Eine Hausversteigerung in Rosemont, Illinois © Scott Olson/Getty Images

Wenn es in den USA an der Haustür klingelt, dann platzt häufig der amerikanische Traum. Zwangsvollstrecker gehören in vielen Wohnsiedlungen zwischen West- und Ostküste mittlerweile genauso zum Bild wie Briefträger und Eisverkäufer. Hunderttausende Amerikaner verlieren jeden Monat ihr Haus, weil sie ihre Raten nicht mehr zahlen können. Die Meisten ziehen dann in eine Wohnung zur Miete, die weniger Glücklichen landen in längst überfüllten Obdachlosenheimen.

Als Bill Wheeler gehen sollte, beschloss er zu kämpfen. Ein Unternehmen, von dem er noch nie etwas gehört hatte, wollte sein Haus haben. Das konnte nicht sein. Mit einem Anwalt ging Wheeler, der in Florida wohnt, gegen die Forderung vor. Wheeler gewann den Fall vor Gericht, nur um mit ansehen zu müssen, wie Monate später eine andere Gesellschaft an ihn herantrat. Auch diese wollte sein Haus. "Selbst wenn ich im Lotto gewinne und meine Hypothek abzahlen könnte, wüsste ich nicht, wem das Geld nun zusteht", sagt Wheeler.

Der Mann ist nicht der Einzige, der den Überblick verloren hat. Heerscharen von Bankern und Anwälten geht es genauso. Dass es so weit gekommen ist, hat viel mit MERS (Mortgage Electronic Registration Systems) zu tun. Hinter dem Kürzel verbirgt sich eine von der US-Finanzindustrie geschaffene Agentur, die eine Art elektronisches Grundbuch führt. MERS speichert die Hypotheken ab, die auf einem Haus lasten, und vor allem, wem die Hypotheken gehören. Ohne die Datenbank wäre das wilde Weiterverkaufen von Krediten im Vorfeld der Finanzkrise kaum möglich gewesen.

Nun steht MERS im Mittelpunkt einer Affäre, die zum landesweiten Stopp aller Zwangsräumungen führen könnte. Denn der Einfachheit halber haben die Banken MERS formal zum Gläubiger der jeweiligen Hypothek gemacht, auch wenn die Zinszahlungen ganz woanders hinfließen. MERS leitete in den vergangenen Jahren unzählige Zwangsversteigerungen ein. Ob die Agentur dazu überhaupt befugt war, daran gibt es Zweifel. Bereits in vier Bundesstaaten haben Richter geurteilt, dass MERS keine Zwangsversteigerungen durchsetzen darf, weil sie nicht der eigentliche Gläubiger sei.

Die Bank of America hat bereits in einem spektakulären Schritt landesweit alle Zwangsvollstreckungen ausgesetzt. Dass die größte US-Bank nicht immer wusste, was sie tut, zeigt auch ein weiterer Fall aus Florida: Das Institut setzte eine Zwangsvollstreckung gegen einen Hausbesitzer durch – der Betroffene hatte allerdings nie ein Darlehen aufgenommen. Bei einer anderen Gelegenheit ließ das Institut bereits die Schlösser eines Eigenheimes austauschen. Später mussten die Banker einräumen, dass die Bewohner niemals auch nur eine einzige Rate schuldig geblieben waren. Auch JP Morgan und der Hypothekenfinanzierer GMAC Mortgage stoppten in 23 Staaten die Zwangsversteigerungen. GMAC musste zugeben, in zahlreichen Fällen das Anrecht auf ein Haus nicht nachweisen zu können.

Nancy Pelosi, die mächtige Mehrheitsführerin der Demokraten im Repräsentantenhaus, forderte am Dienstag eine Untersuchung der Fälle durch das Justizministerium. "Es ist Zeit die Banken zur Rechenschaft zu ziehen", sagte Pelosi. "Die Ausreden der Finanzindustrie sind einfach nicht glaubwürdig." Insgesamt 40 Bundesstaaten wollen nun Ermittlungen einleiten.