Es ist etwas Sensationelles geschehen und in Deutschland hat es kaum jemand zur Kenntnis genommen. Zum ersten Mal seit 40 Jahren hat sich eine amerikanische Regierung explizit bereit erklärt, über eine neue globale Geldordnung nachzudenken und hat selbst einen ernsthaften Vorschlag dazu gemacht.

Der amerikanische Finanzminister Timothy Geithner, hat seinen Kollegen in der Gruppe der zwanzig größten Nationen (G 20) vorgeschlagen, Unter- und Obergrenzen für Leistungsbilanzdefizite und -überschüsse festzulegen und eine Politik zu betreiben, damit diese Ziele auch erreicht werden. Das ist mehr als bemerkenswert, weil die USA damit zum ersten Mal seit Beginn der 1970er Jahre, also seit dem Ende des Bretton Woods genannten Währungsregimes, anerkennen, dass über den Markt ein Ausgleich der Leistungsbilanzsalden nicht systematisch erfolgt. Stattdessen muss die Politik diese Aufgabe übernehmen.

Bis vor wenigen Wochen hatten die Amerikaner darauf gedrungen, dass vor allem China seine Währung dem Devisenmarkt übergeben müsse, um den richtigen Wechselkurs, will heißen einen deutlich aufgewerteten Yuan, zu finden. Die Vorstellung vom effizienten Markt ist aber spätestens seit dem Tag in sich zusammengebrochen, an dem der brasilianische Finanzminister – es war erst Ende September – von einem "Währungskrieg" in der Welt sprach. Guido Mantega beklagte lauthals, dass die internationalen Kapitalmärkte sein Land mit so viel spekulativem Geld fluteten, dass Brasilien sich praktisch nicht mehr wehren könne. 

Er wies völlig zu Recht auf das Versagen der Finanzmärkte und auf ihre zerstörerische Kraft für die Realwirtschaft hin. Brasilien erhält das Geld aus dem Ausland nämlich nicht, weil es so gut da steht und so attraktive langfristige Anlagemöglichkeiten für Investoren in Sachkapital anbietet, sondern weil in dem Land die Inflation immer noch relativ hoch ist und deswegen die Notenbank die kurzfristigen Zinsen hoch hält, jedenfalls höher als in anderen Ländern.

Das führt dazu, dass viele internationale Spekulanten, also Hedgefonds, Investmentbanker oder gar die berühmten japanischen Hausfrauen die Zinsdifferenz zwischen Brasilien und einem absoluten Niedrigzinsland wie Japan ausnutzen. Sie tragen Kapital vom Niedrigzins in das Hochzinsland – auf neudeutsch wird das carry trade genannt. Da man an den Finanzmärkten – anders als beim Pferderennen – immer besonders viel gewinnt, wenn besonders viele auf das gleiche Pferd setzen, resultiert ein massiver carry trade in einer Aufwertung der Währung eines Landes mit relativ hoher Inflation. Die Gewinne der Spekulanten steigen so sogar noch weit über die Zinsdifferenz hinaus.

Der Markt löst das Problem nicht

Realwirtschaftlich ist das eine Katastrophe: Weil im Gefolge des Geldzustroms die brasilianische Währung aufwertet, verliert ein Land, das eigentlich wegen seiner relativ hohen Inflation eine Abwertung bräuchte, durch diese perversen Marktkräfte massiv an internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Über kurz oder lang drohen ihm große Leistungsbilanzdefizite und schließlich eine Währungskrise.

Diesen Irrsinn haben bisher weder die internationale Politik noch die sogenannten ökonomischen Experten ins Visier genommen geschweige denn abzustellen versucht. Sie sitzen wie die Kaninchen vor der Schlange und setzen auf den "Markt" als den einzigen Wahrheitsfinder. Dabei sind sie unfähig oder unwillig zuzugeben, dass freie Devisenmärkte Währungen über lange Zeit in die absolut falsche Richtung treiben und damit Währungskrisen mit all ihren Folgen selbst erzeugen. Ungarn, Island oder die Ukraine lassen in jüngerer Zeit ebenso grüßen wie vor mehr als zehn Jahren Brasilien, Argentinien, Korea oder Thailand.

Eine überraschend einfache Lösung für das Problem der Handelsverzerrungen durch falsche Wechselkurse und für die Beendigung der Spekulation findet sich, wenn man dafür sorgt, dass Wechselkurse den entscheidenden Fundamentaldaten der beteiligten Länder permanent folgen. Entscheidend sind die Inflationsdifferenzen oder besser noch die Differenzen in den Lohnstückkosten, also die Differenzen, die sich dadurch ergeben, dass die Löhne von den jeweils nationalen Produktivitätspfaden abweichen.

Nur wenn die Wechselkurse diesen Differenzen folgen, bleibt die Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaften erhalten und können die Unternehmen über Grenzen hinweg miteinander in einen Wettbewerb um die höchsten Produktivitätssteigerungen treten. Da zugleich die Zinsdifferenzen vorwiegend von den Inflationsdifferenzen bestimmt werden, sorgt diese Regel auch dafür, dass die Anreize für den carry trade weitgehend verschwinden.

Wie macht man das? Nun, man einigt sich qua internationalem Übereinkommen auf diese Regel und die Märkte werden an sie glauben, weil ihnen gar nicht anderes übrig bleibt. Kein Hedgefonds und kein Investmentbanker der Welt würde es auch nur versuchen, mit der Notenpresse eines Landes in Konkurrenz zu treten. Genau das müssten sie bei dieser Lösung aber, weil bei einem solchen internationalen Übereinkommen immer auch die Notenbanken der Länder beteiligt sind, deren Währung unter Aufwertungsdruck stehen. Die können jedoch an den Devisenmärkten in ihrer eigenen Währung beliebig stark intervenieren, weil sie die bekanntlich drucken können.

Ist Protektionismus schlimmer als Planwirtschaft?

Dann ergäbe sich die amerikanische Lösung quasi automatisch, weil unhaltbare Leistungsbilanzüberschüsse und -defizite gar nicht erst entstünden. Bleibt nämlich die Wettbewerbsfähigkeit der ganzen Volkswirtschaft unverändert, gibt es also keine massiven Unter- oder Überbewertungen, kann es zwar noch Leistungsbilanzsalden geben, aber die sind harmlos und können hingenommen werden.

Nur wenn sich, wie es derzeit in der Europäischen Währungsunion der Fall ist, eine Volkswirtschaft durch Lohndumping absolute Vorteile erworben hat, die nicht durch eine Abwertung der Währung der anderen ausgeglichen werden kann und deswegen zu laufend steigenden Marktanteilen dieser Volkswirtschaft führt, wird die Situation für die Defizitländer auf längere Sicht untragbar. Sie können den Gläubigern nicht mehr erklären, wie sie die Schulden oder auch nur den Schuldendienst bezahlen wollen, wenn alle ihre Unternehmen international dauernd zurückfallen.

Wer sollte gegen einen solchen Vorschlag sein, wenn die Amerikaner dafür sind und die Chinesen dafür sein müssen, weil er den Druck von ihnen für eine einseitige Aufwertung nimmt? Die Europäer können nicht glaubhaft nein sagen, weil sie selbst genau diesen Weg gegangen sind, um ihren Binnenhandel nicht länger den absurden Ausschlägen von Währungsmärkten zu überlassen.

Interessanterweise wird auf diesem Wege Deutschland genau die Diskussion über seinen hohen und steigenden Leistungsbilanzüberschuss aufgezwungen, die es in der Europäischen Währungsunion um jeden Preis zu vermeiden versucht. Die ganze in diesen Tagen wieder hochgefahrene deutsche Kampagne gegen die "Sünder" mit den großen Haushaltsdefiziten in den anderen Ländern hat ja nur das Ziel, vom eigentlichen Problem der riesigen Leistungsbilanzungleichgewichte in der Währungsunion abzulenken, weil bei Letzterem Deutschland mit seinen Überschüssen automatisch mit auf der Anklagebank sitzt.

Nur so ist auch zu erklären, dass der deutsche Wirtschaftsminister gesagt hat, der Vorschlag der USA sei ein Rückfall in "planwirtschaftliche Verhältnisse". Das heißt nichts anderes, als die USA mit einem Totschlagargument zu kritisieren, weil sie vorschlagen, ein Währungssystem einzuführen, das vergleichbar mit dem ist, das Europa und Deutschland das Wirtschaftswunder der 1950 und 1960er Jahre ermöglicht hat. Wer so redet und nichts für seine eigene Binnennachfrage tut, muss sich fragen, was er den anderen vorwerfen wird, wenn die Ernst machen mit der Reduktion ihrer Defizite und ihre Grenzen ganz einfach für die Produkte der notorischen Überschussländer schließen. Ist Protektionismus schlimmer als Planwirtschaft? Wir bieten Wetten an: Genau dann wird man sich die Planwirtschaft zurückwünschen.