Die Propheten waren sich noch am Wochenende einig: Diesmal würde einer der großen Krisenökonomen den Wirtschaftsnobelpreis gewinnen. Ein Robert J. Shiller , der in Yale ein humaneres Bild des Homo oeconomicus entwirft. Oder ein Kenneth Rogoff, der durch die Geschichte reiste, um Finanzkrisen zu verstehen, und daraus eine faszinierende Theorie entwickelte. Stattdessen verlas das Stockholmer Komitee am Montag drei Namen, mit denen die wenigsten Außenstehenden gerechnet hatten: Die Amerikaner Peter A. Diamond und Dale T. Mortensen, sowie der Brite Christopher A. Pissarides gewinnen den diesjährigen Nobelpreis für Ökonomie.

Überraschend ist die Wahl nur auf den ersten Blick. Das Forschertrio gilt schon seit Langem als Favorit auf den Nobel-Gedenkpreis der Schwedischen Reichsbank, der seit 1969 vergeben wird. Zugleich passt ihr Thema in die Zeit: Alle drei erforschen, wie Arbeitsmärkte funktionieren und wie der Staat sie beeinflussen kann. In einer Zeit, in der vor allem in den USA die Arbeitslosigkeit nach oben schnellt , ist die Wahl der Jury auch ein politisches Signal: Das große Thema der kommenden Jahre wird die um sich greifende Jobkrise sein, eine lange Periode dauerhafter Arbeitslosigkeit, der die Regierungen in Washington, Madrid und Paris begegnen müssen.

"Vieles von unseren Theorien bewahrheit sich im Moment mit Blick auf den Arbeitsmarkt", sagte Mortensen in einem kurzen Telefonat mit ZEIT ONLINE nach der Preisvergabe. "Fast wie in einem riesigen ökonomischen Experiment – nur mit realen Konsequenzen." Die drei Forscher haben in dieser Lage durchaus Ratschläge bereit. Nicht immer sind sie politisch bequem.

Diamond, emeritierter Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT), erkannte als erster Anfang der siebziger Jahre, dass es Märkte gibt, die anders als andere funktionieren: sogenannte Suchmärkte. Glaubte man der bis dahin herrschenden Lehre, müssten Angebot und Nachfrage jederzeit zueinanderfinden. Zumindest dann, wenn die Marktteilnehmer über alle Informationen verfügen.

Aber ist es in Wirklichkeit nicht ganz anders? Ein Immobilienhändler weiß schließlich nicht, ob seine Kunden solvent sind. Er wird solange suchen, bis er halbwegs sicher sein kann, ein gefahrloses Geschäft zu machen. Bis dahin steht das Haus im Zweifel leer. Ähnlich ist es auf dem Arbeitsmarkt: Wer einen neuen Job sucht, benötigt Zeit, Geld und Energie, um sich über die Stellen zu informieren, die frei sind und ihn interessieren. Und ein Chef wird sich sicherer sein, einen guten Mitarbeiter gefunden zu haben, wenn er ein paar Bewerber verglichen hat. Solange bleibt die Stelle unbesetzt.

Aus diesem Grundgedanken entwickelten Diamond, Mortensen und Pissarides das Such-und-Matching-Modell. Anhand dessen lässt sich berechnen, wie lange Marktteilnehmer suchen, um den richtigen "Partner" auf der anderen Seite zu finden. So konnten sie auch erklären, warum es in einer Volkswirtschaft zu Arbeitslosigkeit kommt, selbst wenn viele Stellen unbesetzt sind.

Die Modelle, die die drei Forscher entwickelten, machen aber an dieser Stelle nicht halt. So geben sie zum Beispiel auch Aufschluss darüber, wie der Staat die Entscheidungen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern beeinflusst: Wie hoch er den Mindestlohn ansetzt zum Beispiel. Wie lange er Arbeitslosengeld zahlt. Oder wie effizient er die Arbeitsvermittlung organisiert.