Energiepolitik"Das Endlagerproblem hängt nicht von den Laufzeiten ab"

RWE-Manager Vahrenholt verteidigt die geplante Verlängerung der AKW-Laufzeiten. Im Interview sagt er, warum Atomstrom gut fürs Klima ist und als Brücke gebraucht wird. von 

ZEIT ONLINE: Herr Vahrenholt, das Energiegutachten der Bundesregierung liegt seit Montag vor – was halten Sie davon?

Fritz Vahrenholt: Die Pläne sind sehr ambitioniert. Alle Szenarien haben ja zum Ziel, bis zu 50 Prozent der Energieversorgung und 80 Prozent der Stromversorgung auf erneuerbare Energien umzustellen. Sinnvoll ist sicherlich, dass die Institute auf Windenergie und nicht auf Solarstrom hierzulande setzen - schließlich ist Deutschland einfach kein Sonnenland. Was mir nicht gefällt, ist die 30-prozentige Abhängigkeit von Stromimporten. Zudem ignoriert das Gutachten die Notwendigkeit des Ausbaus von Stromspeichern in kaum vorstellbaren Maß, um den fluktuierenden Windstrom auszugleichen.

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ZEIT ONLINE: Sie halten das für unrealistisch? 

Fritz Vahrenholt

leitet seit 2008 die Ökostromsparte des RWE-Konzerns. Der gebürtige Westfale gilt als undogmatisch: Er ist SPD-Mitglied, ausgesprochener Kernkraftbefürworter, arbeitete aber auch lange Zeit im Umweltbundesamt, saß im Vorstand der Shell AG und baute den Windanlagenhersteller Repower auf. In den 90er Jahren war der heute 61-Jährige Umweltsenator in Hamburg.

Vahrenholt: Ja. Nehmen Sie Pumpspeicherkraftwerke, die Wasser bei Stromüberschuss auf ein höheres Niveau pumpen und bei Stromengpässen wieder ablassen, um dann eine Turbine anzutreiben. Ihr Ausbau muss jetzt erste Priorität haben. Da gibt es aber noch viele Probleme, nicht nur bei der Frage der Geographie, sondern auch der Akzeptanz. RWE gehört zu den wenigen Unternehmen, die auch Pumpspeicherkraftwerke bauen, zurzeit etwa im Südschwarzwald. Da kann man besichtigen, wie groß die Akzeptanz für das Füllen eines Tals mit Wasser ist – nämlich sehr gering.

ZEIT ONLINE: In Skandinavien oder den Alpen gibt es dagegen noch ungenutztes Potenzial.

Vahrenholt: Potenzial ist nicht gleich Akzeptanz. Man muss die Schweizer fragen, die Österreicher, die Norweger, ob sie Teil ihres schönen Landes für die Speicherung deutschen Windstroms geben wollen. Das wird nicht einfach. Sicherlich bieten insbesondere Österreich und die Schweiz auch schon heute einen Teil ihrer Speicherkraftwerke an, aber wie viel mehr geht da noch? Und Norwegen? Die fragen sich doch auch, warum sie ihre Täler für uns fluten sollen. Das ist wirklich nicht trivial.

ZEIT ONLINE: 4, 12, 20 oder 28 Jahre: Hat eine Laufzeitverlängerungen tatsächlich Folgen auf Ihre Investitionsentscheidungen?

Vahrenholt: Natürlich! Man kann den Euro nur einmal ausgeben. Wenn man als RWE gezwungen ist, als Ersatz für die Kernkraftwerke Kohle- oder Gaskraftwerke zu bauen, dann steht dieses Geld nicht mehr für die erneuerbaren Energien zur Verfügung. Wir bräuchten diese Kraftwerke aber dann, um die Volatilität der erneuerbaren aufzufangen. Besser ist es, die Kernkraft als Brücke zu den erneuerbaren Energien zu nutzen. Schließlich ist sie unzweifelhaft der preiswerteste Energieträger in Deutschland. Windenergie ist etwa viermal so teuer in der Produktion, Solar sogar etwa sechzehnmal.

ZEIT ONLINE: Dafür wurde Atomstrom massiv subventioniert und hat ein ungelöstes Abfallproblem. Und die AKW sind abgeschrieben und verdienen jährlich Milliarden.

Vahrenholt: Abschreibung ist ja erst einmal nichts Schlechtes. Windanlagen werden auch abgeschrieben. Mit Kernkraftwerken wird Geld verdient, ja. Für mich war aber auch in meiner Zeit als Windkraftunternehmer immer klar: Wir muten mit unseren etwas teureren Windkraftanlagen der Gesellschaft etwas zu – können dies aber im Strommix durch die günstigere Kernkraft wieder auffangen. Und was die Endlagerung betrifft: Die Entsorgung hängt nicht von den Laufzeiten ab. Egal, wie viele Jahre Laufzeitverlängerung es werden, wir werden ein Endlager brauchen. Wichtig ist vor allem, die Energieversorgung CO2-arm zu gestalten und mit der Kernenergie haben wir dafür einen starken Trumpf in der Hand.

ZEIT ONLINE: Glaubt man dem Sachverständigenrat für Umweltfragen, dann blockiert Atomstrom den Ausbau der erneuerbaren Energien .

Vahrenholt: Wir können innerhalb einer Viertelstunde die Kernkraftwerke auf 50 Prozent herunter- und wieder hochfahren. Das macht RWE oft, um Windflauten auszugleichen und eine verlässliche Stromversorgung zu garantieren. Das kostet natürlich Geld, aber Ökostrom hat laut Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Deutschland einen Einspeisevorrang. Verzichtet man auf die Regelenergie der Kernkraftwerke, wird der Zubau der Windenergie erschwert, weil die Schwankungen in der Erzeugung nicht mehr so gut ausgeglichen werden können.

ZEIT ONLINE: Warum setzen Sie dabei nicht auf flexible und effiziente Gaskraftwerke?

Vahrenholt: Das tun wir ja auch. Bei einem Abschalten der Kernkraftwerke müsste dies aber in einem viel stärkeren Maß geschehen. Und dafür werden Sie keine Investoren finden, wenn die Gaskraftwerke im Jahr 2050, wie es die Energieszenarien vorsehen, keinen Beitrag zur Stromversorgung mehr leisten werden. Wir können uns doch bedanken, dass wir die Kernkraftwerke haben, die uns diese Regelaufgabe abnehmen.

ZEIT ONLINE: RWE Innogy kooperiert mit mehr als 25 Stadtwerken in der Ökostromfirma "GreenGecco". Die Stadtwerke sind massive Gegner einer Laufzeitverlängerung . Wie klappt da die Zusammenarbeit?

Vahrenholt: Die Kernkraftwerke dämpfen den Strompreis. Würden die Stadtwerke ihre Gas- und Kohlekraftwerkspläne realisieren, dann ginge er hoch. Ich bezweifele, dass dies volkswirtschaftlich gewünscht ist. Und natürlich ist es doch kein Widerspruch, wenn die Stadtwerke auch in regenerative Energien investieren – sie bekommen ihre Vergütung über das EEG. Da stehen sie in keiner Konkurrenz mit unseren Kernkraftwerken, bei denen der Preis an der Börse bestimmt wird. Über GreenGecco bieten wir den Stadtwerken an, sich an milliardenschweren Investitionen zu beteiligen.

ZEIT ONLINE: Das klingt ja fast altruistisch.

Vahrenholt: Natürlich haben wir auch ein Geschäftsinteresse. Jedes Projekt, an dem sich die Stadtwerke beteiligen, brauchen wir auch nur zur Hälfte zu bezahlen. Und so können wir statt einem gleich zwei Windparks finanzieren. Das entspricht dem Ziel von RWE Innogy, unter die ersten drei Unternehmen im Bereich Erneuerbarer in Europa zu kommen. Inzwischen sind wir schon auf Platz fünf.

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Leserkommentare
  1. 1. schön

    mal ein gutes und informatives Interview.
    Gerade die angesprochene nicht vorhandene Akzeptans ,
    man könnte auch Opferbereitschaft sagen läst stark daran
    zweifeln das wir 2050 soweit sind die gesamte Industrie und die Bevölkerung nur durch grünen Strom zu versorgen (Kohle & Gaskraftwerke sind nicht "grün").
    Zudem , wenn wir in den nächsten JAhren auf Elektrofahrzeuge umsteigen wollen , wird dies den Strom Bedarf Deutschlands noch mal in die Höhe treiben.

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    sie möchten sicherlich zwei oder drei fässchen atommüll im wohnzimmer lagern?
    das müssten sie nämlich tun, denn weder ich, noch herr Vahrenholt sind dazu bereit.

    ihr löblicher beitrag bezüglich akzeptanz und opferbereitschaft wird dann mit einer medaille honoriert werden.
    http://de.wikipedia.org/w...

  2. Die enge Verflechtung zwischen Politik ( besonders SPD) und Energiekonzernen ist in NRW besonders auffällig.
    Die Privatisierung der einstigen Staatskonzerne wurde von führenden SPD-Politikern forciert. Anschließend saßen sie mit dicken Verträgen in den privatisierten Konzernen und kassierten ab, währen der Bürger das Nachsehen hat.
    Es gibt keine teurere Energie als die Atomkraft, müssten die Kinzerne die Endlagerung etc. bezahlen.

  3. 3. schön

    sie möchten sicherlich zwei oder drei fässchen atommüll im wohnzimmer lagern?
    das müssten sie nämlich tun, denn weder ich, noch herr Vahrenholt sind dazu bereit.

    ihr löblicher beitrag bezüglich akzeptanz und opferbereitschaft wird dann mit einer medaille honoriert werden.
    http://de.wikipedia.org/w...

    Antwort auf "schön"
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    • PGMN
    • 01. September 2010 15:00 Uhr

    Zwar habe ich mich in Sachen Atompolitik zu einer Position genervter Apathie durchgerungen, aber das Argument "Wer für Atomkraft ist, muss den Müll in seinem Wohnzimmer lagern", ist schlicht Unsinn. Die logische Konsequenz dieser Forderung wäre nämlich, dass jeder Müll, auch der, den Atomkraftgegner produzieren, in irgendjemandes Wohnzimmer oder Vorgarten gelagert werden müsste. Dies aber widerspricht der Realität. Es werden Deponien angelegt und Verbrennungsanlagen gebaut. Auch gegen diese wird protestiert, doch nur im Falle der Endlagerstätte kann offenbar kein Kompromiss gefunden werden.

    Übrigens: Eine Endlagerstätte ist in jedem Fall nötig, da, auch bei sofortigem Atomausstieg, schon Müll existiert und dieser wird, egal welche Lösung gefunden wird, in Niemandes Wohnzimmer oder Vorgarten landen.

    Vorsorglich: Antworten auf diesen Kommentar, die sich nicht explizit mit entweder mit der Frage beschäftigen, wie das Endlagerproblem gelöst oder dass der Müll doch in Irgendjemandes Wohnzimmer gestellt werden muss oder soll, werden von mir nicht beachtet oder beantwortet werden. Es geht mir nicht um die Frage der Nutzung von Atomkraft im Allgemeinen, sondern nur um die Stichhaltigkeit dieses speziellen Arguments.

    Ok also lieber Gas- und Erdölkraftwerke als Brücke.
    (Naja für Klimawandel nicht förderlich)

    Aber stellen Sie sich dann die "Atommüll"-Fässer der Erdgas- und Erdölförderung in ihr Zimmer?

    Ich denke mal nicht...

    Selbst wenn wir kein einziges Atomkraftwerk gehabt hätten, so gäbe es trotzdem mehr als genug "Atommüll" der bspw. gelagert werden muss.

    Und außerdem verschwindet der bisher entstandene Atommüll ebenfalls nicht.

    Und genau dies ist ein wichtiger Punkt den er nennt.

    Selbst wenn heute alle Atommeiler abgeschaltet wären bräuchten wir trotzdem ein Endlager und es würde auch zukünftig "Atommüll" produziert.

    Wie gesagt produziert die Erdgaß- und Erdölförderung ebenfalls enorme Mengen radioaktiven-Mülles, für den eine Lösung gefunden werden muss.

    Oder sollen wir auch auf Medikamente und den Großteil der Kunststoffe verzichten?

    wenn ich ihre umgebung mit Windrädern und Erdwärme-Kraftwerken vollpflastern darf - sicher.

    davon abgesehen kann man sich hier solche dummen Kommentare "sie möchten sicherlich zwei oder drei fässchen atommüll im wohnzimmer lagern?" sparen.

    • Lyaran
    • 01. September 2010 13:36 Uhr

    Tja, so ist das. Es gibt eben Dinge die er als Manager von RWE nicht erwähnen darf.
    Dezentralisierung der Stromversorgung ist so ein Thema. Zwischen den Zeilen kommt es aber doch durch. Warum beteiligen die großen Unternehmen sich an Investitionen der Stadtwerke? Natürlich um an den vielen kleinen Erzeugern bei der einsetzenden Dezentralisierung mitzuverdienen.
    Und im Falle eines Vorfalls in einem Endlager (Asse?) hängen die entstehenden Kosten sehr wohl von der Menge des betroffenen Atommülls ab.
    Wenn also die Erzeugungskosten die Preise für die Endverbraucher bestimmen, warum sinkt der Strompreis dann nicht mit jedem weiteren Kraftwerk das abgeschrieben ist? Weil der Preis an der Börse entsteht und selbst wenn nicht sich die Betreiber davor hüten würden die günstigere Herstellung an die Verbraucher weiterzugeben.

    Vieles was in diesem Interviw nicht zur Sprache kommt.

  4. Aha...Die Leute leisten also Widerstand gegen einen Stausee. Aber ein Endlager für Strahlemüll wird dann kommentarlos hingenommen? Man kann ja an Seehofers Pirouetten sehen, wo das hinführt. Gezieltes Weglassen sorgt nicht für Klarheit. Ausserdem gibt es noch andere Wege Strom zu speichern (bsw. Kritallspeicher), die nur geringe Probleme hervorrufen. Natürlich sind die nicht so billig zu haben.

    Insgesamt hätte ich mir ein längeres Interview mit mehr Fragen (Atomlagerkosten, Atomtransportkosten, Kosten von Speicher- und Transporttechnologie für Strom und Wärme etc.) gewünscht. So entsteht leider wieder der Eindruck eines kurzen Werbeinterviews der Atomlobby.

    Aber ich bin froh, dass in der ZEIT immer Platz für alle Meinungen ist. Das möchte ich mal lobend erwähnen.

  5. hätte stellen können.

    Warum werden so Sätze wie " Schließlich ist sie unzweifelhaft der preiswerteste Energieträger in Deutschland" völlig ignoriert, sodass der Leser den Eindruck bekommt, dies wäre richtig. Normalerweise hätte ein gut vorbereiteter Journalist da mal mit den korrekten Zahlen und Fakten um sich geworfen.

    Warum wurde nicht nach der offensichtlichen Verzahnung von Politik und Wirtschaft gefragt.

    Wieso wurde das Problem Endlagerstätte so dezent ausgeklammert.

    Welche Ansätze zur Dezentralisierung bieten die Stromkonzenre bzw. wie sieht es mit der tatsächlichen Öffnung des Marktes aus.

    Stattdessen ein paar brave Fragen, die mal wieder mit Unwahrheiten beantwortet wurden. Schade um die ZEIT.

  6. Der Herr Vahrenholt, ist wie sein Chef Großmann entweder uninformiert
    oder Meister der Desinformation.

    Es gibt längst Techniken Windstrom zu Elektrolyse und zu Gasgewinnung heranzuziehen und das so gewonnen Gas im deutschen Gasnetz beizumischen (bis zu 5% H2- Oder mehr als Methan).

    "Während das deutsche Stromnetz mit 0,07 Terawattstunden über praktisch keine Speicherkapazität verfügt, sind in es in den Gas-Röhren und -Lagern rund 200 Terawattstunden." G. Waldstein

    Diese Kapazität entspreche etwa dem Erdgas-Verbrauch von drei Monaten.
    http://www.strom-magazin....

    Herr Großmann spricht ebenso von sauberer Luft,
    sitzt aber im Aufsichtsrat von British Tobacco - wie geht das zusammen?

    Klar der Klimawandel kommt den Herrn sehr entgegen,-
    können Sie doch die Co2 Karte spielen.

    Nur in Sachen Umweltschutz erkenne ich bei diese Herren leider überhaupt keine Ambitionen.

    Ihnen geht es anscheinend nur ums Geschäft , und das ist beim Windstrom leider nicht so einträglich wie im Atomstrom, deswegen legen die Herren ja bei Alpha Ventus den Rückwärtsgang ein!

    Am besten: ANBIETER WECHSELN - ATOMAUSSTIEG SELBERMACHEN!!

  7. Was der Raffzahn von RWE da von sich gibt ist schlicht und ergreifend gelogen - sonst hätte er auch mal erwähnen müssen, wie die vier Stromkonzerne die Börse in Leipzig gezielt manipulieren und so die Strompreise künstlich hoch halten - und wo wir schon mal dabei sind, warum wird diese Strombörse nicht verstaatlicht und Preisabsprachen mit einem ganzen Heer von Beamten kontrolliert?
    Ach ja, das liegt daran, dass auch ich an einer querulatorischen Paranoia leide - oder wie heißt es noch gleich, wenn ein Beamter seinen Beruf ernst nimmt?

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    Trifft es am besten.
    Das ist der Sinn seines Handelns. Das Gequake, das Inhalte vorgeben soll, ist nur Manipulation.

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