Das Wasser ist weg, zumindest in manchen Gebieten Pakistans wie etwa in den Gebirgsregionen des Nordens oder in weiten Teilen des Punjab. Doch die Not der Menschen ist nicht geringer geworden. "Wo sie können, gehen sie in ihre Dörfer zurück", sagt Jürgen Mika, Koordinator der Welthungerhilfe im Land. "Vielleicht nehmen sie noch ihr Zelt mit, stellen das auf die Ruinen und fangen an, aufzubauen." Die Menschen suchen ihre noch brauchbaren Habseligkeiten zusammen, schaufeln den Schlamm auf die Straße und räumen den Schutt weg. Doch selbst ernähren können sich die Flutopfer noch lange nicht.

In den Überschwemmungsgebieten ist die Infrastruktur zerstört, die Ernten sind vernichtet . Die Zahl der auf Hilfe angewiesenen Menschen und die betroffene Fläche sind so groß, dass die Hilfsorganisationen noch auf Wochen oder Monate hinaus unmittelbare Nothilfe werden leisten müssen. Erst dann kann an den Wiederaufbau gedacht werden. Und während das Wasser weiter nördlich abfließt, kommen im Süden, etwa in der Provinz Sindh, ständig neue Überschwemmungsgebiete hinzu.

Neuen UN-Schätzungen zufolge sind mindestens zehn Millionen Menschen durch die Flut obdachlos geworden. Die Katastrophe sei eine der "schlimmsten humanitären Krisen" in der Geschichte der Vereinten Nationen, erklärte das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA) am Dienstag in Islamabad. Bislang war man von 4,8 Millionen Obdachlosen ausgegangen. Die neuen Zahlen berücksichtigen auch die Flutopfer aus Sindh – nicht aber jene Menschen, die in Zeltlagern oder Schulen untergekommen sind. Dabei handelt es sich OCHA zufolge um 1,8 Millionen beziehungsweise rund eine halbe Million Menschen. "Die Situation wird immer schlimmer", sagte OCHA-Sprecherin Elisabeth Byrs. Immer mehr Menschen werden zudem krank: Viele sind nach den Wochen erschöpft, andere trinken verschmutztes Wasser. Vor allem Kinder sind entkräftet. 72.000 seien derzeit akut vom Tod bedroht, schätzten die Vereinten Nationen vor wenigen Tagen.

Von der Ostsee bis ans Mittelmeer: Legt man die Karte der Überschwemmungsgebiete in Pakistan über die Karte Europas, wird das Ausmaß der Katastrophe deutlich © ZEIT ONLINE

Andreas Wulf, medizinischer Koordinator der Hilfsorganisation medico, war vor etwa zwei Wochen in Sindh, wo der Indus ins Meer mündet. "Als ich abflog, dachte man, das Schlimmste sei überstanden", erinnert er sich. "Die Lage wirkte stabil, die Hauptflutwelle schien vorbei." Doch dann verschärfte sich die Situation erneut. "Die Dämme sind durchweicht und halten nicht mehr Stand", erklärt Wulf. "Jetzt sind neue große Flächen überschwemmt worden, Hunderttausende auf der Flucht."

In Sindh gehe es jetzt vor allem darum, die Menschen vor dem Wasser in Sicherheit zu bringen und dann mit dem Nötigsten zu versorgen. "An manchen Stellen werden zudem die Deiche gezielt aufgebrochen", berichtet Wulf, "selbst wenn dadurch eine weitere Fläche oder ein Dorf überschwemmt wird." Deiche zu zerstören, ist die letzte Möglichkeit, die Flut zu kontrollieren, bevor das Schutzbauwerk unter dem gewaltigen Druck des Wassers bricht. Ziel sei es vor allem, die großen Städte zu schützen. Sie sind die Versorgungszentren und Basis für die Arbeit der Hilfsorganisationen.

Wulf lobt die Hilfsbereitschaft der pakistanischen Gesellschaft und die Spendenbereitschaft der Deutschen. Auf den Konten von medico und dem Bündnis Entwicklung Hilft, dem die Organisation angehört, sei mittlerweile mehr Geld für Pakistan eingegangen als nach dem großen Beben für Haiti. Die Zusagen der deutschen Regierung allerdings kritisiert er als zu gering. "Bislang hat Deutschland 68 Millionen Euro direkt oder über die EU für Pakistan zur Verfügung gestellt. Das wird den Dimensionen der Katastrophe in keiner Weise gerecht", sagt er. Auch die Vereinten Nationen beklagten kürzlich, dass die Hilfsbereitschaft der Staatengemeinschaft nachlasse.