Wenn die Wirtschaft boome, seien auch "kräftige Lohnerhöhungen" möglich, sagte Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) in einem Interview. Brüderle machte zwar deutlich, dass allein die Tarifpartner über die Höhe der Löhne entschieden und die Politik sich nicht einmischen solle, nannte aber die Stahlindustrie als Vorbild .

Dort hatten die Tarifverhandlungen in der vergangenen Woche in einen vergleichsweise hohen Abschluss gemündet. Die 85.000 Beschäftigten in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bremen bekommen von Oktober an 3,6 Prozent mehr Gehalt. "Der Abschluss in der Stahlbranche hat gezeigt, dass ein fairer Ausgleich möglich ist, an dem sich vielleicht andere Branchen orientieren könnten", sagte Brüderle.

Die Arbeitgeber wiesen die Forderung zurück. Das Tarifergebnis für die Stahlindustrie könne "auf keinen Fall" Maßstab für andere Bereiche sein, sagte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. Die Unternehmen der meisten Branchen erlebten zwar derzeit einen erfreulichen wirtschaftlichen Aufschwung, es seien jedoch noch lange nicht alle Folgen der Krise überwunden.

Zudem hatten sich IG Metall und Stahlarbeitgeber darauf geeinigt, dass Festangestellte und Leiharbeiter künftig den gleichen Lohn bekommen. Im Gespräch mit ZEIT ONLINE sagte Ver.di-Chef Frank Bsirske, der Gesetzgeber solle die Einigung auf gleichen Lohn für Zeit- und Festangestellte auch auf andere Branchen zu übertragen. Jedoch sei das mit der schwarz-gelben Koalition offensichtlich nicht möglich. "Das sind zum großen Teil Leute, die immer noch glauben, alles werde besser, wenn der Arbeitsmarkt immer flexibler und die Beschäftigung immer prekärer wird", sagte Bsirske.

Brüderle sagte auch, seine Partei halte an den Forderungen nach Steuersenkungen fest. Er gehe davon aus, dass die Koalition noch in dieser Legislaturperiode Entlastungen beschließen werde. Zeitpunkt und Umfang hingen allerdings von der wirtschaftlichen Entwicklung und den Fortschritten bei der Konsolidierung des Haushaltes ab, räumte er ein.

Der Wirtschaftsminister deutete auch an, dass die Regierung ihre Wachstumsprognose annähernd verdoppeln werde. "Die wirtschaftliche Entwicklung ist erfreulicherweise viel kräftiger und viel nachhaltiger, als es im Frühjahr den Anschein hatte. Damals haben wir 1,4 Prozent Wachstum vorhergesagt", so Brüderle. "Eines kann ich bereits mit Sicherheit sagen: Es wird mindestens eine Zwei mit einer hohen Zahl nach dem Komma sein." Einen genauen Wert könne er noch nicht nennen, doch habe Deutschland beste Chancen, wirtschaftlich auch längerfristig einen guten Weg zu gehen. "Wir sind die Konjunkturlokomotive für ganz Europa", sagte der stellvertretende FDP-Vorsitzende.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) sieht die deutsche Wirtschaft in einer ähnlich kräftigen Wachstumsphase . In ihrer in Washington vorgestellten Prognose für die Weltkonjunktur sagen die IWF-Experten für dieses Jahr ein Wachstum von 3,3 Prozent für Deutschland voraus. Für 2011 rechnen sie mit 2,0 Prozent.

Trotz wirtschaftlichen Aufschwungs konnten die deutschen Arbeitnehmer seit Jahresanfang kaum von nachhaltigen Lohnerhöhungen profitieren. "Viele Tarifneuabschlüsse im ersten Halbjahr sahen überwiegend Einmalzahlungen vor, die bei zukünftigen Erhöhungen nicht berücksichtigt werden", teilte das Statistische Bundesamt im September mit.

In keinem anderen EU-Staat stiegen die Verdienste im zurückliegenden Jahrzehnt so langsam wie in Deutschland. Die Bruttolöhne und -gehälter in der privaten Wirtschaft erhöhten sich von Anfang 2000 bis zum ersten Quartal 2010 im Schnitt um 21,8 Prozent. EU-weit legten sie um 35,5 Prozent zu.