Demonstrant mit irischer Fahne in Dublin: Das Land versucht, der Krise zu entkommen – und beantragt dafür Hilfen aus Europa © Peter Muhly/AFP/Getty Images

Der irische Bauunternehmer Michael Finnerty biegt mit seinem schwarzen Mercedes-Geländewagen von der Straße ab in einen Feldweg, nach drei Minuten erreicht er einen sandigen Platz. Dort, auf dem platten Land abseits der Touristenströme in Westirlands Provinz Galway, hat er sie geparkt für bessere Tage: Seine Kipplaster von Volvo und Planierraupen von Caterpillar. Ein gutes Dutzend PS-Monster mit fast mannshohen Reifen, die sofort losstampfen könnten, wenn nur jemand käme, um den Diesel anzulassen. "Die drei gehen bald in den Irak", sagt Finnerty im Vorbeirollen. Dort würden sie für den Aufbau gebraucht. "Aber ein paar werde ich behalten. Den nächsten Auftrag haben wir schon sicher", sagt er.

Für Finnerty ging es bisher immer nur bergauf: In den siebziger Jahren beschäftigten sich er und seine Brüder vor allem mit dem Stechen von Torf. Der wurde auf dem Feld getrocknet und in den Öfen der Region verheizt. Dann kaufte die Familie erste schwere Zugmaschinen, die sie gegen Gebühr verlieh. In den Neunziger Jahren stellte sich die Inselwirtschaft auf den Kopf: Irland, das sich bisher nur auf seine Landwirtschaft gestützt hatte, senkte unter einer wirtschaftsliberalen Regierung radikal die Unternehmensteuern und lockte große Hightechkonzerne wie IBM, Dell, Microsoft, Intel, GE, Pfizer. Sie stellten ihre Fabriken, Europazentralen und Callcenter in die irische Provinz und profitierten von vielen gut ausgebildeten – und englischsprachigen – Hochschulabsolventen. Die Insel im äußersten Westen Europas, nur halb so groß wie Bayern und mit 4,5 Millionen Einwohner weniger stark bevölkert als Berlin und Brandenburg, wurde zum Tor für die US-Industrie nach Europa.

Für Finnerty bedeutete dieser Umstand Aufträge ohne Ende. Denn die Konzerne verlangten von der Regierung in Dublin, dass diese in die Infrastruktur investiert. Bis vor rund zehn Jahren hatte Irland nicht eine Autobahn, die den Namen verdient hätte. Finnerty erhielt als Subunternehmer spanischer Baufirmen Aufträge für mehrere Abschnitte. Das Geld dafür kam aus Dublin und Brüssel.

Die kleine Firma "Finnertys Plant Hire", die einst nur Familienmitgliedern und Freunden Arbeit gab, wuchs zu einem mittelständischen Unternehmen heran: Finnerty beschäftigte vor zwei Jahren rund 130 Arbeiter, darunter Zuwanderer aus Polen und Brasilien. Heute sind es noch 35.

Die irischen Jugendlichen, von denen sechs von zehn mit spätestens 25 Jahren eine Uni verlassen, heuerten in den guten Jahren bei den ausländischen Großkonzernen an, viele auch bei Versicherungen, Banken, Immobiliengesellschaften. Irlands Wirtschaft wuchs auch in den ersten Jahren des Jahrtausends um bis zu acht Prozent jährlich. Das Land wurde sogar EU-Nettozahler, die Presse taufte es "keltischer Tiger" und bedauerte zugleich den "kranken Mann Europas": Deutschland.

Dublin näherte sich, was die Höhe der Lebenshaltungskosten anging, London, Tokio und New York an. Spätestens da ahnten die ersten Iren, dass etwas nicht stimmte. Die Neureichen wiederum wussten nicht, wohin mit ihrem Geld und steckten es weiter in Immobilien. Makler wiederum reinvestierten es in hochriskante Finanzprodukte. Einige Banken finanzierten jungen Menschen ohne einen Euro Eigenkapital Wohnimmobilien zu 100 Prozent. Bis heute wohnt kaum jemand in Irland zur Miete. Das Ende ist bekannt: Im September 2008 brach alles zusammen. Und Irlands Häuser sind heute kaum die Hälfte wert.

Während Deutschlands Konjunktur nach der tiefen Krise wieder brummt, hat das kleine Land seine unverhältnismäßig großen Banken mit 50 Milliarden Euro gestützt und bürgt für sie mit 350 Milliarden, das entspricht der Wirtschaftsleistung von zwei Jahren. Ratingagenturen zweifeln an der Kreditwürdigkeit des Staates, IWF und EU stehen für Rettungszahlungen bereit. Nun will Irlands Regierung die Hilfe annehmen, nachdem sie sich lange geziert hatte – auch aus Furcht, Länder wie Deutschland könnten die Hilfszusage an die Bedingung knüpfen, den extrem niedrigen Unternehmenssteuersatz von 12,5 Prozent anzuheben.