Öffentliche Finanzen Kein Geld für Pleite-Staaten

Europas Schuldenkrise besteht fort: Staatshilfen und eine Flut an Liquidität schufen neue Risiken, analysiert Finanzwissenschaftler Kai Konrad in einem Gastbeitrag.

Proteste vor dem Athener Finanzministerium, vor wenigen Tagen: Mitglieder der kommunistischen Gewerkschaft PAME verlangen niedrigere Brotpreise und einen Höchstpreis für Weizen

Proteste vor dem Athener Finanzministerium, vor wenigen Tagen: Mitglieder der kommunistischen Gewerkschaft PAME verlangen niedrigere Brotpreise und einen Höchstpreis für Weizen

Um Griechenlands, Portugals und Spaniens Schulden ist es ruhig geworden. Die deutsche Wirtschaft wächst, der Export boomt. Manche reden von einem Aufschwung wie seit vielen Jahren nicht mehr. Ist die Krise überwunden?

Nein, die Entwicklung ist temporär und gewährt uns allenfalls eine Atempause. Und sie wurde teuer erkauft. In der Finanzkrise wurde eine "Kernschmelze" des Systems durch Bürgschaften, Staatshilfen und eine einzigartige Flutung der Finanzmärkte mit Liquidität vermieden. Diese Liquidität ist noch in den Märkten und, wie man hört, schlägt sie auf manchen bereits wieder Kapriolen.

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Der folgenden Wirtschaftskrise wurden rekordverdächtige Konjunkturprogramme auf Kredit entgegengesetzt. Die Folge: Die Neuverschuldung stieg 2009 und 2010 auf ungeahnte Höhen. Die Wirksamkeit der Maßnahmen ist umstritten. In Deutschland bilden Niedrigstzinsen, Liquidität im Überfluss, Ausläufer der Konjunkturprogramme und der Exportboom einen gefährlichen Cocktail. Manche meinen, Deutschland sei reif für einen baugetriebenen Wirtschaftsboom - Inflation, Immobilienblase und fallende Wettbewerbsfähigkeit inklusive.

Der bei weitem höchste Preis wurde jedoch in der Europäischen Staatschuldenkrise gezahlt. Das Teuerste an dem 750 Milliarden umfassenden Rettungsschirm waren dabei nicht einmal die Zahlungen für den Schirm selbst: Mit der Rettungsaktion hat man die Glaubwürdigkeit des Europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakts erschüttert. Das Vertrauen der Bürger in langfristig stabile Staatsfinanzen ist empfindlich gestört. Ängste grassieren nun, wonach es mit nachhaltiger europäischer Haushaltspolitik dauerhaft vorbei ist.

Kai Konrad
Kai Konrad

Kai A. Konrad ist Direktor am Max-Planck-Institut für Geistiges Eigentum, Wettbewerbs- und Steuerrecht und Forschungsprofessor des Forschungsprojektes "The Future of Fiscal Federalism" am Wissenschaftszentrum Berlin.

Auf europäischer Ebene ist eine Dynamik entstanden, die leider nur zu schnell zu einer Koordinierung oder Zentralisierung der Finanzpolitik führen kann. Europa könnte in den kommenden Jahren zu einer Transfergemeinschaft werden, in der die sparsamer haushaltenden Mitgliedsstaaten wieder und wieder für andere, weniger solide wirtschaftende Staaten zahlen. In der Finanzwissenschaft ist dieses Szenario als Samariterdilemma bekannt:

• Zwischenstaatliche Bürgschaften und Hilfen, mit denen die schlimmsten Schuldner vor einer Insolvenz und Umschuldung gerettet werden, vermindern staatliche Anreize, solide zu haushalten und die eigenen maroden Staatsfinanzen selbst in Ordnung zu bringen.

• Die Staaten, denen in der Transferunion die Rolle des immer wiederkehrenden Retters zugedacht ist, werden in dieser Zahlmeisterrolle nicht glücklich. Sie könnten versuchen, die Retterrolle abzulegen, indem sie sich mit hohen Staatsausgaben selbst stark verschulden. Denn wer selbst nichts hat, kann anderen nicht helfen. Und im Zweifel ist es wohl angenehmer, das vorhandene Vermögen selbst zu verprassen, als dadurch arm zu werden, dass man das Vermögen anderen gibt.

Leser-Kommentare
    • Rolf28
    • 01.09.2010 um 15:47 Uhr

    Mit größer werdender Verdrießlichkeit überkommt mich so langsam die Einsicht, dass man Politikern kaum noch böse sein kann. Ihre Motivation besteht in der Wiederwahl nach kurz- bis mittelfristigen Zeitabständen und aus der Aussicht auf einen netten Berater- oder Vorstandsposten in der Wirtschaft, wenn die Wiederwahl eines Tages nicht mehr klappt. Es gibt einfach keine Motivation für einen Politiker, auf langfristige Sicht die Weichen für das Land so zu stellen, dass es dem Land in 20 oder 40 Jahren immernoch gut geht.

    Das Ärgerliche daran ist, dass Politiker die Einzigen sind, die Zugriff auf diese Weichen haben, und eigentlich dafür gedacht sind, sie langfristig sinnvoll zu bedienen.

    Die Idee einer unabhängigen europ. Zentralbank (der man zugetraut hätte, langfristig zu wirtschaften) ist ja nun seit der Bankenkrise und den Einwirkungen der europ. Finanzminister auf die EZB auch begraben worden.

  1. Deutschland gefällt sich darin, abwechselnd als unabhängige Nation oder als ein Teil der EWG zu firmieren, je nachdem wie es gerade in den Statistiken besser aussieht. Tatsache ist jedoch, dass wir seit Aufgabe unserer Währungshoheit zugunsten des Euro schon längst keine Wahl mehr haben, denn Euroland ist schon heute eine Transferunion. Mitgegangen -- mitgefangen.

    • Rebel
    • 01.09.2010 um 23:22 Uhr

    Lasten der Zukunft

    Bei der Prüfung der Verschuldung einer Stadt würde die letzte Zahlung für deren aktuellen Kredite, wenn ab jetzt keine Aktivitäten mehr erfolgen würden also sofortige Stilllegung / Beendigung der Kommune, im Jahr 2099 erfolge!. Das Beispiel soll zeigen, wie weit heute schon in die Zukunft - 89 Jahre - vorgriffen wird.

    • bhayes
    • 02.09.2010 um 12:37 Uhr

    a) Verbot der Kreditaufnahme ins GG aufnehmen
    b) Verbot an die EZB, Zinsen unter 2% zu senken
    c) Verbot an die EZB, Staatsanleihen aufzukaufen
    d) Verbot an die EZB, Eigengeschfte der Banken zu finanzieren
    e) Rckabwicklung der GR-Hilfe / Rettungsschirm etc.; evtl. verbleibende Risiken werden den entsprechenden Parlamentariern etc. persnlich aufgebrdet
    f) Wiedereinfhrung der no-bail-out-Klausel
    g) Festlegung des Budgets fr die EU sowie alle weiteren Haushalte (insbes. Bundeshaushalt) ausschlielich jeweils durch Volksentscheid
    i) Ordnungsgeme Bilanzierung aller knftigen Zahlungsverpflichtungen (z.B. Pensionen) und Risiken, keine Schattenhaushalte etc.
    Fr alle diese Punkte muss es ein unwiderrufliches Klagerecht fr jeden EU-Einwohner geben, kostenlos und mit sofort aufschiebender Wirkung, auch fr Umgehungsversuche und Versuche.

    • Tera
    • 02.09.2010 um 21:36 Uhr

    ... ich mache im Februar meinen MBA in Australien. Vor einiger Zeit stand der Euro noch 1 zu 2, jetzt sind wir auf dem Weg zu 1,3 (!) Soviel zur stabilen Währung.

    Und ich bin als grade fertiger Student vom "Generationenvertrag" bereits ausreichend bedient. Wenn es gut läuft und hier nicht wesentlich besser, bleibe ich wenn irgend möglich sofort unten. Unsere Elterngeneration hat es selbst versaut. Wer seine eigene Rente bereits für frühpensionierte Postbeamte, offensichtlich miese Zuwanderunds-/EUbeitrittspolitik und eine Kur nach der anderen rausschmeisst, für den zahle ich nicht zwei Mal (etwas überspitzt, aber ich sehe es an sich GENAU so).

    Das gilt selbst für meine eigenen Eltern, denen ich nun 10 Jahre in eine Pflegesituation mit hohem Einsatz beistand. Damit ist meine Rechnung glatt. Also ich hoffe weiter und mit etwas Glück, kann mich Europa bald kreuzweise:)

    Gut nur, dass mir ausreichend viele Medien und Institute meine Dummheit vorrechenen, nach der sich die Wiedervereinigung, sämtliche EU-Beitritte, die Zuwanderer und jede Gleichstellungsbeauftragte täglich für mich auszahlen, haha!

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