USAEine Gesellschaft zerfällt

Die Oberschicht Amerikas ist nicht mehr bereit, in die Zukunft des Landes zu investieren. Trotz ihres Reichtums droht den USA deshalb Stagnation. von Jeffrey Sachs

Ein Obdachloser schläft in einem Sessel

Ein Obdachloser schläft in einem alten Sessel   |  © Getty Images

Amerikas Politik- und Wirtschaftskrise wird sich nach den Wahlen im November aller Voraussicht nach verschlimmern. Wahrscheinlich werden alle großen Gesetze und Reformen bis nach der Präsidentschaftswahl 2013 blockiert. Von den in zwei verfeindete Lager gespaltenen Vereinigten Staaten ist keine Führung zu erwarten.

Ein Großteil der Amerikaner ist in sehr schlechter Stimmung. Beide politischen Parteien bedienen ihre reichen Wahlkampfsponsoren, während sie behaupten, die Mittelschicht zu vertreten. Keine der beiden Parteien erwähnt die Armen überhaupt, die jetzt offiziell 15 Prozent der Bevölkerung ausmachen, tatsächlich aber noch viel zahlreicher sind. Die Republikanische Partei hat vor kurzem ein "Versprechen an Amerika" (Pledge to America) veröffentlicht, um ihre Anschauungen und Wahlkampfversprechen zu erläutern. Das Schriftstück ist voll von Unsinn, z. B. der albernen Behauptung, hohe Steuern und Überregulierung erklärten Amerikas hohe Arbeitslosigkeit.

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Amerika stellt heute das Paradox eines reichen Landes dar, das auseinanderbricht, weil seine innersten Werte zerfallen. Die amerikanische Produktivität zählt zu den höchsten auf der Welt. Das nationale Durchschnittseinkommen pro Kopf liegt bei ungefähr 46.000 Dollar - genug, um davon zu leben. Dennoch wird das Land von einer hässlichen moralischen Krise geplagt.  

Jeffrey Sachs
Jeffrey Sachs

ist Ökonom und Professor an der Columbia University. Sachs ist auch Autor verschiedener Bücher (Wohlstand für viele, Das Ende der Armut).

Die Einkommensungleichheit ist so hoch wie nie, aber die Reichen behaupten, sie hätten keine Verantwortung für den Rest der Gesellschaft. Sie lehnen es ab, die Mittellosen zu unterstützen, und verteidigen Steuersenkungen bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Fast alle beschweren sich, fast alle setzen sich aggressiv für ihre eigenen beschränkten und kurzfristigen Interessen ein, und fast alle geben den Anspruch völlig auf, nach vorn zu blicken oder auf die Bedürfnisse anderer einzugehen.

Was in Amerika als politische Debatte gilt, ist ein Wettbewerb zwischen den Parteien, der Mittelschicht größere Versprechungen zu machen, vor allem in Form von Steuersenkungen, die den Haushalt sprengen - wobei das Haushaltsdefizit bereits über zehn Prozent des BIP beträgt. Die Amerikaner scheinen zu glauben, dass sie ein natürliches Recht auf staatliche Leistungen hätten, ohne Steuern zu bezahlen. Im politischen Wortschatz Amerikas werden Steuern als Freiheitsberaubung definiert. 

Es gab eine Zeit, und sie ist gar nicht so lange her, als die Amerikaner davon sprachen, der Armut im In- und Ausland ein Ende zu setzen. Lyndon B. Johnsons "Krieg gegen die Armut" Mitte der 1960er-Jahre zeugte von einer Ära des nationalen Optimismus und von dem Glauben, dass die Gesellschaft sich gemeinsam anstrengen sollte, um Probleme wie Armut, Umweltverschmutzung und mangelnde Gesundheitsfürsorge zu lösen.

Heutzutage traut sich kein Politiker, Hilfe für arme Menschen überhaupt anzusprechen. Die großen Wahlkampfsponsoren beider Parteien zahlen, um sicherzustellen, dass ihre Eigeninteressen die politischen Debatten beherrschen. Das Ergebnis dieser Entwicklungen wird wahrscheinlich ein langfristiger Rückgang der Macht und des Wohlstands der USA sein, da die Amerikaner nicht mehr kollektiv in ihre gemeinsame Zukunft investieren. Amerika wird noch lange eine reiche Gesellschaft bleiben, allerdings eine zunehmend gespaltene und instabile. Angst und Propaganda führen unter Umständen zu mehr internationalen Kriegen unter US-Führung wie im vergangenen Jahrzehnt.

Und was in Amerika geschieht, wird wahrscheinlich auch anderswo wiederholt. Aufgrund seiner äußerst multikulturellen Gesellschaft ist Amerika anfällig für soziale Zerrüttungen. Rassismus und Ressentiments gegen Einwanderer sind in großen Teilen für den Angriff auf die Armen verantwortlich oder erklären zumindest, warum so viele bereit sind, auf die Propaganda gegen die Unterstützung der Armen zu hören. Andere Gesellschaften, die mit ihrer eigenen zunehmenden Diversität ringen, könnten den USA in die Krise folgen.

In Frankreich hat die Regierung von Nicolas Sarkozy versucht, ihre Popularität wiederherzustellen, indem sie Roma ausweisen ließ. Europa ist wie die USA anfällig für eine Politik der Spaltung, wenn die ethnische Vielfalt in unseren Gesellschaften zunimmt. Die Lektion aus Amerika lautet, dass Wirtschaftswachstum allein keine Garantie für Wohlergehen oder politische Stabilität ist.

(Erschienen im Handelsblatt)

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Leserkommentare
    • Chali
    • 14. Oktober 2010 11:19 Uhr

    " ... die Reichen behaupten, sie hätten keine Verantwortung für den Rest der Gesellschaft."

    Da weiss man noch, dass "die Gesellschaft" Verantwortung für die Reichen zu übernehmen hat!

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    Fraglich, ob die meisten Deutschen wissen, dass

    - 11 % der "Deutschen ohne Migrantenhintergrund" und
    - 27 % der "Deutschen mit Migrantenhintergrund"

    von der Armut betroffen sind (unter Armutsgrenze). Wer diesem Umstand nicht der Wirtschaftspolitik die Schuld gibt, hat ein sehr egoistisches und egozentrisches Gesellschaftsbild, will ich meinen. Zur Quelle: Einfach mal recherchieren. Ich habe sie nicht gerade parat, verbürge mich aber für ihre Richtigkeit, da ich mit solchen Zahlen beruflich häufig konfrontiert werde.

  1. ersetzt man im Text "USA" mit "BRD", bleibt er genauso schlüssig und richtig.

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    ...@ 2 völliger Blödsinn. Deutschland hat ein sehr viel höheres Steuerniveau und infolge dessen einen intakten Sozialstaat.

  2. Amerika hat ein ähnliches Problem wie z.B. Deutschland auch: Die Ursachen werden nicht erkannt und es wird an falscher Stelle nach den Schuldigen gesucht. Das führt dazu, dass sinnvolle Reformen nicht gemacht werden oder sogar genau in die falsche Richtung gesteuert wird.

    Ist die Infrastruktur, die Bildung oder auch Krankenversorgung mit öffentlichen Mitteln nicht mehr finanzierbar, denkt man nicht über höhere Steuern für Gut- und Spitzenverdiener nach...nein...man belastet wieder nur die verbleibende Mittelschicht. Der Binnenkonsum liegt am Boden, weil das Kapital am oberen Ende der Gesellschaft lieber in die aufgeblähten Kapitalmärkte gepumpt wird, die eine Blase nach der anderen produzieren.

    Diese Zusammenhänge werden aber garnicht erkannt. Schuld sind die Chinesen, die das Land mit billigen Importen überfluten...natürlich.

    Die unglaubliche Summe von 700 Milliarden wird im Jahr ins Militär gepumpt für Kriege, die nicht zu gewinnen sind. Doch das wird nicht thematisiert...man muss sich ja schützen vor pösen Terroristen. Propaganda finanziert von den Lobbies verfestigt diese Lügen in den Köpfen der Amerikaner.

    Bei uns gibt es wenigstens langsam ein Umdenken, dass neoliberale Politik als solche erkennt und diese Parteien verlieren an Zustimmung.

    Amerika braucht dank völlig manipulierter Medienlandschaft wohl noch ein bisschen um soweit zu sein.

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    • Impuls
    • 26. Januar 2011 17:29 Uhr

    weil sie über Kriege und Kriegspropaganda (nur bei uns gibt es Freiheit...) die erste Macht in der Welt wurden und es schafften, die verarmten und irritierten Talente der kaputt geschossenen Länder dann über Lügengeschichten und materielle Versprechen sich zu ziehen.
    Heute wird das nüchtern betrachtet und die Show geht langsam für die Amis zu Ende.

  3. Ein sehr guter Artikel - Kompliment an die Zeit.

    Habe selbst 2007 drüben diese menschliche Perversion erlebt. Menschen krochen durch große Mülltonnen, hatten abgefaulte Finger, sammelten Zigarettenstumpen, einer lag morgens tot auf der Strasse (Hatte bei <> 0 Grad draussen in Mülltüten übernachtet).
    Neben diesem Elend, liefen keinen Meter weiter Teenager mit Gold Card, Protzkarren fuhren vorbei usw. Das war so extrem bipolar dass selbst asiatische Manager (Japan, Taiwan, Südkorea) sagten, das sei Scheisse hier.
    Schon damals war klar dass es eine Immobilienblase gab, Familien konnten sich die exorbitanten Mieterhöhungen nicht mehr leisten, tausende waren in der Gefahr auf der Strasse zu landen.
    Das der aufgeklärte Westen sich mit all seinem Kapital und daher Möglichkeiten aufmacht so abzusteigen ist einfach unglaublich. Wer erstmal den Anschluss an die schnellen Entwicklungen verloren hat - wird global niedergehen.

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    • lapidar
    • 14. Oktober 2010 12:25 Uhr

    dass solche Entwicklungen in den meisten Fällen in Aggression enden - meist gegen andere Staaten.

    gegen andere Ethnien.

    • kyoken
    • 14. Oktober 2010 11:58 Uhr

    Kompliment an die Zeit!

  4. Hoffentlich schaffen wir es noch die Kurve zu kratzen. Dazu müssen wir Kurs halten und die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse müssen, anstatt bei den Reichen in den USA via Finanzkasino zu landen, bei unseren fleißigen Leistungsträgern mit den unteren und mittleren Einkommen landen. Denn denen stehen Sie zu und denen geht es seit der deutschen Wiedervereinigung immer schlechter.

  5. Was die Vereinigten Staaten jetzt beschäftigt, sind die Kongresswahlen am 02.11. derzeit ist wohl alles auf dieses fokusiert.

    Die Infrastruktur der USA schwächelt und ist nicht gerade wohl das up to date oder nonplusultra, hier wurde einfach zu wenig investiert in den letzten Jahren.

    Binnenschifffahrt, Eisenbahn-/Güterverkehr, Stromversorgung, Müllentsorgung und wiederverwertung, all das war und ist im Hintertreffen, hier scheint Obama ein Berg von Arbeit vor sich zu haben, das er Stufe für Stufe abtragen will, aber die "Tea Party" Moralapostel sind allgegenwärtig.

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    • cvnde
    • 14. Oktober 2010 15:21 Uhr

    Seit wann gibt es sowas denn in Amerika? Wenn dann maximal für Massengüter oder Gefahrtransporte.

    Wenn man an die Pfründe der Trucker wirklich ran gehen wollte, dann hätte man einen zweiten Bürgerkrieg.

    Dabei sind die USA eingentlich das perfekte Land für schienen, sobald man im Osten das Küstengebirge hinter sich hat gibt es bis zum "Vater der Wasser" eigentlich kein Hindernis mehr.
    Man könnte dort hoch effiziente Schienenverkehre einrichten und auch erproben, mit Geschwindigkeiten von sicher 350 km/h und mehr auch für Güterverkehre.

    Die TUs, die an sowas basteln könnte hätte man auch, man müsste es nur mal wollen.

    • marv_k
    • 14. Oktober 2010 12:07 Uhr

    Klingt vielleicht übertrieben, aber das ist doch mehr als nur eine temporäre Krise.

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    • Sirjony
    • 14. Oktober 2010 14:54 Uhr

    US-Amerika ist schon fast am Vietnamkrieg zuerbrochen, aber vielleicht wird sich die USA neben Russland einpendeln:
    ein Land mit einer gewaltigen Fläche, größerem außenpolitischen Einfluss, einer verkümmernden Supermacht.

    Auch wenn hier relativ viele die USA hassen würde ich mir trotzdem eine gesunde USA zurückwünschen, die sich mit irgendwelchen Terroristen prügelt, der Welt Frieden schenken will und "liberty and freedom" verköpert.

    Japan ist seit knapp 20 Jahren in wirtschaftlicher Stagnation und kann sich nicht erholen.

    Die EU entfernt sich innerlich und arbeitet kontraproduktiv, bis da was gemeinsames kommt dauerts noch.

    China als neue Supermacht gefällt mir nicht wirklich, leider sind wir wirtschaftlich an sie gekoppelt.

    Auch wenn hier relativ viele die USA hassen würde ich mir trotzdem eine gesunde USA zurückwünschen, die sich mit irgendwelchen Terroristen prügelt, der Welt Frieden schenken will und "liberty and freedom" verköpert.

    Genau deswegen scheitern doch die USA gerade!

    Niemand hasst die USA als Land oder als Volk.
    Es sind die Aktivitäten der Administrationen bzw. der kleinen Gruppierung dahinter, die verhasst sind und das Land zu Grunde richten (und damit einen großen Teil der Welt mitziehen).

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