Zwangsversteigerungen : Häuserkampf in den USA

US-Banken stoppen die Zwangsversteigerungen von überschuldeten Eigenheimen – wegen Zweifeln an der Rechtmäßigkeit. Das stürzt Barack Obama in ein Dilemma.
Eine Hausversteigerung in Rosemont, Illinois © Scott Olson/Getty Images

Wenn es in den USA an der Haustür klingelt, dann platzt häufig der amerikanische Traum. Zwangsvollstrecker gehören in vielen Wohnsiedlungen zwischen West- und Ostküste mittlerweile genauso zum Bild wie Briefträger und Eisverkäufer. Hunderttausende Amerikaner verlieren jeden Monat ihr Haus, weil sie ihre Raten nicht mehr zahlen können. Die Meisten ziehen dann in eine Wohnung zur Miete, die weniger Glücklichen landen in längst überfüllten Obdachlosenheimen.

Als Bill Wheeler gehen sollte, beschloss er zu kämpfen. Ein Unternehmen, von dem er noch nie etwas gehört hatte, wollte sein Haus haben. Das konnte nicht sein. Mit einem Anwalt ging Wheeler, der in Florida wohnt, gegen die Forderung vor. Wheeler gewann den Fall vor Gericht, nur um mit ansehen zu müssen, wie Monate später eine andere Gesellschaft an ihn herantrat. Auch diese wollte sein Haus. "Selbst wenn ich im Lotto gewinne und meine Hypothek abzahlen könnte, wüsste ich nicht, wem das Geld nun zusteht", sagt Wheeler.

Der Mann ist nicht der Einzige, der den Überblick verloren hat. Heerscharen von Bankern und Anwälten geht es genauso. Dass es so weit gekommen ist, hat viel mit MERS (Mortgage Electronic Registration Systems) zu tun. Hinter dem Kürzel verbirgt sich eine von der US-Finanzindustrie geschaffene Agentur, die eine Art elektronisches Grundbuch führt. MERS speichert die Hypotheken ab, die auf einem Haus lasten, und vor allem, wem die Hypotheken gehören. Ohne die Datenbank wäre das wilde Weiterverkaufen von Krediten im Vorfeld der Finanzkrise kaum möglich gewesen.

Nun steht MERS im Mittelpunkt einer Affäre, die zum landesweiten Stopp aller Zwangsräumungen führen könnte. Denn der Einfachheit halber haben die Banken MERS formal zum Gläubiger der jeweiligen Hypothek gemacht, auch wenn die Zinszahlungen ganz woanders hinfließen. MERS leitete in den vergangenen Jahren unzählige Zwangsversteigerungen ein. Ob die Agentur dazu überhaupt befugt war, daran gibt es Zweifel. Bereits in vier Bundesstaaten haben Richter geurteilt, dass MERS keine Zwangsversteigerungen durchsetzen darf, weil sie nicht der eigentliche Gläubiger sei.

Die Bank of America hat bereits in einem spektakulären Schritt landesweit alle Zwangsvollstreckungen ausgesetzt. Dass die größte US-Bank nicht immer wusste, was sie tut, zeigt auch ein weiterer Fall aus Florida: Das Institut setzte eine Zwangsvollstreckung gegen einen Hausbesitzer durch – der Betroffene hatte allerdings nie ein Darlehen aufgenommen. Bei einer anderen Gelegenheit ließ das Institut bereits die Schlösser eines Eigenheimes austauschen. Später mussten die Banker einräumen, dass die Bewohner niemals auch nur eine einzige Rate schuldig geblieben waren. Auch JP Morgan und der Hypothekenfinanzierer GMAC Mortgage stoppten in 23 Staaten die Zwangsversteigerungen. GMAC musste zugeben, in zahlreichen Fällen das Anrecht auf ein Haus nicht nachweisen zu können.

Nancy Pelosi, die mächtige Mehrheitsführerin der Demokraten im Repräsentantenhaus, forderte am Dienstag eine Untersuchung der Fälle durch das Justizministerium. "Es ist Zeit die Banken zur Rechenschaft zu ziehen", sagte Pelosi. "Die Ausreden der Finanzindustrie sind einfach nicht glaubwürdig." Insgesamt 40 Bundesstaaten wollen nun Ermittlungen einleiten. 

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Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Herbeigeredetes "Dilemma" für Obama

Ich sehe kein Dilemma für Obama. Wenn die Zwangsversteigerungen unrechtmäßig sind, muss er sie stoppen, so wie er es, richtigerweise, getan hat.
Es ist vielmehr eine Chance, den Bankern endlich mal die Rechnung für ihre dubiosen Geschäfte zu präsentieren, so dass es vielleicht endlich mal ein paar Gierhälse in den Vorständen erwischt, die bekanntlich, nachdem der Staat all ihre Rechnungen gezahlt hatte, wieder drauf und dran sind, sich mit Boni die eigenen Taschen vollzustopfen.
Es wäre an der Zeit ein paar Privatvermögen von Vorständen zu pfänden und damit die nicht möglichen Zwangsvollstreckungen auszugleichen.

Amerika steht vor der Zwangsräumung…

Zitat aus Artikel: „Amerikaner, die über ihre Verhältnisse gelebt haben, müssen früher oder später wegen der ausbleibenden Tilgung ihrer Kredite ohnehin ausziehen. Je schneller die Phase der massenhaften Zwangsvollstreckungen zu Ende geht, desto eher könnte es zu einer Erholung auf dem Immobilienmarkt kommen.„

Gilt dies nur für Privatleute? Oder auch für ganze Staaten? Jetzt einfach die Schuld auf den Bürger abzuwälzen ist ja schon blasphemisch. Da sollte der oberste Hausherr Obama doch mal seinen Haushalt nebst Schuldenberg durchleuchten.

http://qpress.de/2010/09/...

Kommen jetzt die Chinesen nach Amerika zur Zwangsräumung des Landstrichs? Wenn man der amerikanischen Logik folgt, dann müsste es ja so kommen … ohne Gegenwehr. Ich denke auch dass die Titulierungen der Chinesen etwas rechtssicherer sind als das verpfuschte Hypotheken-Dealer-System welches sich in Amerika die Bankenmafia ersonnen hat.

Aber wie es im Artikel schon anklang. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, nur die Umverteilung von unten nach oben wird für einen Moment verzögert.

Ich stelle mir gerade bildlich vor, wie am Ende der Geschichte 75% der Amerikaner gegenüber ihren ehemaligen Wohnstätten in Zelten hausen, die Immobilien selbst nicht loszuschlagen sind weil es keine solventen Nutzer/Käufer mehr gibt. Die Foodstamp Bezieher die jetzt rund 40 Mio. Nasen zählen irgendwann 120 Mio. sein werden. Wo ist das Ende? Und kann so ein System tatsächlich überleben? Ich glaube kaum.