Tunnelbau Gutachter prophezeien Kostenverdopplung bei Stuttgart 21

Kritiker des Stuttgarter Bahnhofsbaus und der neuen Schnellstrecke nach Ulm haben die Baukosten neu errechnet. Vor allem der Tunnelbau könnte demnach zum Problem werden.

Zum Projekt Stuttgart 21 gehört nicht nur der Neubau des unterirdischen Durchgangsbahnhofs in der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Auch der Bau einer neuen Schnellbahnstrecke nach Ulm umfasst das Milliardenprojekt. Die Bahn gab die Kosten hierfür bisher mit 2,9 Milliarden Euro an. Aus Sicht von Gutachtern ist dies jedoch weit unterkalkuliert. Das Münchner Verkehrs-Beratungsbüro Vieregg-Rößler GmbH kommt auf eine Bausumme von mindestens 4,55 Milliarden Euro. Die Fachleute kalkulierten dabei zu erwartende Preissteigerungen bis 2016 ein. Durch Unwägbarkeiten könnten die Kosten sogar auf zehn Milliarden Euro steigen, ermittelten sie.

Vor allem die Kosten für die Tunnelarbeiten beim Alb-Aufstieg schlügen viel stärker zu Buche als die Bahn bisher annehme. Ein Grund dafür seien die Geologie und Probleme mit eindringendem Wasser.

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Hintergrund ist unter anderem die Technologie des Tunnelbaus. Die "Neue österreichische Tunnelbauweise" sei unter den "beschriebenen geologischen Umständen" die teuerste, heißt es in einer Auswertung des Gutachtens . Komme diese in der Planung vorgesehene Technik beim Untertunneln der Schwäbischen Alb durchgängig zum Einsatz, koste dies etwa zehn Milliarden Euro. Mit einer kostengünstigeren Bohrweise und ohne weitere tunnelbautechnische Probleme sei mit "wahrscheinlichen Kosten" von 5,3 Milliarden Euro zu rechnen – immer noch 83 Prozent mehr als die Bahn einplant.

Außerdem müssten Kostensteigerungen im Laufe der etwa zehn Jahre langen Bauarbeiten einberechnet werden, sagte der Betriebswirt Martin Vieregg . "Wir orientieren uns immer an schon fertiggestellten Projekten." Als Beispiel führten sie die neue Strecke zwischen Ingolstadt und Nürnberg an.

Die Bahn kalkuliert für Bahnhofsneubau und Schnellbahnverbindung nur 4,1 Milliarden Euro ein.

Vieregg-Rößler errechneten die Baukosten im Auftrag der baden-württembergischen Landtagsfraktion der Grünen, die zu den Kritikern des Bauvorhabens zählt. Denn dafür muss nicht nur der Altbau des Bahnhofs in Stuttgart fallen, sondern auch etwa 280 Bäume. In den letzten Wochen protestierten Gegner des Projekts teils erbittert gegen die begonnenen Abrissarbeiten , die Polizei hatte zu Wochenbeginn ein besetztes Baumhaus geräumt. Die Landes-SPD, einst Befürworterin des Vorhabens, regte am Dienstag an, die Bürger über den Neubau abstimmen zu lassen. 

Das Münchner Büro hatte bereits 2008 eine Studie zu den Kosten des Bahnhofsprojekts und der Anbindung an die Schnellbahnstrecke nach Ulm vorgelegt. Damals waren die Verkehrsberater von 6,7 bis 8,7 Milliarden Euro ausgegangen.

Der Münchner Diplom-Psychologe Karlheinz Rößler sagte dem Magazin stern , die Kosten seien ökonomisch "nicht zu vertreten". Das liege auch daran, dass die Strecke Stuttgart-Ulm im deutschen und europäischen Schienennetz eine Art "bessere Nebenstrecke" sei, über die bloß noch halb so viele Züge führen wie noch vor 20 Jahren. Außerdem werde sie so steil gebaut, dass Güterzüge sie nicht nutzen könnten.

Die Ingenieure empfahlen, den Neubau komplett umzuplanen oder aber kleinere Korrekturen an der vorhandenen Trasse vorzunehmen, damit dort Züge mit Neigetechnik fahren könnten. Dadurch verkürze sich die Fahrzeit fast genauso wie mit einer neuen Strecke.

Der Chef des Verkehrsausschusses im Bundestag, Winfried Hermann (Grüne), forderte einen sofortigen Baustopp: "Der Bund muss die Reißleine ziehen", sagte er. Hermann kritisierte, die Bahn habe die Kosten schöngerechnet, um von der Politik grünes Licht zu bekommen. "Im Privatleben würde man von Betrug sprechen."

Die Bahn hatte erst vor Kurzem die Ausgaben für die Neubaustrecke um 865 Millionen Euro nach oben korrigiert.

Der Konzern bezeichnete das Gutachten als unseriös. Ein Bahn-Sprecher sprach von neuen "Horrorzahlen", mit denen die Bevölkerung verunsichert werden solle.

Vieregg-Rößler hatten mit ihren Kostenberechnungen das Transrapid-Projekt von der Münchner Innenstadt zum Flughafen zu Fall gebracht. 2008 legte die CSU die Pläne wegen einer unvertretbaren Kostensteigerung zu den Akten.

 
Leser-Kommentare
  1. Das ist den Profiteuren doch völlig egal, denn schließlich werden Steuergelder abgesaugt.
    Die Bahn privatisiert weiter Volksvermögen und die Immoblienspekulanten freuen sich auf das Filetstück.

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    ...auch Baukosten von einer Billion würde er hinnehmen. Und wird dafür gleich abgestraft: Mit Auszug aus dem Landtag 2011. Wir Bürger kontrollieren jetzt unsere Politiker - jederzeit und überall.

    ...auch Baukosten von einer Billion würde er hinnehmen. Und wird dafür gleich abgestraft: Mit Auszug aus dem Landtag 2011. Wir Bürger kontrollieren jetzt unsere Politiker - jederzeit und überall.

  2. die Kosten für öffentliche Vorhaben wissentlich zu tief zu "schätzen". Bei fachmännischer Kostenschätzung mit realem Ergebnis wären doch die ohnehin wackeligen Zustimmungen noch schwieriger einzuholen. Wer richtig rechnen will, hat doch bei den großartigen Machern keine Chance auf einen Job.

  3. http://community.zeit.de/user/seriousguy/beitrag/2010/09/08/stuttgart-21-neues-zum-quotlügenpackquot beleuchtet bestens belegt noch einige Makel an S21 mehr.

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  4. Antwort auf "Ein Leserartikel"
    • dth
    • 08.09.2010 um 16:31 Uhr

    Das Hauptproblem bei den meisten solcher Großprojekte ist das dramatische Demokratieprinzip. Die Bürger bekommen irgendwann eine Lösung präsentiert, die zwischen Politik und Interessensvertretern ausgekungelt wurde und schritt für schritt durch die Parlamente gedrückt wird.
    Viele Informationen über Gutachten und Verträge bleiben geheim, mögliche Alternativen werden nie öffentlich diskutiert.
    Aus diesem Vorgehen entstehen dann solche Planungen mit zahlreichen Mängeln, bei denen keiner mehr so recht weiß, welches Problem man ursprünglich wirklich lösen wollte.
    Diese Art von Entscheidungsfindung wird einer entwickelten Demokratie einfach nicht mehr gerecht. Das ist meines Erachtens auch der Grund, warum es so viel Protest gegen Stuttgart 21 gibt.
    Viele der Nachteile wie die Großbaustelle, den teilweise abgerissenen, denkmalgeschützten Bahnhof, die beeinträchtigten Parkanlagen und sogar die enormen Kosten könnten gerechtfertigt sein. Das sind sie aber nur, wenn man damit wirklich auch schwerwiegende Probleme löst, Alternativen in betracht gezogen und Risiken vernünftig bewertet hat. Diesen Eindruck hat man aber als Beobachter schon recht lange nicht mehr und es wird immer noch bedenklicher.
    Dazu kommt dann noch die Erfahrung, die man in der Vergangenheit mit solchen intransparenten Planungen gemacht hat.

  5. ...aus dem Ruder gelaufenen Großprojekten in Deutschland braucht man wahrlich keine Gutachter um so etwas zu vorauszuahnen. Und ich lege noch eines drauf: der Bau wird 5 Jahre länger dauern als geplant, wenn er durchgezogen wird.

  6. Auch hier werden sich die berühmten sechs Projektphasen bewahrheiten:

    1. Begeisterung
    2. Ernüchterung
    3. Panik
    4. Suche nach den Schuldigen
    5. Bestrafung der Unschuldigen
    6. Auszeichnung der Nichtbeteiligten

  7. Komisch, wenn eine Handwerkerrechnung deutlich höher liegt als veranschlagt (Rechtsinformation der Handwerkskammer Trier: bis 20%), dann muss ich diese auch nicht akzeptieren. Natürlich läßt sich dieses Modell nicht 1:1 auf vom Bund geförderte Großbauprojekte übertragen, aber die Aussicht auf eine nicht unerhebliche Strafzahlung im Anschluss (wenn die Kosten nach Abschluss des Projekts um -sagen wir mal- 30% höher liegen als zuvor angegeben), sollte doch genügend Motivation geben, um die zu erwartenden Kosten den realen Größen gemäß abzuschätzen.
    Gruß

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    ausgegebenen Geldes in der Hälfte des Tunnels aufgehört würde.
    Strafzahlung hin oder her.

    Das hier ist eine sehr informative Seite
    http://www.kopfbahnhof-21...

    ..Sie vergessen aber, daß es bei diesen Bauherren keinen gibt, der das aus seiner eigenen Tasche bezahlen muss.
    Es sind ja die blöden Steuerzahler, die hier letzendlich zur Kasse gebeten werden. das einzige, was diese Bauherren tun müssen, ist nach Argumenten suchen, warum es teurer wurde. Und da haben sie stramme 10 Jahre Zeit dazu.
    Tut mir leid, ich finde dieses Politiker..... widerlich.

    • btmmuc
    • 09.09.2010 um 9:53 Uhr

    Liebe LudmillaK, wenn Sie einen Handwerker beauftragen, geben Sie aus eigenem Interesse ganz genau an, welche Arbeiten Sie von ihm erwarten, dann wissen Sie vorab wieviel es kosten wird. Das macht der Staat anders, er gibt nur etwa 50 % der erwarteten Leistungen und diese noch vage, an. Dann kann er dem Wähler einen günstigen Preis suggerieren. Nach Aufnahme der Arbeiten stellen die Handwerker dann fest, es muss ja viel mehr gemacht werden und dann wird eben alles doppelt so teuer. So geht das schon seit Jahrezehnten unter allen Regierungen, solange diese in der Verantwortung stehen. Wenn sie in der Opposition sind, prangern sie die an. Das nennt man in Deutschland "verantwortungsvolle" Politik.

    ausgegebenen Geldes in der Hälfte des Tunnels aufgehört würde.
    Strafzahlung hin oder her.

    Das hier ist eine sehr informative Seite
    http://www.kopfbahnhof-21...

    ..Sie vergessen aber, daß es bei diesen Bauherren keinen gibt, der das aus seiner eigenen Tasche bezahlen muss.
    Es sind ja die blöden Steuerzahler, die hier letzendlich zur Kasse gebeten werden. das einzige, was diese Bauherren tun müssen, ist nach Argumenten suchen, warum es teurer wurde. Und da haben sie stramme 10 Jahre Zeit dazu.
    Tut mir leid, ich finde dieses Politiker..... widerlich.

    • btmmuc
    • 09.09.2010 um 9:53 Uhr

    Liebe LudmillaK, wenn Sie einen Handwerker beauftragen, geben Sie aus eigenem Interesse ganz genau an, welche Arbeiten Sie von ihm erwarten, dann wissen Sie vorab wieviel es kosten wird. Das macht der Staat anders, er gibt nur etwa 50 % der erwarteten Leistungen und diese noch vage, an. Dann kann er dem Wähler einen günstigen Preis suggerieren. Nach Aufnahme der Arbeiten stellen die Handwerker dann fest, es muss ja viel mehr gemacht werden und dann wird eben alles doppelt so teuer. So geht das schon seit Jahrezehnten unter allen Regierungen, solange diese in der Verantwortung stehen. Wenn sie in der Opposition sind, prangern sie die an. Das nennt man in Deutschland "verantwortungsvolle" Politik.

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