Nach langer öffentlicher Debatte um Parteiausschluss und Entlassung als Bankvorstand hat Thilo Sarrazin nun selbst die Konsequenzen gezogen – zumindest teilweise: Er habe Bundespräsident Christian Wulff gebeten, ihn zum Ende des Monats vom Amt des Bundesbankvorstands zu entbinden, sagte der wegen seiner Thesen zur Einwanderungspolitik heftig umstrittene 65-Jährige am Donnerstagabend in Potsdam. Er bestätigte damit entsprechende Angaben der Bundesbank in Frankfurt.

Die Bundesregierung begrüßte den Rückzug Sarrazins. "Es ist gut, dass es diese einvernehmliche Regelung gibt und die Bundesbank jetzt in Ruhe an ihren wichtigen Aufgaben arbeiten kann", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag. Er betonte zugleich: "Die Bundesregierung hat keinen Einfluss auf diese Entscheidung genommen." Bundeskanzlerin Angela Merkel habe schon zuvor keine Handlungsempfehlung gegeben, weil sie die Unabhängigkeit der Bundesbank achte.

Auch im Schloss Bellevue zeigte man sich erleichtert. "Bundespräsident Christian Wulff wird dem Antrag von Herrn Doktor Sarrazin entsprechen", teilte ein Präsidentensprecher mit.

Nach Berichten der Mitteldeutschen Zeitung wurde die Entwicklung auch in Sarrazins Berliner SPD-Landesverband positiv aufgenommen. Man hoffe, dass nun womöglich auch ein quälendes Ausschlussverfahren mit ungewissem Ausgang vermieden werden könne. Sarrazin müsse ja nicht aus der Partei austreten. Er könne seine Mitgliedschaft auch ruhen lassen, zitierte die Zeitung Parteikreise. Der Bundesvorstand will am Montag entscheiden, ob er sich dem Ausschlussverfahren des Berliner Verbandes anschließt.

SPD-Fraktionsvorstandsmitglied Sebastian Edathy legte dem umstrittenen Politiker dagegen ein freiwilliges Ausscheiden aus der Partei nahe. Sollte es sich bei Sarrazins Rückzug aus dem Bundesbankvorstand tatsächlich um einen Schritt aus Einsicht handeln, dann sollte der nächste Schritt folgen: Der Austritt aus der SPD, sagte Edathy Handelsblatt Online .

Ähnlich verlangte es der amtierende SPD-Fraktionschef Joachim Poß. "Wenn Sarrazin der Politik insgesamt den Kampf ansagt, dann soll er den gleichen Schritt tun wie bei der Bundesbank und die SPD aus freien Stücken verlassen." Ein Ruhen der Partei-Mitgliedschaft – wie etwa während der Amtszeit eines Bundespräsidenten – sei im Fall Sarrazins nicht angebracht, sagte Poß weiter, der auch SPD-Präsidiumsmitglied ist.

Der 65 Jahre alte SPD-Politiker und frühere Berliner Finanzsenator hatte mit seinem Buch Deutschland schafft sich ab und durch Äußerungen in Interviews heftige Kritik auf sich gezogen und war immer mehr ins politische Abseits geraten.

Sarrazin sagte am Donnerstagabend während einer Buchpräsentation, er habe in den vergangenen 14 Tagen "massiven Druck" gespürt. "Das war für mich nicht einfach." Er habe sich überlegt, ob er es sich leisten könne, sich "mit der gesamten politischen Klasse in Deutschland anzulegen". "Diese Situation hält auf Dauer keiner durch", sagte Sarrazin. Jetzt könne er noch auf vielen Veranstaltungen auftreten, ohne dass man sage, da spreche ein Bundesbankvorstand.

Der Bundesbankvorstand hatte nach langem Zögern und starkem politischen Druck aus Berlin am Donnerstag vergangener Woche erstmals in der Geschichte der Notenbank die Abberufung eines Vorstandsmitglieds beantragt. Sarrazin habe mit seinen Thesen das Ansehen der Bundesbank beschädigt und gegen die Pflicht zur Zurückhaltung eines Vorstandes verstoßen, hieß es zur Begründung.

Wie Sarrazin am Donnerstag mitteilte, hat die Bundesbank den Antrag auf Amtsenthebung bei Wulff inzwischen zurückgezogen. "Der Bundesbankvorstand hält die gegen mich erhobenen Anwürfe, ich hätte mich gegenüber Ausländern diskriminierend geäußert und Ähnliches, nicht aufrecht, sondern zieht sie zurück", erklärte er. Daraufhin habe er den Bundespräsidenten selbst gebeten, ihn von seinem Amt zu entbinden, so Sarrazin weiter.

Auch in der Erklärung der Bundesbank hieß es, dass der Entlassungsantrag zurückgezogen sei und man "wertende Ausführungen" über Sarrazins Verhalten nicht mehr aufrecht halte.

Zu den Einzelheiten der Einigung machte die Bundesbank keine Angaben. Arbeitsrechtler hatten wiederholt bezweifelt, dass Sarrazins Äußerungen seinen Rausschmiss arbeitsrechtlich rechtfertigen könnten. Sarrazins Amtszeit begann im Mai 2009 und sollte regulär 2014 enden. Die Nachrichtenagentur dpa meldete, Sarrazin werde keine Abfindung erhalten.

Die türkischstämmige Soziologin Necla Kelek äußerte Verständnis für den Rückzug Sarrazins: "Die Entscheidung von Thilo Sarrazin kann ich sehr gut verstehen – bei all dem, was über ihn hereingebrochen ist", sagte sie der Bild-Zeitung. Kelek, die Sarrazins Buch vorgestellt hatte, betonte aber auch: "Ich bedauere das sehr – für die Bundesbank, die einen guten Vorstand verliert!"

Die Linken-Vizevorsitzende Katja Kipping nannte es "gut dass Sarrazin aus dem Bundesbankvorstand ausscheidet". Die Bank müsse nun offen legen, ob Sarrazin ein Versorgungspaket angeboten wurde.

Laut aktuellem ZDF-Politbarometer stoßen die Sarrazins Thesen zum Thema Ausländer und Integration bei den Bürgern mehrheitlich auf Zustimmung. 56 Prozent der Befragten waren der Meinung, dass Sarrazin mit seiner Kritik Recht habe, 28 Prozent verneinten dies. Diese Einschätzung wurde in fast allen politischen Lagern geteilt – lediglich bei den Anhängern der Grünen hielten sich Zustimmung und Ablehnung die Waage.