Im Oktober 2008 brach das isländische Bankensystem zusammen, zahlreiche Isländer verloren ihr Erspartes, die Arbeitslosigkeit stieg drastisch an. Nur ein Milliardenkredit des IWF und der skandinavischen Länder konnte einen Staatsbankrott abwenden. Für diese wirtschaftliche Misere muss sich nun auch der frühere Ministerpräsident des Landes, Geir Haarde, verantworten. Er wird wegen grober Fahrlässigkeit vor Gericht gestellt, ihm drohen bis zu zwei Jahre Haft.

Die Entscheidung fällte das Parlament in Reykjavík mit 33 gegen 30 Stimmen. Demnach soll sich der konservative Politiker wegen "Fahrlässigkeit" vor einem Sondergericht verantworten. Das Verfahren soll vor einem Hohen Gericht namens Landsdomur eröffnet werden – ein sogenanntes "Reichsgerichtsverfahren", das seit Islands Unabhängigkeit im Jahr 1944 erstmals durchgeführt wird.

Haarde war von 2006 bis 2009 Ministerpräsident – einer Phase, in der die isländischen Banken ihre aggressive Expansion bis zum Kollaps fortsetzen konnten. Die Anschuldigungen weist der frühere Premier zurück. Er erklärte, dass er von seinen Beratern und Bankexperten belogen worden sei.

Die frühere sozialdemokratische Außenministerin Ingibjörg Sólrun Gisladóttir muss sich dagegen nicht vor einem Richter verantworten. Auch beim früheren Finanzminister Arni Mathiesen und Ex-Wirtschaftsminister Bjorgvin G. Sigurdsson stimmten die Abgeordneten gegen Anklageerhebungen.

Alle drei Politiker müssen sich allerdings wie Haarde – sie alle gehörten zur im Januar 2009 nach wochenlangen Protesten zurückgetretenen konservativen Regierung – Fehlverhalten vorwerfen lassen. Zu diesem Ergebnis kommt eine parlamentarische Untersuchungskommission, die ihren Bericht bereits vor zwei Wochen veröffentlicht hatte.

In ihrem Bericht bestätigte die Kommission ihre bereits im April getroffenen Schlussfolgerungen, wonach die Regierung und die Aufsichtsbehörden des Landes eine Mitschuld an der Bankenkrise trifft – und empfahl eine "Anklage und Bestrafung" der vier früheren Regierungsmitglieder. Sie alle hätten Warnungen über den bevorstehenden Kollaps in den Wind geschlagen und sollen nach außen weiter Optimismus verbreitet haben.