Smog über New York: Trotz der Abgase hat ein Einwohner Manhattans eine gute Energiebilanz © Mario Tama/Getty Images

Wenn in Manhattan der Frühling kommt, fällt das Atmen schwer. Kaum steigen die Temperaturen auf mehr als 25 Grad, beherrscht der Smog die Straßen der Stadt. Nirgendwo in den USA ist die Abgasbelastung höher als im bekanntesten Stadtteil New Yorks.

Doch was auf den ersten Blick wie die Horrorvision jedes Umweltschützers aussieht, ist in Wahrheit eine Chance. Denn trotz der vielen Abgase ist der Energieverbrauch pro Kopf in Manhattan so gering wie an kaum einem anderen Ort der Welt.

Der Grund dafür ist einfach: Wer im Zentrum der Millionenstadt lebt, hat meist kurze Wege und kann ein gut ausgebautes Netz öffentlicher Verkehrsmittel nutzen. Der Stadtplanungs-Experte Christopher Choa sieht in Megastädten wie New York sogar den "Schlüssel", um die Energieprobleme der Zukunft zu lösen. Je dichter besiedelt die Stadt ist, desto größer die Möglichkeiten eine Infrastruktur zu schaffen, die mit wenig Energie auskommt. Ein öffentliches Verkehrssystem zum Beispiel lässt sich erst ab einer bestimmten Einwohnerzahl kostendeckend betreiben.

So gesehen könnte es für die Planer sogar eine Chance sein, dass bis 2030 rund 60 Prozent der Menschen in Städten leben wird. Bereits heute sind es mehr als die Hälfte. Derzeit wachsen die Städte weltweit um 60 bis 70 Millionen Menschen pro Jahr – das entspricht etwa der zehnfachen Einwohnerzahl Londons. Allerdings sind es nicht die Städte in Europa und den USA, die wachsen, sondern vor allem Metropolen in den Entwicklungsländern. In spätestens 20 Jahren werden diese die einzigen sein, die weiter wachsen, hat der United Nations Population Fund (UNPF) errechnet.

Hier aber liegt das Problem. Denn nirgendwo sind die Investitionen in energiesparende Infrastruktur so gering wie in den Entwicklungsländern. Die indische Hauptstadt Delhi zum Beispiel hat trotz einiger Verkehrsprojekte bis heute kein Mittel gegen den wachsenden Verkehr gefunden, der die Straßen der 12-Millionen-Metropole verstopft. Die rund vier Millionen gemeldeten Fahrzeuge verschaffen der Großstadt einen traurigen zweiten Platz im weltweiten Ranking der Luftverschmutzung.

Zwar ist auch den Industriellen des Landes klar, dass sich das Land beim Klimaschutz bewegen muss. "Neu gebaute Kraftwerke müssen höheren Umweltstandards genügen als das, was wir bisher haben", hieß es unlängst auf der Weltenergiekonferenz in Montreal selbst von Industrievertreten wie Vinay Kumar Singh vom indischen Kohleproduzenten Northern Coalfields Ltd. Gleichzeitig bleibt Ländern wie Indien jedoch gar nichts anderes übrig, als immer mehr CO2 zu erzeugen, wenn ihr Energiebedarf weiterhin so stark steigt wie bisher.

Allein in den beiden Bevölkerungsreichsten Ländern der Welt, Indien und China, ist Kohle mit Abstand der größte Energieträger und wird dies auch in Zukunft bleiben. Und an Vermeidungstechniken wie CO2-Abscheidung denkt dort zurzeit niemand. "Im Moment steht das Thema Teilhabe für Länder außerhalb Europas und der USA deutlich höher auf der Agenda als der Klimaschutz", sagt RWE-Vorstandsmitglied Leonhard Birnbaum.