister, Rheinschwimmer und

    Executive Director der UNEP, einer der wichtigstenen UN-Organisationen in Nairobi sprichst?

    Und wer bist Du, Crest und Raumfahrer?

  3. Bravo, Herr Töpfer! Nur leider etwas spät - in der Zeit als Bundesumweltminister hätte er wohl mehr Möglichkeiten gehabt, seine Sichtweisen umzusetzen, wenn er sie denn gehabt hätte.
    Und doch ist es mir deutlich lieber, wenn Herr Töpfer auf seine alten Tage weitsichtiger wird. Besser spät als garnicht.

    Nun hoffe ich, er wird seinen Einfluss auch nutzen.

  4. e nach Stammeszugehörigkeit wird jeder seine Keule auspacken und dann gezielt versuchen, den Kopf des Gegners zu treffen. Gerade der Bereich Energieversorgung ist vergleichbar der Bildung ein mit Minen durchsetztes Terrain, in dem sich Ideologien gegenüberstehen. Man hat sich hoffnungslos verrannt.
    Aktuelles Beispiel: Im Südschwarzwald wird z. Zt. sehr heftig über den Bau eines neuen Pumpspeicherwerks gestritten. Viele Bürger und Gemeinden sind aus allen möglichen Gründen dagegen. Hauptargument ist dabei der Umwelt- und Naturschutz. Jetzt stecken die Befürworter der reg. Energieversorgung in einer Zwickmühle, hat man doch immer wieder für den Bau von Speicherkraftwerken argumentiert aus Gründen der Pufferung der Energie. Jetzt wird in die Diskussion das Argument eingeworfen, der Bau diene dem Zwecke, dass Strom aus Kernkraftwerken gespeichert werden solle. Und dieses müsse man entschieden ablehnen. Wie es auch kommt, man kann sich immer auf die Seite der Gerechten mogeln.

    Wenn der Minister a.D. für seine Argumentation die neuen Länder bemühen muss, dann sollte darauf hingewiesen werden, dass diese weitgehend deindustrialisiert wurden, die Leute kein entsprechendes Einkommen mehr zur Verfügung haben, wegziehen und dadurch ganze Landstriche teilweise entvölkert werden. Unter solchen Voraussetzungen braucht niemand in der Tat noch ein zentrales Versorgungsnetz.

  5. Gerade jetzt haben die Naturschützer und Gegner von Pumpspeichern beste Gründe es abzulehnen. Bisher konnte man sagen die Pumpspeicher werden nur noch bis 2020 für AKWs genutzt, nun wurden die Laufzeiten aber verlängert.
    Denn zur Speicherung von Ökostrom werden Pumpspeicher jetzt und noch lange nicht verwendet. Sie dienen ausschließlich dafür um in Zeiten schwacher Stromnachfrage (nachts) die Nachfrage zu erhöhen damit AKWs auch dann mit voller Leistung durchlaufen können.
    Die dt. Pumpspeicher können erst dann für Ökostrom genutzt werden wenn die EE-Anteile so hoch sind dass Überschüsse erzeugt werden u. Stromleitungen von Norden nach Süden gebaut sind. Denn die Pumpspeicher sind im Süden, der Windstrom hauptsächlich im Norden.
    Abgesehen davon gibt es in Skandinavien große, ungenutzte Kapazitäten an Pumpspeichern: 85 TWh in Norwegen, 35 TWh in Schweden.
    Leitungen dorthin sind in Planung: http://www.norger.biz/nor...
    Aber mit Töpfer hat all dies nichts zu tun.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Pumpspeicherwerke sind keine Kurzfristinvestition. Die die meisten die ich kenne sind > 50 Jahre alt.
    .
    Es ist "rührend" auf ungenutze Kapazitäten in Skandinavien zu verweisen, aber den Leitungausbau , regionale Erzeugung (Wind) und Speicherung mit dem Argument Naturschutz, nütz doch nur den AKW's knicken zu wollen.
    .
    In einer hoch energieabhängigen Gesellschaft zu leben, diese auch nutzen aber gleichzeitig die notwendige Infrastruktur verteufeln?
    .
    Das erinnert mich viel an das Theme "Schlimmes Auto" aber großes Geschrei wenn die Autobahnauffahrt weiter als 5 Km weg ist und man beim Shoppen nicht vor der TÜR

    Pumpspeicherwerke sind keine Kurzfristinvestition. Die die meisten die ich kenne sind > 50 Jahre alt.
    .
    Es ist "rührend" auf ungenutze Kapazitäten in Skandinavien zu verweisen, aber den Leitungausbau , regionale Erzeugung (Wind) und Speicherung mit dem Argument Naturschutz, nütz doch nur den AKW's knicken zu wollen.
    .
    In einer hoch energieabhängigen Gesellschaft zu leben, diese auch nutzen aber gleichzeitig die notwendige Infrastruktur verteufeln?
    .
    Das erinnert mich viel an das Theme "Schlimmes Auto" aber großes Geschrei wenn die Autobahnauffahrt weiter als 5 Km weg ist und man beim Shoppen nicht vor der TÜR

    • Ploetz
    • 13.09.2010 um 12:39 Uhr

    Die Einschätzungen von Herrn Töpfer, speziell bezüglich der Beziehung zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft, sowie bezüglich der "Brückenpfeiler", Richtung und Länge dieser "Brücke" sind interessant.
    Jedwedes Denken auf wirtschaftlicher und politischer Ebene ist heutzutage "Was gibt es wann und wie für wieviel?". Dies müsste jedoch nicht sein, wenn Produkte und Dienstleistungen weltweit genügend vorhanden sein können/sind.
    Ziel sollte die simplere Fassung "Was gibt es wann und wie?" sein. Basis einer solchen neuen Denkweise ist die kurz-, mittel- und langfristige Existenzsicherung der menschlichen Gesellschaften und deren Weiterentwicklung.
    Dafür ist es notwendig, zunächst einmal den Irrgarten des Kapitalismus zu verlassen. "Lösungen", wie Basel III und vergleichbare Projekte mögen aus relativer Sichtweise innerhalb des Irrgartens als sinnvolle Schritte erscheinen - sie richten sich jedoch nicht nach absoluten Zielvorgaben. So mögen die Schritte zwar gemacht werden. Aber wie sollen sie in eine richtige Richtung führen, wenn sämtliche Sinne zwar funktionieren, aber das Gehirn nicht gefragt wird, was für ein Umgebungsbild entsteht, wenn alle miteinander verbunden würden?
    Situationsbezogen kurzfristig richtige Lösungen zu entwerfen ist ineffektiv - wenn kein Bezug zu allgemeinen Zielvorgaben hergestellt wird und damit nur gestartet, aber kein endgültiges Ziel, sondern nur stets relative Zielpunkte als neue Startpunkte in immer andere Richtungen erstellt werden können.

    • WIHE
    • 13.09.2010 um 13:49 Uhr

    Wenn ich bedenke, auf welch kleiner Fläche Atomkraftwerke enorme Mengen an Strom produzieren,
    erscheint mir alles andere als Öko-Spinnerei.

    Spargel esse ich ja gerne, aber allmählich geht mir die Verspargelung der Landschaft auf die Nerven.

    Und wenn ich daran denke, wie Leute mit eigenen Dächern Leuten ohne eigenes Dach maßlos überteuerten Strom verkaufen,
    wird mir fast übel.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • angste
    • 13.09.2010 um 14:22 Uhr

    ....Wenn ich bedenke, auf welch kleiner Fläche Atomkraftwerke enorme Mengen an Strom produzieren,
    erscheint mir alles andere als Öko-Spinnerei.....

    ------

    Und wenn ich bedenke, auf welch großer Fläche der unterirdischen Endlager der Dreck verteilt wird, in welcher Entfernung z.B. verstrahltes Grundwasser aus der Asse an die Oberfläche kommt..
    wenn man bedenkt, wieviel Fläche unbewohnbar wird, wenn z.Z. statistisch alle 66 Jahre ein AKW einen Supergau produziert....

    da wird mir ganz übel...

    • dacapo
    • 13.09.2010 um 15:56 Uhr

    .......Kraft uns die Sonne ihre Energie in Form von Wärme, Strahlung, Winde und Photosynthese anbietet, dann muss einen die Kernkraftträumer nur bedauern. Zumal sie bei ihren nostalgischen Spinnereien einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass diese Technik überholt ist und bei Inbetriebhaltung die Technologien für alternative Energien bremst. Die Konservativen hängen immer an alten Dingen. Nicht anders war es bei der "Abschaffung" der Pferdekutschen, bei der Abschaffung der Gasbeleuchtung. Kernkraft-Nostalgiker wacht auf, die Zeit ist abgelaufen, Kernkraft ade.

    ist ja schon fast bedauernswert sich über den Preis von Solarenergie aufzuregen und dafür den mit Abstand teuersten Stromerzeuger, die Atomkraft, zu lobhudeln.
    Nur mal so. Jede industrielle Anlage muß versichert werden. Müßte auch ein AKW versichert werden betrüge der reelle Preis für Atomstrom schon mal schlanke zwei Euro je kw/h.

    Die Kosten nur für die Asse liegen bei 8 Milliarden. Ende nach oben offen. Von Gorleben und anderen Lagerlösungen ist da noch gar nicht die Rede. Das bezahlen Sie aber auch über ihre Steuern. Solarstrom hat gar keine Rückstände.
    Wann endlich hört das Märchen vom billigen Atomstrom aus. Ist ja unfassbar wie begriffsstutzig manche sind.

    • angste
    • 13.09.2010 um 14:22 Uhr

    ....Wenn ich bedenke, auf welch kleiner Fläche Atomkraftwerke enorme Mengen an Strom produzieren,
    erscheint mir alles andere als Öko-Spinnerei.....

    ------

    Und wenn ich bedenke, auf welch großer Fläche der unterirdischen Endlager der Dreck verteilt wird, in welcher Entfernung z.B. verstrahltes Grundwasser aus der Asse an die Oberfläche kommt..
    wenn man bedenkt, wieviel Fläche unbewohnbar wird, wenn z.Z. statistisch alle 66 Jahre ein AKW einen Supergau produziert....

    da wird mir ganz übel...

    • dacapo
    • 13.09.2010 um 15:56 Uhr

    .......Kraft uns die Sonne ihre Energie in Form von Wärme, Strahlung, Winde und Photosynthese anbietet, dann muss einen die Kernkraftträumer nur bedauern. Zumal sie bei ihren nostalgischen Spinnereien einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass diese Technik überholt ist und bei Inbetriebhaltung die Technologien für alternative Energien bremst. Die Konservativen hängen immer an alten Dingen. Nicht anders war es bei der "Abschaffung" der Pferdekutschen, bei der Abschaffung der Gasbeleuchtung. Kernkraft-Nostalgiker wacht auf, die Zeit ist abgelaufen, Kernkraft ade.

    ist ja schon fast bedauernswert sich über den Preis von Solarenergie aufzuregen und dafür den mit Abstand teuersten Stromerzeuger, die Atomkraft, zu lobhudeln.
    Nur mal so. Jede industrielle Anlage muß versichert werden. Müßte auch ein AKW versichert werden betrüge der reelle Preis für Atomstrom schon mal schlanke zwei Euro je kw/h.

    Die Kosten nur für die Asse liegen bei 8 Milliarden. Ende nach oben offen. Von Gorleben und anderen Lagerlösungen ist da noch gar nicht die Rede. Das bezahlen Sie aber auch über ihre Steuern. Solarstrom hat gar keine Rückstände.
    Wann endlich hört das Märchen vom billigen Atomstrom aus. Ist ja unfassbar wie begriffsstutzig manche sind.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service