ZEIT ONLINE: Herr Vahrenholt, das Energiegutachten der Bundesregierung liegt seit Montag vor – was halten Sie davon?

Fritz Vahrenholt: Die Pläne sind sehr ambitioniert. Alle Szenarien haben ja zum Ziel, bis zu 50 Prozent der Energieversorgung und 80 Prozent der Stromversorgung auf erneuerbare Energien umzustellen. Sinnvoll ist sicherlich, dass die Institute auf Windenergie und nicht auf Solarstrom hierzulande setzen - schließlich ist Deutschland einfach kein Sonnenland. Was mir nicht gefällt, ist die 30-prozentige Abhängigkeit von Stromimporten. Zudem ignoriert das Gutachten die Notwendigkeit des Ausbaus von Stromspeichern in kaum vorstellbaren Maß, um den fluktuierenden Windstrom auszugleichen.

ZEIT ONLINE: Sie halten das für unrealistisch? 

Vahrenholt: Ja. Nehmen Sie Pumpspeicherkraftwerke, die Wasser bei Stromüberschuss auf ein höheres Niveau pumpen und bei Stromengpässen wieder ablassen, um dann eine Turbine anzutreiben. Ihr Ausbau muss jetzt erste Priorität haben. Da gibt es aber noch viele Probleme, nicht nur bei der Frage der Geographie, sondern auch der Akzeptanz. RWE gehört zu den wenigen Unternehmen, die auch Pumpspeicherkraftwerke bauen, zurzeit etwa im Südschwarzwald. Da kann man besichtigen, wie groß die Akzeptanz für das Füllen eines Tals mit Wasser ist – nämlich sehr gering.

ZEIT ONLINE: In Skandinavien oder den Alpen gibt es dagegen noch ungenutztes Potenzial.

Vahrenholt: Potenzial ist nicht gleich Akzeptanz. Man muss die Schweizer fragen, die Österreicher, die Norweger, ob sie Teil ihres schönen Landes für die Speicherung deutschen Windstroms geben wollen. Das wird nicht einfach. Sicherlich bieten insbesondere Österreich und die Schweiz auch schon heute einen Teil ihrer Speicherkraftwerke an, aber wie viel mehr geht da noch? Und Norwegen? Die fragen sich doch auch, warum sie ihre Täler für uns fluten sollen. Das ist wirklich nicht trivial.

ZEIT ONLINE: 4, 12, 20 oder 28 Jahre: Hat eine Laufzeitverlängerungen tatsächlich Folgen auf Ihre Investitionsentscheidungen?

Vahrenholt: Natürlich! Man kann den Euro nur einmal ausgeben. Wenn man als RWE gezwungen ist, als Ersatz für die Kernkraftwerke Kohle- oder Gaskraftwerke zu bauen, dann steht dieses Geld nicht mehr für die erneuerbaren Energien zur Verfügung. Wir bräuchten diese Kraftwerke aber dann, um die Volatilität der erneuerbaren aufzufangen. Besser ist es, die Kernkraft als Brücke zu den erneuerbaren Energien zu nutzen. Schließlich ist sie unzweifelhaft der preiswerteste Energieträger in Deutschland. Windenergie ist etwa viermal so teuer in der Produktion, Solar sogar etwa sechzehnmal.

"Windanlagen werden auch abgeschrieben"

ZEIT ONLINE: Dafür wurde Atomstrom massiv subventioniert und hat ein ungelöstes Abfallproblem. Und die AKW sind abgeschrieben und verdienen jährlich Milliarden.

Vahrenholt: Abschreibung ist ja erst einmal nichts Schlechtes. Windanlagen werden auch abgeschrieben. Mit Kernkraftwerken wird Geld verdient, ja. Für mich war aber auch in meiner Zeit als Windkraftunternehmer immer klar: Wir muten mit unseren etwas teureren Windkraftanlagen der Gesellschaft etwas zu – können dies aber im Strommix durch die günstigere Kernkraft wieder auffangen. Und was die Endlagerung betrifft: Die Entsorgung hängt nicht von den Laufzeiten ab. Egal, wie viele Jahre Laufzeitverlängerung es werden, wir werden ein Endlager brauchen. Wichtig ist vor allem, die Energieversorgung CO2-arm zu gestalten und mit der Kernenergie haben wir dafür einen starken Trumpf in der Hand.

ZEIT ONLINE: Glaubt man dem Sachverständigenrat für Umweltfragen, dann blockiert Atomstrom den Ausbau der erneuerbaren Energien .

Vahrenholt: Wir können innerhalb einer Viertelstunde die Kernkraftwerke auf 50 Prozent herunter- und wieder hochfahren. Das macht RWE oft, um Windflauten auszugleichen und eine verlässliche Stromversorgung zu garantieren. Das kostet natürlich Geld, aber Ökostrom hat laut Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Deutschland einen Einspeisevorrang. Verzichtet man auf die Regelenergie der Kernkraftwerke, wird der Zubau der Windenergie erschwert, weil die Schwankungen in der Erzeugung nicht mehr so gut ausgeglichen werden können.

ZEIT ONLINE: Warum setzen Sie dabei nicht auf flexible und effiziente Gaskraftwerke?

Vahrenholt: Das tun wir ja auch. Bei einem Abschalten der Kernkraftwerke müsste dies aber in einem viel stärkeren Maß geschehen. Und dafür werden Sie keine Investoren finden, wenn die Gaskraftwerke im Jahr 2050, wie es die Energieszenarien vorsehen, keinen Beitrag zur Stromversorgung mehr leisten werden. Wir können uns doch bedanken, dass wir die Kernkraftwerke haben, die uns diese Regelaufgabe abnehmen.

ZEIT ONLINE: RWE Innogy kooperiert mit mehr als 25 Stadtwerken in der Ökostromfirma "GreenGecco". Die Stadtwerke sind massive Gegner einer Laufzeitverlängerung . Wie klappt da die Zusammenarbeit?

Vahrenholt: Die Kernkraftwerke dämpfen den Strompreis. Würden die Stadtwerke ihre Gas- und Kohlekraftwerkspläne realisieren, dann ginge er hoch. Ich bezweifele, dass dies volkswirtschaftlich gewünscht ist. Und natürlich ist es doch kein Widerspruch, wenn die Stadtwerke auch in regenerative Energien investieren – sie bekommen ihre Vergütung über das EEG. Da stehen sie in keiner Konkurrenz mit unseren Kernkraftwerken, bei denen der Preis an der Börse bestimmt wird. Über GreenGecco bieten wir den Stadtwerken an, sich an milliardenschweren Investitionen zu beteiligen.

ZEIT ONLINE: Das klingt ja fast altruistisch.

Vahrenholt: Natürlich haben wir auch ein Geschäftsinteresse. Jedes Projekt, an dem sich die Stadtwerke beteiligen, brauchen wir auch nur zur Hälfte zu bezahlen. Und so können wir statt einem gleich zwei Windparks finanzieren. Das entspricht dem Ziel von RWE Innogy, unter die ersten drei Unternehmen im Bereich Erneuerbarer in Europa zu kommen. Inzwischen sind wir schon auf Platz fünf.