Telekom : "Wir sind keine Zensurbehörde!"

Droht ein Zwei-Klassen-Internet? Im Interview verteidigt Telekom-Chef René Obermann den Plan, gewissen Daten Vorrang zu geben – und kontert die Kritik aus dem Netz.
René Obermann führt die Deutsche Telekom seit 2006

ZEIT ONLINE: Herr Obermann, Sie sagen: Manager großer Firmen müssen wissen, wohin sich das Netz bewegt . Wohin bewegt es sich?

René Obermann: Das Internet durchdringt schon jetzt fast alle Bereiche des täglichen Lebens und es wird vor allem mobiler, in rasantem Tempo. Vieles, was Sie früher am Computer daheim gemacht haben, geschieht heute mit mobilen Endgeräten. Die USA und Europa sind ganz vorn in diesem Wachstumsmarkt. Wir wollen in fünf Jahren mit dem mobilen Internet rund zehn Milliarden Euro weltweit umsetzen. In den ersten neun Monaten 2010 waren es 3,2 Milliarden. Andererseits gibt es auch etwas, was mir an dieser Entwicklung Sorge bereitet.

ZEIT ONLINE: Nämlich?

Über Netzneutralität

Obermann: Die Nachfrage nimmt rasch zu, die Datenmengen explodieren förmlich : weltweit um den Faktor 30 bis 40 in den kommenden Jahren! Wir investieren zwar Milliarden in den Ausbau des Netzes, aber wir müssen trotzdem aufpassen, dass wir schnell genug sind. Sonst passiert das, was wir bei Wettbewerbern in einigen Ballungsräumen in den USA schon beobachten können: Gespräche brechen ab, von Videotelefonaten ganz zu schweigen, Filme ruckeln, im Netz entsteht ein Stau. Das müssen wir verhindern.

ZEIT ONLINE: Der Ausbau neuer, leistungsfähigerer Netze mit der Long-Term-Evolution-Technik LTE beginnt gerade erst – und er kostet die Telekom viel Geld. Wie wollen Sie die Investitionen wieder reinholen?

Obermann: Wir investieren nicht nur in LTE, sondern in verschiedene Technologien für neue Breitbandnetze. Es liegt insbesondere an der europäischen Regulierung, wie gut die Telekomunternehmen in der Lage sein werden, ihre Investitionen angemessen zurückzuverdienen. Wenn sie gezwungen werden, auch die neue entstehende Infrastruktur zu Billigstkonditionen an Wettbewerber zu überlassen, dann wird es schwierig.

ZEIT ONLINE: Sie waren einer der ersten in Deutschland, der gefordert hat, spezielle Vorfahrtsregeln für Daten einzuführen : Wer größere Mengen verschickt, soll sie schneller befördern können. Gegen Bezahlung versteht sich. Kritiker sagen: Die Telekom will ein Zwei-Klassen-Internet, in dem das Geld entscheidet, wie schnell Inhalte ankommen.

Obermann: Das sehe ich anders. Selbst einige Experten aus der Internetgemeinde sagen, dass in Zukunft die Netzkapazitäten besser gemanagt werden müssen. Das heißt konkret, je nach Service unterschiedliche Qualitätsstufen bereitstellen – ohne den heutigen Standard zu verschlechtern. Alle Inhalteanbieter und alle Kunden müssen Zugang zu diesen Stufen haben. Das ist wichtig, damit zum Beispiel in der Telemedizin Bilder einer Fern-OP in bester Qualität übertragen werden und schneller ans Ziel kommen als eine E-Mail, auf die man auch ein paar Sekunden länger warten kann. Also müssen einige Datenpakete schneller übertragen werden als andere.

ZEIT ONLINE: Anders gesagt: Wer will, dass seine Daten schneller ankommen, muss mehr zahlen. Geld gegen Geschwindigkeit.

Obermann: Wer eine zusätzliche Leistung in Anspruch nimmt, also als Kunde höchstmögliche Bandbreite garantiert haben will, zahlt dann auch ein bisschen mehr – ja. Wichtig ist das Zusätzliche. Ich kann nicht akzeptieren, dass wir unsere Netze ständig mit Milliarden modernisieren, ohne neue Umsatzchancen zu haben. Ich sehe den Konflikt nicht. 

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Kommentare

54 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Freiheit im Netz ist Freiheit in der Gesellschaft

Eine Gesellschaft, die sich ihrer Freiheit durch Sicherheit beschränkt, hat beides nicht verdient.

Und die Habgier, getragen durch die Telekom und Herrn Obermann, bringt zudem eine neue Dimension in diese Betrachtung, nämlich die, dass es einzelne Großanbieter es sich anmaßen, die Freiheit an sich nach unternehmenseigenen 'Policies' zu differenzieren.

Google ist längst unterwegs, diese Differenzierung durch die Datensammelwut voranzutreiben, erfährt aber erstmals sehr intensiven politischen Widerstand in den USA selbst.

Für uns als Gesellschaft bleibt die Frage, ob wir diese Freiheit verdienen oder ob wir uns willenlos und desinteressiert verhalten...

Schon richtig, aber..

Im Prinzip stimme ich ihnen zu, allerdings ist das Verfahren zum Feststellen des Datensenders - also das Hereinschauen in die eigentlichen Datenpakete und Auswerten des Inhalts - das Problematische.
Wenn alle Daten sowieso inspiziert werden lässt sich mühelos ein Filter zwischenschalten, der (ob nun zu Terrorabwehr, Überwachung oder auch 'nur' zu kommerziellen Zwecken) den Nutzer schnell einsortiert.

Es sieht aus, als...

....würden die Meinungen zur Qualität dieses Beitrags auseinander gehen. Das erinnert mich an die Meinungsfreiheit und den Hustler. Da kann ich auch nur sagen, dass es richtig war die Freiheit seine Meinung zu äußern über die vergängliche Sittlichkeitsempfinden einer prüden Gesellschaft zu stellen.

Eine Zeitungsredaktion, die bestimmen will, was richtig ist an Meinung und was Falsch, hat offensichtlich die Aufgabe und Funktion der 4ten Gewalt nicht recht verstanden.

sehe ich anders

"Wer eine zusätzliche Leistung in Anspruch nimmt, also als Kunde höchstmögliche Bandbreite garantiert haben will, zahlt dann auch ein bisschen mehr – ja. Wichtig ist das Zusätzliche...."

wichtig ist das ZUSÄTZLICHE! Wenn, was Herr Obermann sagt, das Netzt NICHT langsamer wird, also die Geschwindigkeit NICHT gedrosselt wird, dann bleibt doch für den "Normalnutzer" alles so, wie es heute schon ist. Und DAS würde mir zumindest reichen. Falls ich noch schnellere Leitungen benötige, muss ich eben zusätzlich bezahlen. Aber das ist doch überall so. Und das ist auch jetzt schon lange so, denn eine höhere Bandbreite kostet deutlich mehr, als eine "schmale" bandbreite...

Was selbstverständlich NICHT eintreten darf ist, dass die regulären Bandbreiten zu lasten der schnellen deutlich gedrosselt werden. Aber das soll ja (angeblich) nicht passieren.

Erzählen Sie das mal den Kunden

die eine schnelle Leitung bei der Telekom bezahlen und eine langsame bekommen.

Ich erinnere mich noch zu gut wie wir uns in meiner ersten WG gefreut haben, als die Telekom uns die erhöhte Rechnung präsentierte für die schnellere 1 MBit Leitung und und wir diese statt der 0,7er zahlen durften und weiterhin mit maximal 0,3 MBit ins Netz kamen.

Ach was haben wir uns gefreut.