Bisphenol A : Lebensmittelbehörde der EU soll mit der Industrie verbandelt sein

Das umstrittene Bisphenol A fließt vielfach in Kunststoffe ein. Der EU-Stelle für Lebensmittelsicherheit wird nun vorgeworfen, zu eng mit der Industrie verquickt zu sein.

Die Substanz ist im Alltag allgegenwärtig. Sie steckt in Lebensmittelverpackungen und Kunststoffgeschirr, in Kassenquittungen, Babyflaschen, CDs oder Zahnfüllungen. Bisphenol A, kurz BPA, ist der Grundstoff für Polycarbonat, einem der meist verwendeten Kunststoffe. Mehr als eine Million Tonnen der Chemikalie produzieren Europas Chemieunternehmen im Jahr. Aber trotz der weiten Verbreitung sind die gesundheitlichen Risiken, die mit der Verwendung von BPA einhergehen, bis heute nicht geklärt.

Zahlreiche Wissenschaftler warnen, der Stoff könne auch in kleinster Dosierung bei Babys und Kleinkindern die Hirnentwicklung beeinträchtigen und bei Erwachsenen Diabetes fördern oder die männliche Fruchtbarkeit schädigen. Die Industrie und die zuständige Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) halten dagegen die im Alltag aufgenommen Mengen für so gering, dass sie keine Gefahr sehen.

Dieser schon seit Jahren geführte Streit erhält nun neue Nahrung. Recherchen des MDR ergaben, dass Mitarbeiter der in Parma in Italien angesiedelte EFSA eng mit der interessierten Industrie verbunden sind und sogar direkt für deren Verbände arbeiten. Die EFSA, meint darum Sarah Häuser, Chemieexpertin der Umweltorganisation BUND, sei "regelrecht unterwandert". Die im September noch einmal bestätigte Entscheidung der Behörde zur Unbedenklichkeit von BPA zeige "deutlich, dass die interessierte Industrie dort mehr Gehör findet als unabhängige Forscher." Diesen Eindruck bestätigt auch Andreas Gies, Fachmann für Umweltchemikalien beim Umweltbundesamt (UBA). Die EFSA stütze sich fast ausschließlich auf Studien, die von der Industrie bezahlt seien und "die Finanzierung bestimmt das Ergebnis", klagt Gies.

Für fragwürdig halten die Kritiker insbesondere die Verbindung der EFSA mit dem International Life Sciences Institute (ILSI), das weltweit Studien über Umwelt und Gesundheit erstellen lässt. Die Organisation finanziert sich überwiegend aus Beiträgen von Unternehmen der Chemie- und Lebensmittelbranche, darunter auch die Hersteller von BPA wie Bayer oder der US-Konzern Dow Chemical. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schloss darum schon 2006 das ILSI bei der Festlegung von Normen für die Belastung von Wasser und Nahrung aus. Das sehen die Verantwortlichen bei der EFSA nicht so eng.

Umstritten ist etwa der Fall der ungarischen Wissenschaftlerin Diána Bánáti, die dem Verwaltungsrat der Behörde vorsteht. Dessen Hauptaufgabe ist die Besetzung der Expertengremien, deren Mitglieder die Empfehlungen für die Gesetzgebung ausarbeiten. Bánáti hat damit durchaus Einfluss auf deren Zusammensetzung. Das hinderte sie jedoch nicht, auch als Vorstandsmitglied beim Industrieinstitut ILSI zu arbeiten. Erst als der grüne EU-Abgeordnete José Bouvé jüngst diese Verquickung als unvereinbar mit der nötigen Unabhängigkeit der Behörde kritisierte, reichte Bánáti ihren Rücktritt ein – allerdings nicht bei der Behörde, sondern nur bei dem Lobbyverband. Daneben ist aber mit dem slowakischen Forscher Milan Kovac noch ein weiterer ILSI-Vorstand im Verwaltungsrat der EU-Behörde tätig.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Neues von der Lebensmittel-Mafia

Schon der alte Marx hatte vor rund 150 Jahren das Strecken von billigem Brot für Arbeiter mit Sägespänen kritisiert.

Im Vergleich zu heutigen Machenschaften der Lebensmittel-Mafia erscheint das geradezu harmlos, fast naiv.

Na, dann werden Sie bitte bald mal fertig mit Ihrem Meinungsbildungsprozess, sehr verehrte Frau Aigner!

Seit 1516 gibt es das Deutsche Reinheitsgebot,

und gegen gestrecktes oder gepanschtes (Bilsensamen, etc.) Bier vorzugehen. Im antiken Rom und Griechenland gab es Strafen für verdünnten Wein oder Olivenöl.

In Deutschland wird aber reichlich übertrieben, so etwas im Falle der "Zimtsterne des Todes", wegen des angeblichen "hochgefährlichen" Cumarins, die bisher aber nicht belegt wurde, sondern rein hypothetisch ist, und nur Folgen bei extremer Überdosierung an Ratten hatte.