Die Weltbank spricht in ihrem jüngsten Report über groß angelegten Landerwerb von einer "Wiederentdeckung der Agrarwirtschaft". Die spanische Nichtregierungsorganisation Grain, die 2008 den ersten Bericht über das Phänomen veröffentlichte, spricht schlicht von "Landraub". Es geht um die großen Landkäufe, die seit der Nahrungsmittelkrise 2008 sprunghaft zugenommen haben, vor allem in Afrika südlich der Sahara.

Mindestens ein Präsident ist über ein solches Geschäft bereits gestürzt: 2009 hat der Ex-DJ und frühere Bürgermeister der madegassischen Hauptstadt Antananarivo, Andry Rajoelina, den 2006 mit großer Mehrheit wiedergewählten Präsidenten und Großunternehmer Marc Ravalomanana gestürzt. Den letzten Ausschlag für die Revolte dürfte ein Landgeschäft gegeben haben, das Ravalomanana mit dem südkoreanischen Konzern Daewoo abschließen wollte. Daewoo wollte auf 1,3 Millionen Hektar auf Madagaskar Nahrungsmittel und Palmöl produzieren, und das Land für 99 Jahre pachten. Rajoelina machte dieses Geschäft als eine seiner ersten Amtshandlungen rückgängig. Die politische Krise auf Madagaskar ist allerdings bis heute ungelöst.

Inzwischen ist eine Reihe von Studien zum Thema erschienen, die aber daran kranken, dass die Landgeschäfte undurchsichtig und oft geheim sind. Die Weltbank hat 463 Projekte in einem Umfang von 46,6 Millionen Hektar Land ermittelt. In Äthiopien sind nach Weltbank-Angaben 406 große Landkäufe getätigt worden, die knapp 1,2 Millionen Hektar betreffen. Berhanu Nega, ein äthiopischer Oppositionspolitiker, sagte dem Tagesspiegel, die meisten dieser Geschäfte fänden in entfernten Provinzen statt wie etwa Afar an der Grenze zu Eritrea oder Oromo an der Grenze zu Kenia. Nega war bei der Wahl 2005 zum Bürgermeister der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba gewählt und dann mit der gesamten Opposition ins Gefängnis gesteckt worden. 2007 kam er frei und ging in die USA. Er sagt, in einem Land, in dem die von einer Familie im Durchschnitt bewirtschaftete Fläche im Jahr 2001 gerade mal 0,98 Hektar betragen hat, und in dem wieder Millionen Menschen von Hunger bedroht sind, seien solche Landgeschäfte geradezu obszön.

Die umfangreichsten großen Landgeschäfte finden jedoch im Sudan statt. Rund 132 Projekte mit einem Umfang von knapp vier Millionen Hektar hat die Weltbank dort ermittelt. Sie berichtet zwar von knapp 80 Prozent einheimischen Investoren. Doch die Deals, die in der Bevölkerung die größte Skepsis ausgelöst haben, dürften die mit Ägypten sein. Das Nachbarland verfügt nur über geringe bewirtschaftbare Landflächen, doch die Bevölkerung wächst rasant. Um die Nahrungsmittelversorgung zu gewährleisten, lässt Ägypten inzwischen im großen Stil Lebensmittel im Sudan produzieren. Ägypten gehörte 2008 zu den Ländern, in denen es zu Hungerrevolten gekommen war, weil die Nahrungsmittelpreise in kurzer Zeit dramatisch gestiegen waren.

Das Land mit dem höchsten Anteil ausländischer Investoren dürfte das westafrikanische Liberia sein, das noch immer unter den Folgen eines jahrzehntelangen Bürgerkriegs leidet. Dort gibt es zwar nur 17 groß angelegte Landprojekte, diese jedoch umfassen 1,6 Millionen Hektar. Nur sieben Prozent der Investoren kommen aus Liberia. Auch dort sind die Landdeals ein Unruhefaktor, der der Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf, die sich im kommenden Jahr um eine Wiederwahl bemüht, politisch gefährlich werden könnten. In Mosambik im Süden Afrikas dienen die meisten großen Landübernahmen dem Ziel, Agrartreibstoffe zu produzieren. Dort kommt nach Weltbankangaben etwa die Hälfte der Investoren aus dem Ausland.

Was viele der Investitionen jedoch verbindet, ist die Erfahrung der lokalen Bevölkerungen, dass sie von ihrem Land vertrieben werden. In den wenigsten afrikanischen Ländern existieren belastbare Grundbücher. Wenn es überhaupt Landtitel gibt, dann passiert es oft genug, dass ein und dieselbe Parzelle zwei oder mehr Besitzer hat. Die Argumente, endlich werde wieder ins Land investiert, effizient produziert, und es würden auch noch Arbeitsplätze geschaffen, werden zwar von den Regierungen vorgetragen, die solche Landgeschäfte abschließen. Doch die Kleinbauern verlieren in der Regel mit dem Land auch ihre Existenz. Das gilt in besonderem Maße für chinesische Landkäufe. Denn wie bei den industriellen Investitionen auch bringen die chinesischen Landkäufer die Bauern zur Bewirtschaftung meistens gleich mit. Einheimische Arbeiter erhalten eher selten Jobs.

Die meisten Investoren in Afrika, aber auch Südostasien und Lateinamerika kommen aus China, Saudi-Arabien und Großbritannien. Chinesische und saudi-arabische Investoren wollen meist Lebensmittel und manchmal auch Agrartreibstoffe anbauen und nach Hause exportieren. Im Falle von Großbritannien geht es eher um Investmentsfonds, die aus spekulativen Gründen Land kaufen, um es bei steigenden Preisen weiterzuverkaufen.

In Las Pavas, einem Dorf in Kolumbien, sind die Kleinbauern von einem einheimischen Agrarkonzern vertrieben worden. Daabon, einer der großen Palmölproduzenten Kolumbiens, beliefert auch Unternehmen wie den Kosmetikkonzern Body Shop oder die Naturkosthersteller Allnatura oder Rapunzel. Im vergangenen Jahr sind die inzwischen wieder landlosen Kleinbauern vertrieben worden. Eine Bäuerin berichtet: "Sie kamen um zehn Uhr früh mit 200 Soldaten, Baggern und Planierraupen. Innerhalb kürzester Zeit haben sie alles zerstört. Wir durften nicht einmal unsere Kleider oder Möbel mitnehmen. Die gesamte Ernte ist verloren." Die Kleinbauern hatten sich das Land angeeignet, das dem berühmtesten kolumbianischen Drogenboss, Pablo Escobar, gehört hatte. Das Land verwahrloste nach dem Niedergang des Drogenkartells und 1997 siedelten sich 200 landlose Bauern dort an. Rund 3000 Hektar haben sie nach dem Vorbild ihrer Großväter, denen das Land einst gehört hatte, bewirtschaftet. Ihr Versuch, einen legalen Landtitel für den Grund und Boden zu bekommen, scheiterte an den Behörden, die Akten "verloren". Obwohl die Bauern alles verloren haben, harren sie aus. Body Shop, Allnatura und Rapunzel überprüfen nach eigenen Angaben derzeit den Fall. Auch der UN-Menschenrechtsrat ist aktiv geworden. Hilfe bekommen die Bauern derzeit nur von ein paar Menschenrechtsorganisationen.

(Zuerst erschienen im Tagesspiegel)