Sollte sich das Vorgehen von MERS landesweit als illegal erweisen, müssten möglicherweise auch alte Verfahren neu aufgerollt werden. Das könnte die Bankenwelt erneut erschüttern. Doch es geht nicht nur um MERS allein. Banken und Hypothekengesellschaften sollen es in einigen Fällen nicht nur versäumt haben, alle für eine Zwangsvollstreckung rechtlich notwendigen Dokumente vorzulegen. Teilweise, so die Vorwürfe, wurden Unterschriften gefälscht, um die Sache zu beschleunigen.

Im US-Immobilienrecht sind Dokumente auf Papier in vielen Fällen vorgeschrieben. Mit der elektronischen Speicherung bei MERS haben die Banken den Handel der Kredite untereinander zwar erleichtert, aber möglicherweise einige Abkürzungen zu viel genommen. "Das Problem ist tatsächlich, herauszufinden, wem die Hypothek nun gehört", sagte Juraprofessor Adam Levitin von der Georgetown-Universität, "denn nur der Besitzer hat auch ein Recht auf die Zwangsvollstreckung".

Für Barack Obama kommt die neue Krise am Häusermarkt zur Unzeit. Ein generelles Moratorium für Zwangsvollstreckungen wird gerade zu einer Lieblingsforderung seiner wahlkämpfenden Demokraten. Harry Reid, der mächtige Mehrheitsführer der Demokraten im Senat, kämpft beispielsweise für einen Stopp – und seine Wiederwahl in Nevada, dem Bundesstaat mit der höchsten Zahl an Zwangsräumungen.

Doch das Weiße Haus sähe es lieber, wenn die Zwangsversteigerungen weitergehen, damit der US-Immobilienmarkt nach und nach wieder auf die Beine kommt. Die Regierung fürchtet, dass ein Moratorium nur einen schmerzhaften, aber notwendigen Heilungsprozess verschleppen würde: Amerikaner, die über ihre Verhältnisse gelebt haben, müssen früher oder später wegen der ausbleibenden Tilgung ihrer Kredite ohnehin ausziehen. Je schneller die Phase der massenhaften Zwangsvollstreckungen zu Ende geht, desto eher könnte es zu einer Erholung auf dem Immobilienmarkt kommen.

Wie nach der Finanzkrise steht Obama nun zwischen dem Volkszorn und der Wall Street. Der Präsident bewegt sich dabei auf einem schmalen Grad. So legte Obama vergangene Woche ein Veto gegen ein Gesetz ein, das es Banken erleichtert hätte, mit den Zwangsvollstreckungen weiter zu machen. Die Begründung: Die Gefahr von fehlerhaften Verfahren könnte steigen. Zugleich muss sich der Präsident aber auch um das Wohl der verstaatlichen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac sorgen. Ein Stopp der Räumungen und damit auch der Verkäufe der Immobilien könnte neue Milliardenlöcher reißen.

Obama möchte Zwangsvollstreckungen nicht erleichtern, aber auch nicht verhindern – das ist eine recht komplizierte Botschaft mitten im Wahlkampf.